MĂ€nnersache Politik? Was wenig Frauen im Bundestag bedeuten
08.03.2025 - 06:00:4247 Jahre alt, mĂ€nnlich, weiĂ: Das ist der durchschnittliche Abgeordnete im neu gewĂ€hlten Bundestag. Und Frauen? Die machen zwar etwas mehr als die HĂ€lfte der Bevölkerung aus, sind aber im Parlament mit einem Anteil von 32,4 Prozent deutlich unterreprĂ€sentiert. Im Vergleich zur vorherigen Legislaturperiode ist der Frauenanteil gesunken: Bisher konnten rund 35 Prozent Frauen auf den RĂ€ngen des Plenarsaals mitbestimmen.
Der Wert im neuen Bundestag ist laut Sheyda Weinrich von der Bundesstiftung Gleichstellung wieder besonders gering. 1998 habe es erstmals einen Frauenanteil von ĂŒber 30 Prozent gegeben. 2013 sei mit 37 Prozent die bisherige Höchstmarke erreicht worden - seitdem falle der Wert wieder ab. Damals regierte unter dem Vorsitz von Ex-Kanzlerin Angela Merkel eine groĂe Koalition aus Union und SPD.
Zu wenige Frauen bei AfD und Union
Der gesunkene Anteil hÀngt Weinrich zufolge vor allem mit dem Erstarken von AfD und Union zusammen. «Insbesondere bei den Direktmandaten sind bei den erstarkten Fraktionen zu wenige Frauen dabei», erlÀutert Weinrich im GesprÀch der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Bei der AfD sind rund 12 Prozent der Parlamentarier weiblich. In der Union sind 23 Prozent der Abgeordneten Frauen.
Ein strukturelles Problem bei Parteien sieht auch die Juristin Silke Ruth Laskowski, Expertin fĂŒr ParitĂ€t und Antidiskriminierungsrecht an der UniversitĂ€t Kassel. «Sie bevorzugen bei den Kandidaturen MĂ€nner und bremsen Frauen aus und das verstöĂt gegen deren Recht auf Chancengleichheit in den Kandidaturen», sagt Laskowski.
Mit rund 61 Prozent können die GrĂŒnen den höchsten Anteil an weiblichen Abgeordneten fĂŒr sich verbuchen, knapp dahinter folgt die Linke mit rund 56 Prozent. Bei der SPD fĂ€llt das GeschlechterverhĂ€ltnis mit rund 42 zu 58 Prozent leicht zugunsten der MĂ€nner aus.
Expertin: WĂŒrden bestimmte Debatten ohne Frauen nicht fĂŒhren
Doch bleiben mit weniger Frauen im Parlament auch Gleichstellungsfragen auf der Strecke? Durch diesen Umstand dominiere im Bundestag ein «mĂ€nnlicher Blick», sagt Laskowski. «Das heiĂt, Themen von Frauen und Perspektiven, die fĂŒr deren LebensrealitĂ€t wichtig sind, verschwinden oder werden heruntergespielt.»
Schaffen es nur wenige Frauen in Parlamente, wĂŒrden auch deren «Lebenswelten und Perspektiven» weniger in die Entscheidungsfindung einflieĂen, erklĂ€rt auch Kathrin Mahler Walther, Vorsitzende des Forschungs- und Beratungsinstituts EAF in Berlin. «Die Bandbreite dessen, was diskutiert wird, verkleinert sich.»Â
DurchbrĂŒche bei Frauenrechten und Gleichstellungsanliegen seien in der Vergangenheit oft nur durchgebracht worden, «weil sich die wenigen Frauen im Bundestag ĂŒberhaupt zusammengeschlossen und Themen vorangebracht haben», sagt Weinrich. Nicht alle weiblichen Abgeordneten setzten sich zwangslĂ€ufig fĂŒr gleichstellungsorientierte Politik ein, aber mit mehr Frauen in Parlamenten werde es wahrscheinlicher. «Je mehr Frauen in den Bundestag kamen, desto mehr wurden auch Themen, die Frauen betreffen, dort zur Sprache gebracht», bestĂ€tigt auch Laskowski.
Zeit fĂŒr ParitĂ€t?
Aus der vergleichsweise gut mit Frauen besetzten Fraktion der GrĂŒnen blickt Co-Vorsitzende Britta HaĂelmann mit Sorge auf den geringen Frauenanteil. «Frauen werden keine Nebenrolle einnehmen und sich damit auch nicht abfinden», sagte sie bereits wenige Tage nach der Bundestagswahl.Â
FĂŒr Katja Mast, Parlamentarische GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der SPD, ist der gesunkene Anteil eine «erschreckende Entwicklung, die den gleichstellungspolitischen RĂŒckschritt durch konservative und rechte Parteien sehr deutlich zeigt». Es sei Zeit fĂŒr ein ParitĂ€tsgesetz, das bisher «immer wieder an CDU und CSU, FDP und AfD» gescheitert sei, mahnt Mast.
Die frauenpolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Silvia Breher, hĂ€tte sich in ihrer Fraktion einen höheren Frauenanteil gewĂŒnscht. Der geringe Anteil liege «vor allem daran, dass ein GroĂteil unserer Sitze sich aus gewonnenen Direktmandaten erschlieĂt», erklĂ€rt Breher auf Anfrage. Das neue Wahlrecht habe dafĂŒr gesorgt, «dass sechs Frauen aus der Union nicht in den Deutschen Bundestag einziehen, obwohl sie ihren Wahlkreis direkt gewonnen haben». Die Union mĂŒsse Rahmenbedingungen schaffen, «dass Frauen in unserer Partei die gleichen Chancen haben wie MĂ€nner.»Â
Aus Sicht der AfD-Politikerin Beatrix von Storch hĂ€ngt der geringe Frauenanteil in den eigenen Reihen mit dem Umgang mit der Partei zusammen. Werde die Partei «wie jede andere» behandelt, «werden sich auch mehr Frauen in der AfD engagieren und in Ămter und Mandate gewĂ€hlt werden», sagt von Storch auf Anfrage mit. Auch unabhĂ€ngig von Geschlecht oder anderen Eigenschaften wĂŒrden die Abgeordneten «das ganze Volk» reprĂ€sentieren. Eine aus ihrer Sicht verfassungswidrige Frauenquote lehnt sie ab.
Expertin: ParitÀt ist keine «Mammutaufgabe»
Hinter dem geringen Frauenanteil versteckt sich aus Sicht der Expertinnen auch ein Demokratieproblem: Frauen kĂ€men vor allem nicht in politische Ămter, «weil es strukturelle Barrieren gibt und es keine gleichen Zugangschancen gibt», kritisiert Weinrich. Sie wĂŒrden seltener in wichtigen Wahlkreisen aufgestellt, Politik werde ihnen oft nicht zugetraut. «Letztendlich ist das eine Demokratiefrage, wenn es uns nicht gelingt, allen Frauen wie MĂ€nnern den gleichen Zugang zu politischen Ămtern zu ermöglichen.»Â
«Unsere reprÀsentative Demokratie ist nur so stark wie die Vielfalt der in ihr vertretenen Stimmen», ergÀnzt Mahler Walther. Werde die Vielfalt eingeschrÀnkt, gehe auch die ReprÀsentation verloren. «Das europÀische DemokratieverstÀndnis setzt die gleichberechtigte Partizipation von Frauen und MÀnnern im Bereich der Parlamente der Entscheidungsfindung voraus», sagt auch Juristin Laskowski.
Weinrich sieht einen wichtigen Schritt letztendlich in der ParitÀt, die kein schwieriges Unterfangen sei. «In Summe reden wir bei 630 Abgeordneten von 315 Frauen. Es kann einem niemand erzÀhlen, dass das eine Mammutaufgabe sei, die man nicht lösen könne.»







