Bahn verspricht mehr VerlÀsslichkeit - gelingt die Kehrtwende?
21.03.2024 - 15:06:37 | dpa.deSie sorgt auf der StraĂe fĂŒr Unsicherheit und auf der Schiene fĂŒr VerspĂ€tungen. Das soll sich zumindest bei der Bahn bald Ă€ndern. Mit Milliardeninvestitionen ins seit Jahrzehnten vernachlĂ€ssigte Schienennetz wollen der Bund und die Deutsche Bahn die Kehrtwende schaffen. Die ZuverlĂ€ssigkeit des Schienenverkehrs und damit das Vertrauen der FahrgĂ€ste soll wieder hergestellt werden. Ob das gelingt, wird vor allem das laufende Jahr zeigen. Die Fallhöhe, die sich der Konzern und die Bundesregierung dabei selbst geschaffen haben, ist groĂ.
FahrgÀste setzen weiter auf die Schiene
Die gute Nachricht: Trotz hoher UnpĂŒnktlichkeit - fast zwei Drittel der FernzĂŒge waren im vergangenen Jahr verspĂ€tet unterwegs - nutzen viele Menschen die Bahn. 1,8 Milliarden Fahrgastfahrten verbuchte die Deutsche Bahn 2023 und damit noch einmal knapp sechs Prozent mehr als im Jahr davor. Das Fahrgastniveau von vor der Corona-Krise ist lĂ€ngst ĂŒbertroffen.
Daran hat auch der laufende Tarifkonflikt mit der Gewerkschaft Deutscher LokomotivfĂŒhrer nichts geĂ€ndert, der zuletzt immer wieder zu erheblichen EinschrĂ€nkungen im Bahnverkehr gefĂŒhrt hat. Derzeit laufen wieder Verhandlungen. Personalvorstand Martin Seiler Ă€uĂerte sich am Donnerstag erneut zuversichtlich, dass der Konflikt in den kommenden Tagen gelöst werden könnte.
"Wir sind froh und dankbar und ich darf mich hier ausdrĂŒcklich fĂŒr die Treue und die Geduld unserer FahrgĂ€ste bedanken, weil wir in den letzten zwei Jahren eben UnpĂŒnktlichkeiten und UnzuverlĂ€ssigkeiten hatten, die eine wirkliche Zumutung waren", sagte Konzernchef Richard Lutz am Donnerstag bei der PrĂ€sentation der Jahresbilanz in Berlin.
Baustellen bremsen Fernverkehr aus
Hauptgrund fĂŒr die hohe UnzuverlĂ€ssigkeit ist das an vielen Stellen ĂŒberlastete und marode Schienennetz und die damit verbundenen zahlreichen Baustellen. "Im Jahresdurchschnitt fuhr fast jeder zweite Fernverkehrszug durch mindestens eine Baustelle", sagte Lutz. WĂ€hrend die Zahl der FahrgĂ€ste stieg, ging das Angebot aufgrund der hohen BaukapazitĂ€t deutlich zurĂŒck. Die Betriebsleistung sank 2023 um 1,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Darum wollen Bahn und Bund in den nĂ€chsten Jahren die Infrastruktur grundlegend sanieren. 40 viel befahrene Schienenkorridore sollen bis 2030 ertĂŒchtigt werden. Start ist im Juli auf der 70 Kilometer langen Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim, die dafĂŒr ein knappes halbes Jahr vollstĂ€ndig gesperrt wird. Die Hoffnung: Weniger Probleme in wichtigen Knoten fĂŒhrt auch mehr VerlĂ€sslichkeit im Gesamtnetz.
"Die Riedbahn wird spĂ€testens dann, wenn sie umgesetzt ist, eine fundamental andere PĂŒnktlichkeit und ZuverlĂ€ssigkeit zeigen", sagte Lutz. "Wir rechnen mit etwa 80 Prozent weniger StöranfĂ€lligkeit als im Moment. Und damit werden wir auch gerade mit diesen Generalsanierungen StĂŒck fĂŒr StĂŒck und von Innen nach AuĂen das System gesunden und stabilisieren." Schon im laufenden Jahr soll die PĂŒnktlichkeit im Fernverkehr von zuletzt 64 Prozent auf mindestens 70 Prozent steigen.
GlaubwĂŒrdigkeit steht auf dem Spiel
Mit solchen Ansagen gehen Bund und Bahn ein groĂes Risiko ein. Sollten sich die Bauprojekte und die damit verbundenen Vollsperrungen etwa ĂŒber GebĂŒhr verzögern oder sich die PĂŒnktlichkeit im Anschluss nicht grundlegend verbessern, droht ein weiterer Vertrauensverlust der Kunden. Das Ziel der Regierung, bis 2030 die Fahrgastzahlen im Fernverkehr im Vergleich zu 2015 zu verdoppeln, stĂŒnde auf dem Spiel und mit ihm die Verkehrswende.
Damit das nicht passiert, nimmt der Bund so viel Geld in die Hand wie seit Jahrzehnten nicht. FĂŒr Modernisierung und Ausbau des Netzes hat er bis 2030 rund 27 Milliarden Euro zugesichert. Mit Eigenmitteln der Bahn stehen in den nĂ€chsten Jahren insgesamt knapp 30 Milliarden Euro fĂŒr diese Projekte zur VerfĂŒgung. Doch die Bahn beziffert den Bedarf auf rund 45 Milliarden Euro. Der Konzern sei weiter in GesprĂ€chen mit der Regierung, um die LĂŒcke zu schlieĂen, heiĂt es immer wieder. Doch klar sei auch, dass nur das gebaut werden könne, was finanziell abgesichert sei.
Hohe Verluste im vergangenen Jahr
Schon im vergangenen Jahr ging die Bahn bei vielen Bauvorhaben in Vorleistung, weil die Finanzierung politisch nicht geklĂ€rt war. Sie investierte 2023 demnach rund 7,6 Milliarden Euro aus Eigenmitteln in die ErtĂŒchtigung der Infrastruktur. Das fĂŒhrte zu einem Gewinneinbruch. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) sank auf ein Minus von fast einer Milliarde Euro - nach einem positiven Ergebnis von rund 1,2 Milliarden Euro im Jahr davor. Wegen der ebenfalls gestiegenen Zinslast machte der Konzern 2023 unterm Strich einen Verlust von 2,4 Milliarden Euro. Die Bahn schleppt zudem Schulden in Höhe von 34 Milliarden Euro mit sich herum.
Um diesen Berg abzubauen, verkauft der Konzern sein Tafelsilber: FĂŒr die Logistiktochter DB Schenker wird ein KĂ€ufer gesucht. Ein zweistelliger Milliardenbetrag soll herumkommen. Schenker war in den vergangenen Jahren stets ein Garant fĂŒr solide laufende GeschĂ€fte und besserte die Bilanz des Mutterkonzerns in der Regel mĂ€chtig auf. Im vergangenen Jahr spĂŒrte auch der Logistikriese die AbkĂŒhlung auf dem Transportmarkt und verzeichnete deutliche EinbuĂen beim operativen Gewinn. Hinzu kommt die Krise der Bahn-GĂŒterverkehrstochter, die derzeit mit den Arbeitnehmern um die Transformation des Unternehmens ringt.
Flottenzuwachs in vollem Gange
Doch es gibt auch Lichtblicke. Beim Flottenhochlauf kommt die Bahn gut voran. Vor wenigen Wochen wurde der letzte von 137 bestellten ICE-4-ZĂŒgen ausgeliefert und vor wenigen Tagen auf den Namen "Spree" getauft. Die Fahrzeuge bilden mit insgesamt 105 000 SitzplĂ€tzen das RĂŒckgrat der Fernverkehrsflotte der Bahn. Weitere Baureihen sollen in den nĂ€chsten Jahren folgen. Doch ihre VerlĂ€sslichkeit hĂ€ngt vom Netz ab. Alle Augen richten sich deshalb in diesem Jahr auf die Riedbahn. Auch von ihr wird abhĂ€ngen, ob in Zukunft weiter mehr Menschen in den Zug steigen.
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