EU-Parlament stimmt fĂŒr US-Zolldeal mit Sicherheitsnetz
16.06.2026 - 13:00:07 | dpa.deDas Europaparlament hat den Weg fĂŒr die vollstĂ€ndige Umsetzung des umstrittenen Zollabkommens mit den USA freigemacht. Die Abgeordneten stimmten in StraĂburg mit breiter Mehrheit dafĂŒr, Zölle auf US-IndustriegĂŒter abzuschaffen und US-MeeresfrĂŒchten sowie Agrarprodukten einen besseren Marktzugang zu gewĂ€hren. Allerdings mit einem Sicherheitsnetz: Es soll dafĂŒr sorgen, dass die US-Vorteile nur dann gelten, wenn auch die USA ihre Verpflichtungen aus dem Abkommen vollstĂ€ndig umsetzen.Â
Unter anderem ist vorgesehen, dass die EU-ZollzugestĂ€ndnisse bei VerstöĂen der USA gegen Absprachen wieder ausgesetzt werden können. Dies könnten etwa erneute Zollerhöhungen sein. Zudem sollen die USA bis Jahresende Zölle auf Waschmaschinen und andere Produkte mit Stahlanteil auf höchstens 15 Prozent reduzieren. Wenn dies nicht geschieht, will die EU ebenfalls solche Zölle prĂŒfen. DarĂŒber hinaus ist unter anderem ein festes Ablaufdatum vorgesehen, der 31. Dezember 2029.Â
Stichtag 4. Juli?Â
Das Parlament nahm den Gesetzesvorschlag zu IndustriegĂŒtern mit 440 zu 151 Stimmen an, bei 50 Enthaltungen. FĂŒr die Erleichterungen fĂŒr US-MeeresfrĂŒchte stimmten 444 Abgeordnete, 152 stimmten dagegen, 54 enthielten sich.Â
FĂŒr die Umsetzung ist auch die BestĂ€tigung durch den Ministerrat nötig. Vertreter der EU-Staaten und des Parlaments hatten vereinbart, dass die Regelungen spĂ€testens zum 4. Juli in Kraft treten sollen.Â
US-PrĂ€sident Donald Trump hatte vor einigen Wochen den US-Nationalfeiertag am 4. Juli als Frist fĂŒr die Umsetzung der Handelsvereinbarung ins Spiel gebracht. Sollte die EU nicht bis dann ihren Teil des Abkommens erfĂŒllen, wĂŒrden die Zölle «leider sofort auf ein viel höheres Niveau steigen», hatte Trump auf seiner Plattform Truth Social mitgeteilt.Â
USA prĂŒfen ZölleÂ
Anfang Juni drohten die USA zudem unter anderem der EuropĂ€ischen Union Zölle an, weil sie angeblich bei Importen von Produkten nicht ausreichend gegen Zwangsarbeit vorgehe. Die EU-Kommission wies den Vorwurf zurĂŒck.Â
Der Vorsitzende des Handelsausschusses des EuropĂ€ischen Parlaments, Bernd Lange, erklĂ€rte das US-Vorgehen mit der Suche nach einer neuen Rechtsgrundlage fĂŒr die willkĂŒrliche Zollpolitik der US-Regierung. Der Oberste Gerichtshof der USA hatte wesentliche Teile von Trumps bisherigen Zöllen aufgehoben.Â
Die US-Regierung untersucht auch, ob strukturelle ĂberkapazitĂ€ten bei Handelspartnern zulasten der US-Wirtschaft gehen, unter anderem bei einzelnen Branchen der EuropĂ€ischen Union. Sollte sie dies als bestĂ€tigt sehen, könnten auf dieser Grundlage Zölle erhoben werden.Â
Lange (SPD) sagte, man mĂŒsse im Juli genau prĂŒfen, welche Zölle die USA je nach Produkt erheben wollten. Schon jetzt hielten die USA bei einzelnen Produkten wie Lederjacken die vereinbarten ZollsĂ€tze nicht ein. WĂŒrden die vereinbarten 15 Prozent ĂŒberschritten, werde die EU eine Untersuchung einleiten sowie einen Dialog, um die Tarife wieder zu etablieren, sagte Lange.Â
Bei der Umsetzung des Abkommens wird nach Angaben von Lange zudem eine kontinuierliche Ăberwachung etabliert. Die EU-Kommission muss demnach kĂŒnftig alle drei Monate ĂŒber die Handelsentwicklung berichten und sechs Monate vor Ablauf der Zollvorteile eine umfassende Bewertung vorlegen. Auf dieser Grundlage werden die EU-Institutionen dann ĂŒber eine mögliche VerlĂ€ngerung der fĂŒr die USA vorteilhaften Regelungen entscheiden.Â
Schon das Abkommen selbst war unter dem Eindruck von Drohungen der US-Regierung ausgehandelt worden. Die EU-Kommission wollte damit im vergangenen Sommer einen Handelskrieg abwehren.Â
VerbĂ€nde: US-Zölle schaden UnternehmenÂ
Deutsche WirtschaftsverbĂ€nde sahen in der Zustimmung einen wichtigen Schritt. Indem die EU das Abkommen umsetze, stĂ€rke sie ihre Verhandlungsposition gegenĂŒber Washington und könne mit mehr Nachdruck darauf bestehen, dass auch die USA Vereinbarungen einhalten, sagte etwa Wolfgang Niedermark, Mitglied der HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI).Â
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer versprach sich von der Zustimmung mehr Berechenbarkeit in den transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen - auch wenn der Deal an sich asymmetrisch sei. Klar sei aber: «Die US-Zölle stehen im Widerspruch zu den internationalen Verpflichtungen der USA und schaden Unternehmen auf beiden Seiten des Atlantiks» teilte DIHK-AuĂenwirtschaftschef Volker Treier mit. «Umso wichtiger ist es, dass die EU den neuen VorwĂŒrfen der US-Seite zu angeblichen ĂberkapazitĂ€ten oder Importen mit Zwangsarbeit entschieden entgegentritt, sofern diese als Rechtfertigung fĂŒr neue Zölle herangezogen werden.»Â
Der Bundesverband GroĂhandel, AuĂenhandel, Dienstleistungen (BGA) wertete die Zustimmung und die eingebauten Schutz- und Aussetzungsmechanismen als richtig. «Europa darf nicht untĂ€tig bleiben, wenn die Vereinigten Staaten von den Vereinbarungen abweichen oder neue einseitige MaĂnahmen ergreifen. ZollzugestĂ€ndnisse mĂŒssen ausgesetzt werden können - und im Ernstfall muss Europa davon auch entschlossen Gebrauch machen», forderte BGA-PrĂ€sident Dirk Jandura.Â
Der Verband der Automobilindustrie (VDA) wies darauf hin, dass er das Handelsabkommen 2025 wegen der Bedeutung verlĂ€sslicher Rahmenbedingungen grundsĂ€tzlich begrĂŒĂt habe. «Gleichsam gilt: Auch die aktuell geltenden US-Zölle in Höhe von 15 Prozent fĂŒr Pkw und deren Teile stellen weiterhin eine spĂŒrbare Herausforderung fĂŒr die deutsche Automobilindustrie dar», teilte VDA-PrĂ€sidentin Hildegard MĂŒller mit. «Die seit dem 1. November 2025 geltenden zusĂ€tzlichen US-Zölle von 25 Prozent auf europĂ€ische Nutzfahrzeuge und deren Teile sowie zusĂ€tzliche 10 Prozent auf Busse belasten die betroffenen Unternehmen erheblich. Die zusĂ€tzlichen Zölle auf Lkw-Teile treffen vor allem auch die vielen Zulieferbetriebe der Branche.»Â
Wichtige HandelspartnerÂ
Die EU und die Vereinigten Staaten unterhalten umfassende bilaterale Handels- und Investitionsbeziehungen. EU-Zahlen zufolge geht es um fast 30 Prozent des weltweiten Handels mit Waren und Dienstleistungen und um 43 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. 2024 belief sich der Handel mit Waren und Dienstleistungen zwischen der EU und den USA auf ein Volumen von rund 1,7 Billionen Euro.Â
Deutschland exportiert viele Kraftwagen und Kraftwagenteile, pharmazeutische Erzeugnisse und Maschinen in die USA. In den ersten drei Monaten des Jahres exportierte die Bundesrepublik nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) Waren im Wert von 36,2 Milliarden Euro in die USA. Das waren 12,1 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum, bevor die hohen Einfuhrzölle unter anderem auf Autos in Kraft traten. Aus den USA importierte Deutschland im gleichen Zeitraum Waren im Wert von 23,8 Milliarden Euro (plus 1,9 Prozent).
