Ăber 160 Sabotageziele? Bundesanwaltschaft ermittelt nun
Veröffentlicht am: 10.09.2026 um 18:40 Uhr | dpa, AD HOC NEWSNach einer Reihe von Sabotage-Angriffen auf das deutsche Stromnetz fĂŒhrt nun die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen gegen den VerdĂ€chtigen. Wegen der besonderen Bedeutung habe die Karlsruher Behörde den Fall ĂŒbernommen, sagte eine Sprecherin. Es gehe um den Verdacht der versuchten und vollendeten verfassungsfeindlichen Sabotage sowie der versuchten und vollendeten Störung öffentlicher Betriebe. Zuvor hatte der «Spiegel» berichtet.
«Die dem Beschuldigten zur Last gelegten Taten erfolgten lĂ€nderĂŒbergreifend und zielten mutmaĂlich auf die Verursachung groĂflĂ€chiger StromausfĂ€lle», teilte die Bundesanwaltschaft am Abend mit. «Dies war geeignet, in der Bevölkerung das Zutrauen in den Schutz der kritischen Infrastruktur zu schwĂ€chen und damit schĂ€dlichen Einfluss auf die innere Sicherheit der Bundesrepublik zu nehmen.»
Notizbuch mit Sabotagezielen im Wohnmobil
Der 48-JĂ€hrige soll an mehreren Orten in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Sachsen versucht haben, Stromleitungen in der NĂ€he von Kohlekraftwerken zu sabotieren. In einigen FĂ€llen ist dem Deutschen das gelungen. Am Dienstag fiel er Polizisten in der NĂ€he des Kraftwerks Weisweiler bei Aachen auf - und wurde festgenommen.
Im Wohnmobil des mutmaĂlichen Strom-Saboteurs wurde ein Notizbuch mit handschriftlichen Vermerken zu mehr als 160 bisherigen und möglichen weiteren Sabotagezielen entdeckt. Das berichtete NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) dem Landtags-Innenausschuss. «Wir haben nicht nur den mutmaĂlichen TĂ€ter der AnschlĂ€ge gefasst, sondern damit womöglich immer weitere AnschlĂ€ge verhindert.»
Dem Haftrichter habe der 48-JĂ€hrige zudem sieben weitere Orte genannt, die er als Lager genutzt habe, sagte Reul. An drei dieser Orte sei die Polizei bereits fĂŒndig geworden. Sie ĂŒberprĂŒfe diese Hinweise. Der VerdĂ€chtige fĂŒhre die Beamten in einem Streifenwagen zu den verschiedenen Orten. Allein in Nordrhein-Westfalen seien bislang mehr als 40 Abschussvorrichtungen fĂŒr Raketen festgestellt worden. «Das wirkte alles ziemlich professionell gebaut.»
KurzschlĂŒsse mittels selbstgebauten Raketen verursachtÂ
Den Ermittlungen zufolge soll der Mann Abschussvorrichtungen aufgebaut und mit selbstgebauten Raketen einen Draht ĂŒber Hochspannungsleitungen geschossen haben. Mindestens zweimal kam es dadurch zu KurzschlĂŒssen, und einzelne Blöcke von nahegelegenen Kraftwerken wurden lahmgelegt. Zu SchĂ€den fĂŒr die Bevölkerung kam es nicht.
Der VerdĂ€chtige wollte seine Angriffe nach frĂŒheren Angaben von Reul fortsetzen. «Der war immer noch unterwegs und wollte weitermachen. Dieses Spiel ist heute beendet worden», sagte der Innenminister am Tag der Festnahme. «Im Moment spricht alles dafĂŒr, dass es ein EinzeltĂ€ter und alles aus seiner Hand war.»
Zwei Autobahnpolizisten hĂ€tten den Mann am Dienstagmorgen aufgrund von platt getretenem Gras aufgespĂŒrt, das bei Weisweiler von einem Feldweg 200 Meter in ein GebĂŒsch gefĂŒhrt habe. «Die waren eigentlich gar nicht an der Fahndung nach dem Mann beteiligt, haben aber genau den richtigen SpĂŒrsinn gezeigt», sagte Reul dem Innenausschuss.Â
Der Mann habe sich dort in einem gut getarnten und aus dem Polizeihubschrauber nicht sichtbaren Zelt versteckt. Bei seiner Festnahme habe der VerdÀchtige keinen Widerstand geleistet.
Beschuldigter muss vor den Ermittlungsrichter am BGH
Das Amtsgericht Cottbus hatte einen Haftbefehl gegen den Mann erlassen, er sitzt in Aachen in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft Cottbus wirft ihm unter anderem das HerbeifĂŒhren einer Sprengstoffexplosion, die Störung öffentlicher Betriebe und die Zerstörung wichtiger Arbeitsmittel vor.
Weil nun auf Ermittler-Seite die ZustĂ€ndigkeit auf Bundesebene zum Generalbundesanwalt gewechselt ist, muss der 48-JĂ€hrige auch nochmal am Bundesgerichtshof (BGH) vor den Ermittlungsrichter. Ein Termin dafĂŒr war zunĂ€chst nicht bekannt.
Die Bundesanwaltschaft hat die Verfahren laut Mitteilung von der Generalstaatsanwaltschaft Dresden sowie den Staatsanwaltschaften Cottbus und Köln ĂŒbernommen. Mit den polizeilichen Ermittlungen sei federfĂŒhrend das Bundeskriminalamt beauftragt.
«Klimaterrorismus» als Motiv?
Hintergrund der Fahndung waren zwei Bekennerschreiben, die bei mehreren MedienhÀusern eingegangen waren und auch der Deutschen Presse-Agentur vorliegen. «Das Wissen, was offenbart wird in diesen Schreiben, das ist eindeutiges TÀterwissen», sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt Ende vergangener Woche.
Zum Motiv sagte der CSU-Politiker, es handele sich sehr wahrscheinlich um «Klimaterrorismus» eines EinzeltĂ€ters. In einem Bekennerschreiben heiĂt es: «Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen ist ein Verbrechen.»
AuffĂ€llig ist, dass sich die betroffenen Orte in der NĂ€he von Gebieten befinden, in denen noch Braunkohle abgebaut wird. Aktiven Tagebau in Deutschland gibt es nach Angaben des Branchenverbandes Debriv in Nordrhein-Westfalen, im SĂŒden Brandenburgs und Sachsen-Anhalts sowie im Osten und Westen von Sachsen.Â
Politiker unterschiedlicher Parteien und Experten forderten nach Bekanntwerden der Sabotage-Aktionen einen stÀrkeren Schutz der sogenannten kritischen Infrastruktur und vor allem der Stromnetze in Deutschland.
