ROUNDUPLegalisierung, Cannabis

Eltern sorgen sich um ihre Kinder

05.02.2024 - 06:35:04

Man kennt das von frĂŒher: Eigentlich war man noch viel zu klein, aber neugierig - und wollte unbedingt Papas Bier probieren.

Irgendwann ließ dieser sich erweichen und man kostete seinen ersten Schluck. Der schmeckte zwar in der Regel nicht, aber dass Alkohol irgendwie dazugehörte, war klar. Wiederholt sich das nun- wegen der geplanten Legalisierung von Cannabis? Ziehen baldMarihuana-Schwaden durch Wohngebiete und sind fĂŒr Kinder und Jugendliche ein Zeichen, dass Kiffen ganz normal ist? Viele Eltern dĂŒrften diese Sorge haben. Auch Experten haben Bedenken. Und je jĂŒnger die Konsumenten, desto grĂ¶ĂŸer sind die Risiken.

Cannabis ist eine psychoaktive Substanz aus der Hanfpflanze, die abhĂ€ngig machen kann. Fast zwei Drittel (63 Prozent) der Eltern mit Kindern unter 18 Jahren befĂŒrchten, dass die Hemmschwelle MinderjĂ€hriger sinkt, wenn Kiffen fĂŒr Erwachsene legal wird, wie eine in Hannover vorgelegte Forsa-Umfrage im Auftrag der KaufmĂ€nnischen Krankenkasse (KKH) ergab. FĂŒr die Untersuchung befragte das Meinungsforschungsinstitut vom 2. bis 16. Januar online und reprĂ€sentativ bundesweit 1000 Elternteile mit Kindern unter 18 Jahren. Mit 1,6 Millionen Versicherten gehört die KKH zu den grĂ¶ĂŸten bundesweiten Kassen.

Demnach befĂŒrchten 73 Prozent der Eltern GehirnschĂ€den beim Nachwuchs, wenn dieser Cannabis konsumiert. Fast ebenso vielen (70 Prozent) machen mögliche psychische AuffĂ€lligkeiten wie Stimmungsschwankungen oder AngstzustĂ€nde Sorgen. Immerhin 69 Prozent der Eltern fĂŒrchten, dass ein hĂ€ufiger Konsum von Cannabis Kinder und Jugendliche abhĂ€ngig macht, 64 Prozent denken an einen Leistungsabfall in der Schule.

Solche Sorgen sind durchaus berechtigt: Hirnforscher Martin Korte von der Technischen UniversitĂ€t Braunschweig erklĂ€rte, Cannabinoide wirkten sich besonders auf den Stirnlappen aus, einen wichtigen Teil des Frontalhirns: "Diese Hirnregion verleiht uns die FĂ€higkeit, Handlungen zu planen, Probleme zu lösen und Impulse zu kontrollieren. Wenn Jugendliche regelmĂ€ĂŸig kiffen, riskieren sie eine Minderung dieser FĂ€higkeiten, sie reagieren impulsiver und können sich schlechter auf eine Aufgabe konzentrieren. Insgesamt lĂ€sst die geistige LeistungsfĂ€higkeit nach." Außerdem könne starker Cannabis-Konsum Regionen im Gehirn aktivieren, die Halluzinationen auslösen und zu psychotischen Symptomen fĂŒhren können.

Auch junge Erwachsene spielten mit ihrer Gesundheit, wenn sie hĂ€ufig kiffen, warnte Korte. "Die Entwicklung des Frontalhirns ist erst mit Mitte 20 abgeschlossen." Die geplante Legalisierung von Cannabis solle aber ab einem Alter von 18 Jahren gelten - auch dann reagiere das Gehirn noch empfindlich auf Drogen. Der legale Erwerb von Cannabis sollte frĂŒhestens ab 25 zugelassen werden, rĂ€t der Experte.

Worum geht es? Zum 1. April soll in Deutschland das Gesetz zur Legalisierung von Cannabis in Kraft treten. Am Freitag hatten sich die Ampel-Koalitionsfraktionen nach langem Ringen auf die letzten Einzelheiten geeinigt. Das Gesetz soll in der Woche ab dem 19. Februar im Bundestag verabschiedet werden. Mit der Einigung der Fraktionsexperten gilt die Zustimmung als einigermaßen sicher. Eigenanbau und Besitz bestimmter Mengen der Droge sollen fĂŒr VolljĂ€hrige dann erlaubt sein. Zum 1. Juli sollen zudem Clubs zum gemeinsamen Anbau möglich werden.

Von Politikern verschiedener Parteien kamen wiederholt Appelle, das Vorhaben zu stoppen. Auch BundesÀrztekammer, Deutscher Richterbund, Gewerkschaft der Polizei und Mediziner warnten.

Daten der KKH zu eigenen Versicherten zeigen nach Angaben der Krankenversicherung ohnehin schon ein deutliches Plus beim schĂ€dlichen Gebrauch von Cannabis bei jungen Menschen. In der Altersgruppe der 15- bis 24-JĂ€hrigen stieg demnach der Anteil der Diagnosen wegen eines akuten Rausches, einer AbhĂ€ngigkeit, Entzugserscheinungen oder psychischer Probleme nach Cannabis-Konsum zwischen 2012 und 2022 von 0,2 auf 0,5 Prozent. In absoluten Zahlen sind das nicht enorm viele - 2022 gab es demnach in der Altersgruppe rund 900 Betroffene. Aber die Kasse erklĂ€rte: Nur gesicherte ambulante Diagnosen flossen in die Analyse ein, die Dunkelziffer dĂŒrfte deutlich höher liegen.

Andere LĂ€nder haben Cannabis bereits legalisiert. Als weltweit erstes Land hatte Uruguay 2013 den Konsum, Verkauf und Anbau von Cannabis legalisiert. Noch frĂŒher duldeten die Niederlande in den 1970er-Jahren Verkauf und Konsum von sogenannten weichen Drogen - das Land gilt seit Jahrzehnten als Kiffer-Paradies. Aber: Coffeeshops dort dĂŒrfen zwar Cannabis verkaufen, Anbau und Großhandel sind aber verboten - die LĂ€den mĂŒssen sich ihre Ware illegal besorgen. Im Dezember begann ein Experiment mit dem Verkauf legal angebauten Marihuanas - Coffeeshops in Tilburg und Breda dĂŒrfen wĂ€hrend der Testphase legal gezĂŒchtete Drogen verkaufen. In Thailand wurde Cannabis 2022 von der Liste illegaler Drogen gestrichen. Auch in Teilen der USA blĂŒht das GeschĂ€ft.

Justin Onyechi vom PrĂ€ventionsteam der Krankenkasse betonte, das Risiko einer spĂ€teren AbhĂ€ngigkeit sowie des Konsums weiterer Drogen erhöhe sich drastisch, wenn Cannabis schon im Jugendalter regelmĂ€ĂŸig konsumiert werde. Und noch etwas macht ihm Gedanken: Die Legalisierung dĂŒrfe sich nicht negativ auf Nichtraucherschutz und Nichtraucherkampagnen auswirken. Denn zur AufklĂ€rung ĂŒber Cannabis gehöre auch die Information, dass Rauchen tödlich ist - Cannabis wird hĂ€ufig im Joint gemischt mit Tabak geraucht.

@ dpa.de