Klingbeils Reform-Agenda: «Wird uns Mut abverlangen»
25.03.2026 - 16:08:56 | dpa.deEs könnten harte Zeiten auf Deutschland zukommen, wenn man der Bundesregierung gerade zuhört: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, das ganze Land sei gerade «brutal herausgefordert», sagt Vizekanzler Lars Klingbeil. Mit Kanzler Friedrich Merz (CDU) hat der SPD-Chef vereinbart, in den nĂ€chsten Wochen ein groĂes Reformpaket zu schnĂŒren. Das Ziel: raus aus der Wirtschaftsflaute, raus aus der Lethargie, Deutschland stĂ€rker machen.Â
Seine Reformagenda prĂ€sentiert Finanzminister Klingbeil bei der Bertelsmann-Stiftung in Berlin. Die zentrale Botschaft: Die Menschen in Deutschland mĂŒssen mehr arbeiten - aber das soll sich auch lohnen.Â
«Wie modernisieren wir Deutschland?» steht hinter ihm an der Wand. FĂŒr seine Ideen wird er Gegenwind ernten, das kĂŒndigt der SPD-Chef direkt mit an: Jeder Vorschlag, etwas zu Ă€ndern, fĂŒhre in Deutschland reflexartig zu einem Aufschrei. «Deutschland ist mittlerweile ein blockiertes Land», konstatiert der Vizekanzler. «Zu oft finden wir Ausreden, nichts zu tun oder Unbequemes nicht zu machen.» Wenn es dem Land besser gehen solle, dann sei jetzt Mut gefragt.Â
Mehr und lĂ€ngeres Arbeiten, Befristungen im Job: Manches, was Klingbeil hier vorschlĂ€gt, klingt tatsĂ€chlich unbequem - auch wenn sein wichtigstes Projekt die Entlastung fast aller BĂŒrger bei der Einkommensteuer ist. Unter dem Strich dĂŒrfte die «Agenda Klingbeil» auch in seiner eigenen Partei Wellen machen.Â
Arbeit
«Wir können nicht jede Krise und jedes Problem einfach mit noch mehr Geld beantworten», sagt der Finanzminister. Strukturelle VerĂ€nderungen hĂ€lt er fĂŒr unverzichtbar, auch auf dem Arbeitsmarkt. «Wir werden als Gesellschaft insgesamt mehr arbeiten mĂŒssen», sagt ausgerechnet der SPD-Chef. Das bedeutet fĂŒr ihn nicht einfach eine Stunde mehr die Woche, sondern zum Beispiel mehr Voll- statt Teilzeitarbeit.Â
DafĂŒr will Klingbeil das Ehegattensplitting in seiner jetzigen Form fĂŒr zukĂŒnftige Ehen abschaffen - das könne fĂŒr die Besetzung zehntausender Vollzeitstellen sorgen, meint er. Auch die Idee, die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern in der Krankenversicherung abzuschaffen, findet er gut. AuĂerdem mĂŒsse sich Mehrarbeit auch bei EmpfĂ€ngern von Sozialleistungen lohnen: Die Transferentzugsraten gehörten reformiert.Â
Rente
Im Juni soll eine von der Bundesregierung eingesetzte Kommission ReformvorschlĂ€ge fĂŒr die Rente machen. Klingbeil greift dem voraus: FrĂŒhes Ausscheiden aus dem Job zu fördern, das gehe nicht mehr. Stattdessen unterstĂŒtze er den Vorschlag, sich bei der Rente an den Beitragsjahren zu orientieren. HeiĂt ĂŒbersetzt: Wer erst mit Ende 20 in den Job startet, der soll spĂ€ter in Rente gehen, als jemand, der mit 17 schon arbeitet. Zugleich wirbt der Vizekanzler fĂŒr die EinfĂŒhrung einer verpflichtenden, kapitalgedeckten Betriebsrente, in die Arbeitgeber und Arbeitnehmer einzahlen.
SteuernÂ
Mit einer Reform der Einkommensteuer sollten 95 Prozent der BeschĂ€ftigten entlastet werden, sagt Klingbeil. «Und zwar merklich, mit einigen hundert Euro im Jahr.» Details nennt er nicht - wohl auch, um sich vor den Verhandlungen mit CDU und CSU nicht zu sehr festzulegen. Klar sagt er allerdings: Im Gegenzug mĂŒssten hohe Einkommen und hohe Vermögen «einen Beitrag leisten», und die Erbschaftsteuer mĂŒsse reformiert werden.Â
Unternehmen
Damit sich Unternehmen trauten, trotz Unsicherheit mehr Menschen einzustellen, solle es lĂ€ngere Befristungsmöglichkeiten geben, schlĂ€gt Klingbeil vor. «Solche Regelungen könnten da greifen, wo TarifvertrĂ€ge gelten und eine Zustimmung des Betriebsrates vorliegt.»Â
Bei Investitionen mit staatlichen Mitteln will er fĂŒr Tempo sorgen. Das Finanzministerium werde ein Bonus-Malus-System vorlegen: Wer schnell und sinnvoll investiere, soll einen Bonus erhalten. Wo Projekte zu langsam umgesetzt oder Mittel nicht sinnvoll investiert wĂŒrden, mĂŒsse im Zweifel gekĂŒrzt werden.
Was seine SPD davon halten dĂŒrfte
FĂŒr die Sozialdemokraten steckt manch schmerzhafter Brocken in Klingbeils Agenda - zum Beispiel in Sachen Rente und Befristungen. Doch das dĂŒrfte der Parteichef eingepreist haben: Er scheint fast eher die eigenen Reihen zu adressieren als den Koalitionspartner. Klingbeil versucht, seine SPD wachzurĂŒtteln. Wenn er «Beton in den Köpfen» kritisiert, dann darf sich auch mancher Sozialdemokrat angesprochen fĂŒhlen. Schon am Abend des Wahldebakels von Rheinland-Pfalz haben die SPD-Chefs von ihrer Partei verlangt, das Bremser-Image abzuschĂŒtteln.Â
Was man beim Koalitionspartner denkt
In einigen Punkten greift Klingbeil Ideen auf, die auch die Union hat: bei der Orientierung des Rentenalters an den Beitragsjahren oder der Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung von Ehepartnern. Anderem hat CSU-Chef Markus Söder in einem Interview im «Stern» schon einen klaren Riegel vorgeschoben: Eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes und der Erbschaftsteuer sei falsch, eine Reform der Einkommensteuer bringe zu wenig Entlastung.Â
Was der Union in Klingbeils Agenda fehlen dĂŒrfte, sind eine Senkung der Stromsteuer, das Vorziehen der Unternehmensteuerreform oder die Abschaffung des SolidaritĂ€tszuschlags, den nur noch die Reichsten zahlen.Â
Reformzeitplan
Nach Ostern dĂŒrfte es ernst werden, denn Ende April will Klingbeil die Eckpunkte fĂŒr den Haushalt 2027 und seine Planung fĂŒr die Folgejahre ins Kabinett bringen. Dann liegen auch die VorschlĂ€ge der Finanzkommission zur gesetzlichen Krankenversicherung vor. Die Rentenreform wird noch etwas auf sich warten lassen. Die dafĂŒr eingesetzte Kommission will im Juni VorschlĂ€ge vorlegen. Wenig spĂ€ter - Mitte Juli - geht das Parlament in die Sommerpause. Merz will bis dahin alle grundsĂ€tzlichen Reformentscheidungen getroffen haben. Denn nach der Sommerpause stehen im September die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin an.
So schÀtzen die Börsenprofis Aktien ein!
FĂŒr. Immer. Kostenlos.

