DrÀngende Fragen nach dem Blackout in Berlin
07.01.2026 - 15:37:30Nach dem groĂen Stromausfall mit Zehntausenden Betroffenen, der auf einen mutmaĂlich von Linksextremisten begangenen Brandanschlag zurĂŒckgeht, herrscht in Berlin vor allem eines: Erleichterung. Doch nach einem tagelangen Ausnahmezustand im SĂŒdwesten der Hauptstadt mit 100.000 Betroffenen bleiben viele Fragen. Die ausgerufene «GroĂschadenslage» bleibt vorerst bestehen, es gibt noch viel zu tun und aufzuarbeiten.Â
Wie kann kritische Infrastruktur besser geschĂŒtzt werden?
Der Brandschlag auf eine KabelbrĂŒcke mit diversen Hochspannungs- und Mittelspannungsleitungen ĂŒber den Teltow-Kanal hat gezeigt, wie verwundbar das Stromnetz ist. Laut Betreiber verlĂ€uft ein Prozent des 35.000 Kilometer umfassenden Berliner Stromnetzes ĂŒberirdisch, ist also besonders angreifbar. Nach Angaben der fĂŒr Energie zustĂ€ndigen Senatorin Franziska Giffey (SPD) ist schon lĂ€nger beabsichtigt, weitere Kabel unter die Erde zu bringen. Zudem will der Berliner Senat nun neuralgische Punkte stĂ€rker per Video und KĂŒnstlicher Intelligenz (KI) ĂŒberwachen. Ob das so einfach geht, bleibt abzuwarten: Denn der Datenschutz steht Kameras im öffentlichen Raum oft entgegen. Allerdings glaubt der Senat, mit dem Polizeigesetz eine rechtliche Grundlage zu haben.Â
Was muss beim Stromnetz selbst passieren?
ZunĂ€chst mĂŒssen SchĂ€den aufwendig repariert, zerstörte Kabel ersetzt werden. Das kann nach EinschĂ€tzung der Verantwortlichen Wochen oder Monate dauern, bis dahin muss die jetzt gefundene provisorische Lösung halten. An einer zweiten Lösung an einem Umspannwerk wird weiter gearbeitet, um so etwas mehr Sicherheit zu bekommen. Bis diese fertiggestellt ist, sollen alle Notstromaggregate vorerst vor Ort bleiben und KrisenstĂ€be weiter tagen.Â
Aufgabe wird auch sein, Stromnetze noch redundanter als heute zu machen - also mehr alternative Verbindungen zu schaffen, ĂŒber die im Falle eines Ausfalls Strom transportiert werden kann. Der Verband fĂŒr Sichere Transport- und Verteilnetze (VST-Kritis) sieht daher einen Weckruf, um solche Redundanzen bundesweit zu verbessern: «Jede Störung ist auch eine Chance, Resilienz neu zu denken und Koordination weiter zu optimieren.»Â
Was ist mit dem Krisenmanagement?Â
«Die Berliner Katastrophenschutzbehörden sind organisatorisch und personell nicht ausreichend auf Katastrophen und GroĂschadensereignisse vorbereitet», warnte der Landesrechnungshof im Jahresbericht 2025. Berlin sei im Ernstfall «nicht handlungsfĂ€hig». Das bewahrheitete sich zum GlĂŒck so nicht.Â
Am Samstag nach Beginn des Stromausfalls am frĂŒhen Morgen gegen 06.00 Uhr kamen sofort erste KrisenstĂ€be zusammen. Regierungschef Kai Wegner (CDU) und andere Senatsmitglieder, Polizei und Feuerwehr, VerbĂ€nde sowie der betroffene Bezirk organisierten Hilfe, auch von Bundeswehr oder anderen BundeslĂ€ndern. Sie schufen NotunterkĂŒnfte zum AufwĂ€rmen und andere Anlaufpunkte zum Aufladen von Handys, Verpflegung wurde organisiert. Auch die Zivilgesellschaft zeigte viel Zusammenhalt, Privatleute oder Kirchengemeinden boten praktische Hilfe unterschiedlichster Art an.
Was lief nicht so gut?
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass nicht alles sofort und optimal funktionierte. Das Aktivieren von Helfern und Material wie Notstromaggregaten brauchte Zeit, BĂŒrger beschwerten sich gerade anfangs ĂŒber mangelnde Informationen und zu wenig praktische Hilfe, in der Zusammenarbeit Beteiligter ruckelte es mitunter. Wegner selbst wurde von anderen Politikern kritisiert, weil am ersten Tag des Blackouts nicht in den betroffenen Stadtteilen prĂ€sent war. Inzwischen wurde bekannt, dass er an dem Tag zwischenzeitlich eine Stunde Tennis spielte, RĂŒcktrittsforderungen werden laut. Vieles in der KrisenbewĂ€ltigung habe gut funktioniert, bilanziert der Regierungschef, bevor diese Meldung die Runde machte. «Wir mĂŒssen jetzt gucken, wo wir die AblĂ€ufe optimieren können. Wir sollten aus der Krise weiter lernen.»Â
Was sind die wirtschaftlichen Folgen?Â
Die Unternehmen in Berlin erwarten infolge des Blackouts schwere wirtschaftliche Folgen. Der HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer der UnternehmensverbĂ€nde in Berlin und Brandenburg (UVB), Alexander Schirp, sprach bereits am Tag zwei des Stromausfalls von «SchĂ€den in Millionenhöhe an Anlagen und Maschinen und durch hohe UmsatzausfĂ€lle». Nun gehe es vor allem darum, die SchĂ€den in der Infrastruktur und in der Wirtschaft zu bilanzieren und zu beheben.Â
«Der GroĂschaden an der Infrastruktur hat viele Schwachstellen in unseren Systemen offengelegt», meinte Schirp. «Politik, Behörden und Wirtschaft mĂŒssen nun rasch die Lehren daraus ziehen.» Zugleich forderte Schirp die Betriebe auf, sich auch selbst besser gegen solche VorfĂ€lle zu wappnen.Â
Worauf sollten Hausbesitzer achten?Â
Die Innung SanitĂ€r Heizung Klempner (SHK Innung) wies darauf hin, dass es infolge des Stromausfalls unter UmstĂ€nden zu FrostfolgeschĂ€den an Heizungsanlagen und Wasserleitungen kommen kann. Eine pauschale Aussage zu möglichen ZwischenfĂ€llen sei nicht möglich, hieĂ es. Die WĂ€rmeversorgung mĂŒsse wieder hochgefahren werden. Nötig seien Neuprogrammierungen und Einstellungen der Heizungen. Wichtig: «Greifen Sie nicht selber in die Installationsanlagen ein, ein Abschalten oder die Entleerung von GerĂ€ten sollte nur in Absprache mit dem Fachbetrieb vorgenommen werden», so die Innung.
Wie stehen die Chancen, die TĂ€ter zu fassen?Â
Zu dem Brandanschlag bekannten sich die linksextremistischen sogenannten «Vulkangruppen». Seit 2011 verĂŒbte die Gruppierung nach EinschĂ€tzung des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz in Berlin und Brandenburg insgesamt 13 AnschlĂ€ge auf Infrastruktureinrichtungen. Auch die Bundesregierung geht davon aus, dass die Tat linksextremistisch motiviert ist. Der Polizei gelang es bisher nicht, die Beteiligten zu fassen. Die Ermittlungen sind auch schwierig, weil die TĂ€ter professionell vorgehen und kaum Spuren hinterlassen. Handys werden nicht mitgenommen, Videokameras im öffentlichen Raum gemieden, von verwertbaren FingerabdrĂŒcken oder DNA-Spuren ist nichts bekannt. Zugleich gibt es in Berlin eine feste linksextreme Szene, die jede Zusammenarbeit mit der Polizei ablehnt und zu bestimmten Taten dauerhaft schweigt.Â
Was tun Polizei und andere Sicherheitsbehörden?Â
Die Polizei startete einen breit angelegten Zeugenaufruf, wertet Spuren vom Tatort aus. Das Landeskriminalamt richtete eine eigene Ermittlungsgruppe ein, das Bundeskriminalamt (BKA) ist eingeschaltet. Auch der Verfassungsschutz ist eingebunden. Die Ermittlungen fĂŒhrt jetzt die Bundesanwaltschaft. Aus Sicht der obersten deutschen Strafverfolgungsbehörde besteht der Verdacht der verfassungsfeindlichen Sabotage, der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, der Brandstiftung und der Störung öffentlicher Betriebe.
Ergebnisse gibt es noch nicht: Von mehreren Dutzend Zeugenhinweisen soll laut Polizei eine kleinere Anzahl erfolgversprechend sein. Videomaterial wurde sichergestellt. Zugleich sind die AnkĂŒndigungen der Politik recht vollmundig: «Wir werden den Druck sowas von erhöhen», sagt Wegner. «Wir wollen sie kriegen, und wir wollen, dass sie eine entsprechende Bestrafung bekommen.» Ăhnliches hatte Innensenatorin Iris Spranger (SPD) schon im September bei einem Ă€hnlichen Anschlag im Stadtbezirk Treptow-Köpenick verkĂŒndet: «Wir kriegen euch.» Eingelöst wurde das Versprechen bisher nicht.
Was wollen die TĂ€ter eigentlich erreichen?
Das Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz (BfV) geht davon aus, dass hinter den «Vulkangruppen» nicht ein einzelner Personenzusammenschluss steht, sondern mehrere militant-anarchistische Gruppen. 2018 verĂŒbte eine davon einen Brandanschlag auf Versorgungsleitungen in Berlin, worauf etwa 6.500 Haushalte und 400 Betriebe stundenlang keinen Strom hatten. In einem Bekennerschreiben hieĂ es damals, Ziel sei es gewesen, «einen Moment unkontrollierten Lebens zu schaffen». 2023 traf es Stromversorgungsleitungen fĂŒr ein mit Steinkohle betriebenes Heizkraftwerk. Die mutmaĂlichen TĂ€ter sprachen von einer «NotwehrmaĂnahme» gegen «neokoloniale Ausbeutung und die weltweite Zerstörung».Â
Der 2024 betroffene Autohersteller Tesla in Brandenburg wurde von den Extremisten laut BfV als ReprĂ€sentant eines totalitĂ€ren «Herrschaftssystems» diffamiert. Im Bekennerscheiben zum jĂŒngsten Anschlag heiĂt es unter anderem: «Die Infrastrukturen, die dem âtechnologischen Angriffâ dienen und der Zerstörung der Erde Vorschub leisten, können sabotiert werden.»
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