Urteil, DieselaffÀre

Urteil zur DieselaffĂ€re - Haftstrafen fĂŒr Ex-VW-Manager

26.05.2025 - 15:51:22

LĂ€sst sich die strafrechtliche Verantwortung fĂŒr den Dieselskandal bei Volkswagen nach fast zehn Jahren noch klĂ€ren? Ein Gericht in Braunschweig sieht persönliche Schuld bei vier MĂ€nnern.

«Ein besonders schwerer Fall des Betrugs» - Die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Braunschweig hat fast zehn Jahre nach dem Auffliegen des Dieselskandals bei Volkswagen vier frĂŒhere FĂŒhrungskrĂ€fte schuldig gesprochen. Zwei Angeklagte mĂŒssen mehrjĂ€hrige Haftstrafen antreten, zwei Ex-Mitarbeiter erhielten BewĂ€hrung. 

Mit viereinhalb Jahren GefĂ€ngnis fĂŒr einen ehemaligen Leiter der Dieselmotoren-Entwicklung gingen die Richter sogar ĂŒber die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus. Der 59-JĂ€hrige stand nach Überzeugung der Kammer «im Zentrum des Geschehens» und erhielt nach fast vier Jahren Prozess mit 175 Verhandlungstagen die hĂ€rteste Strafe. 

Das Urteil ist nicht rechtskrÀftig und die juristische Aufarbeitung ist auch nach diesem Schuldspruch nicht beendet. 

Angeklagte verfolgen Urteil mit gesenktem Kopf

Ins GefĂ€ngnis soll auch ein frĂŒherer Leiter der Antriebselektronik. Der 65-JĂ€hrige wurde zu zwei Jahren und sieben Monaten verurteilt. Vor allem die beiden von der Haft Betroffenen verfolgten die mehr als dreistĂŒndige UrteilsbegrĂŒndung im nahezu vollem Gerichtssaal mit gesenktem Kopf gestĂŒtzt in gefaltete HĂ€nde. 

Der ranghöchste Angeklagte, ein Ex-Entwicklungsvorstand der Marke Volkswagen, erhielt ein Jahr und drei Monate auf BewĂ€hrung. Ein ehemaliger Abteilungsleiter wurde zu einem Jahr und zehn Monaten auf BewĂ€hrung verurteilt. Er war auch der erste VW-Mitarbeiter, der den Betrug gegenĂŒber US-Behörden zugab. 

Bauernopfer in der DieselaffÀre?

FĂŒr alle Angeklagten sah die Kammer einen bandenmĂ€ĂŸigen Betrug ab dem Zeitpunkt ihrer Kenntnis der Schummelsoftware als erwiesen an. Den verursachten Schaden bezifferte die Kammer auf etwa 2,1 Milliarden Euro, fĂŒr den aber nicht alle gleichermaßen verantwortlich seien. 

WĂ€hrend des Prozesses hatten die vier Angeklagten deutlich gemacht, dass sie sich als Bauernopfer in der DieselaffĂ€re sehen. Die Verteidiger hatten drei FreisprĂŒche und eine Verwarnung gefordert. Entsprechend fiel ihre Reaktion am Montag aus: «Das Urteil ist falsch», sagte Rechtsanwalt Philipp Gehrmann nach der VerkĂŒndung. Besonders fĂŒr seinen Angeklagten sei die Kammer mit dem Strafmaß von mehr als zwei Jahren Haft weit ĂŒber das Ziel hinausgeschossen, sagte er und kĂŒndigte Revision an. 

Manipulationen flogen 2015 in den USA auf

Der Skandal um Manipulationen bei Abgastests von Dieselautos war im September 2015 aufgeflogen. In den USA hatte der Wolfsburger Autobauer kurz zuvor falsche Testergebnisse eingerĂ€umt. Wenige Tage spĂ€ter trat Konzernchef Winterkorn zurĂŒck. VW schlitterte in eine seiner grĂ¶ĂŸten Krisen, die den Konzern nach eigenen Angaben bisher etwa 33 Milliarden Euro kostete.

Der Vorsitzende, Christian SchĂŒtz, machte deutlich, dass die vier verurteilten frĂŒheren FĂŒhrungskrĂ€fte nach Überzeugung der Kammer nicht allein die Verantwortung tragen. Die betroffenen Motoren seien von einer Vielzahl von Personen entwickelt worden, PlĂ€ne zur Abschaffung der Technik habe es nicht gegeben, sagte SchĂŒtz. Die Manipulationen mĂŒssten arbeitsteilig und in einem sehr hierarchischen System betrachtet werden. Es gebe weitere Involvierte mit SchlĂŒsselrollen, die teils gar nicht angeklagt seien. 

Richter: Zeugen mit unzutreffenden oder ungenauen Angaben

Direkt zu Beginn stellte Richter SchĂŒtz klar, dass er mit einigen Zeugenaussagen wĂ€hrend des Prozesses ĂŒberhaupt nicht einverstanden war. Zeugen hĂ€tten vorsĂ€tzlich unzutreffende oder ungenaue Angaben gemacht, da sie teilweise selbst Beteiligte seien. Mit Blick auf einen Zeugen sagte SchĂŒtz sogar, dass er die «Kammer schamlos angelogen» habe. 

Der Richter ging auch darauf ein, dass es in dem Ermittlungskomplex schon Einstellungen gegen Geldauflagen gab. Dadurch stand der Vorwurf von GefĂ€lligkeitsaussagen im Raum, um sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen. SchĂŒtz betonte, dass seine sechste Strafkammer nur fĂŒr die vier Angeklagten zustĂ€ndig sei. Er machte aber auch deutlich, dass seine Kammer einige der anderen Verfahren wohl nicht eingestellt hĂ€tte.

Weitere Verfahren im Dieselskandal

In Braunschweig sind nach dem ersten Prozess und dem Komplex gegen Winterkorn noch vier weitere Strafverfahren gegen insgesamt 31 Angeklagte offen. Wie ein Sprecher des Landgerichts nach dem Urteil ankĂŒndigte, soll das nĂ€chste Verfahren gegen fĂŒnf Angeklagte im November beginnen. 

UrsprĂŒnglich geplant war, dass der frĂŒhere Volkswagen-Konzernchef Martin Winterkorn mit auf der Anklagebank sitzt. Sein Verfahrensteil wurde aber schon vor dem Auftakt im September 2021 aus gesundheitlichen GrĂŒnden abgetrennt. Mittlerweile Ă€ußerte sich Winterkorn sowohl als Zeuge als auch als Angeklagter vor Gericht und wies dabei die Verantwortung fĂŒr den Dieselskandal entschieden von sich. 

Ein Unfall mit einem Klinikaufenthalt unterbrach den Prozess gegen den prominentesten Angeklagten aber. Ob und wann das Verfahren gegen den mittlerweile 78-JÀhrigen fortgesetzt werden kann, ist völlig offen.

@ dpa.de