Baden-WĂŒrttemberg, Deutschland

Bauschaum-Attacken: Verdacht auf versuchte Wahlbeeinflussung

23.11.2025 - 04:30:09

Nach SachbeschÀdigung an Hunderten Fahrzeuge in mehreren BundeslÀndern gehen Ermittler beim Motiv von Wahlbeeinflussung aus. Sitzt der Auftraggeber in Russland?

  • Nach einer Serienattacke auf Auspuffrohre von Fahrzeugen hat die Staatsanwaltschaft neue Erkenntnisse. (Symbolfoto) - Foto: Alicia Windzio/dpa

    Alicia Windzio/dpa

  • Die VizeprĂ€sidentin des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz, Silke Willems, sagt: «Low-Level-Agenten machen sich zum willigen Werkzeug fremder MĂ€chte.» (Archivfoto) - Foto: Soeren Stache/dpa

    Soeren Stache/dpa

Nach einer Serienattacke auf Auspuffrohre von Fahrzeugen hat die Staatsanwaltschaft neue Erkenntnisse. (Symbolfoto) - Foto: Alicia Windzio/dpaDie VizeprĂ€sidentin des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz, Silke Willems, sagt: «Low-Level-Agenten machen sich zum willigen Werkzeug fremder MĂ€chte.» (Archivfoto) - Foto: Soeren Stache/dpa

Knapp ein Jahr nach der Serie von Bauschaum-Attacken auf 276 Autos in vier BundeslĂ€ndern gehen die Ermittler davon aus: Was zunĂ€chst wie eine einfache SachbeschĂ€digung aussah, war in Wirklichkeit ein plumper Versuch, den Ausgang der Bundestagswahl zu beeinflussen. Wer der Auftraggeber der Aktionen in Baden-WĂŒrttemberg, Bayern, Brandenburg und Berlin war, ist bislang nicht abschließend geklĂ€rt. Die Aussage eines TatverdĂ€chtigen deutet allerdings darauf hin, dass dieser in Russland zu suchen ist. 

Was war geschehen?

An einer Vielzahl von Fahrzeugen wurden zwischen dem 8. Dezember und dem 11. Dezember vergangenen Jahres die Abgasrohre mit Bauschaum befĂŒllt. Die TĂ€ter brachten an den Autos jeweils Aufkleber mit einem Bild des damaligen Bundeswirtschaftsministers Robert Habeck (GrĂŒne) und der Aufschrift «SEI GRÜNER!» an. FĂŒr die Autobesitzer war das Ă€rgerlich. Denn ist der Montageschaum erst einmal ausgehĂ€rtet, lĂ€sst er sich nicht mehr so leicht entfernen. Laut Staatsanwaltschaft wurde der Bauschaum teilweise auch nur oberflĂ€chlich an den Autos aufgetragen. 

Im Bereich des PolizeiprÀsidiums Ulm wurden den Angaben zufolge SachbeschÀdigungen an 113 Fahrzeugen zur Anzeige gebracht. Hunderte Kilometer entfernt, im brandenburgischen Schönefeld, meldeten sich die Besitzer von 43 Fahrzeugen, die das gleiche Problem hatten. In Bayern wurden zehn Autos beschÀdigt, in Berlin beschÀdigten die TÀter 110 Fahrzeuge.

Russischer Geheimdienst-Auftrag?

Die Staatsanwaltschaft Ulm, die in diesem Ermittlungsverfahren den Hut aufhat, teilt auf Anfrage mit, ein 18-jĂ€hriger TatverdĂ€chtiger habe angegeben, «dass die Taten durch einen wohl serbischen Staatsangehörigen aus Russland, dessen IdentitĂ€t noch ungeklĂ€rt ist, in Auftrag gegeben worden seien, um das Wahlverhalten der BundesbĂŒrger und dadurch das Ergebnis der Bundestagswahl vom 23.02.2025 zu beeinflussen.» Dieser habe den Beschuldigten fĂŒr jedes Fahrzeug 100 Euro als PrĂ€mie geboten. 

«Diese Angaben konnten bislang durch weitere Beweismittel aber nicht bestĂ€tigt werden», sagt Oberstaatsanwalt Michael Bischofberger. Auch die vier weiteren bisher ermittelten Beschuldigten machten Angaben, bestritten aber die VorwĂŒrfe.

Modus operandi deutet auf Einflussoperation hin

«Aufgrund Inhalt und Gestaltung des an den betroffenen Fahrzeugen hinterlassenen Aufklebers und des gewĂ€hlten Tatzeitraums kurz vor den Bundestagswahlen ist eine beabsichtigte Beeinflussung des Meinungsbildes und somit von möglichen WĂ€hlern naheliegend», heißt es von der federfĂŒhrenden Staatsanwaltschaft in Ulm. 

Die Vorgehensweise entspreche einem typischen Muster, heißt es vom Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz (BfV). «Aktionen wie diese, sollen die Gesellschaft polarisieren und spalten», sagt BfV-VizeprĂ€sidentin Silke Willems. Aktuelle Themen - in diesem Fall die Klimapolitik - wĂŒrden aufgegriffen und es werde versucht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Eingesetzt wĂŒrden dafĂŒr sogenannte «Low-Level-Agenten», erklĂ€rt Willems. So nennt der Verfassungsschutz Menschen, die im Auftrag auslĂ€ndischer - meist russischer - Nachrichtendienste Straftaten in Deutschland begehen, ohne selbst Mitarbeiter des auslĂ€ndischen Geheimdienstes zu sein. Die zumeist ĂŒber Soziale Medien rekrutierten Handlanger machten sich «zum willigen Werkzeug fremder MĂ€chte». Im Falle einer Verurteilung drohten ihnen erhebliche Freiheitsstrafen.

Polizei kontrollierte Mietfahrzeug

Ins Rollen gekommen war der Stein, als einer Polizeistreife in Schönefeld im Dezember ein Transporter mit drei jungen MĂ€nnern auffiel, die mehrere Kartuschen mit Bauschaum bei sich hatten, wie er etwa zum Abdichten von Fenster- und TĂŒrrahmen verwendet wird. Kurz nach der Kontrolle des in Ulm angemieteten Mietfahrzeugs gingen die ersten Anzeigen von Autobesitzern ein. 

Das Trio - ein 17 Jahre alter bosnisch-herzegowinischer Jugendlicher aus dem bayerischen Kreis GĂŒnzburg, ein 20-JĂ€hriger mit serbischer und kroatischer Staatsangehörigkeit aus dem Alb-Donau-Kreis und ein 18 Jahre alter deutscher Mann aus Ulm - hatte bei einer Kontrolle in TatortnĂ€he mehrere Bauschaumdosen bei sich. Die jungen MĂ€nner konnten aus Sicht der Polizei nicht ĂŒberzeugend erklĂ€ren, warum sie die Dosen mit sich trugen. 

Dutzende Beweisbilder auf dem Handy

Bei allen Beschuldigten gab es Hausdurchsuchungen. Auf einem Handy wurden 74 Tatbeweisbilder entdeckt. Bei einem der Beschuldigten fanden die Ermittler weitere Dosen mit Bauschaum sowie eine Kassenquittung vom 9. Dezember 2024 ĂŒber den Einkauf weiterer Bauschaumdosen.

Im Laufe der weiteren Ermittlungen gerieten laut Staatsanwaltschaft zwei rumĂ€nische Staatsangehörige - eine 19 Jahre alte Frau und ein 29 Jahre alter Mann aus dem Alb-Donau-Kreis - ins Blickfeld. Den Angaben zufolge wurden vom Handy des 29-JĂ€hrigen, das auch die Frau genutzt haben soll, in der Nacht des 9. Dezembers ĂŒber 50 Tatbeweisbilder auf den Mobilfunkanschluss eines der drei MĂ€nner, die bei der Kontrolle aufgefallen waren, geschickt. Der 29-JĂ€hrige gab demnach an, das Handy sei von der 19-JĂ€hrigen, einer Verwandten, genutzt worden, was sich nach Angaben der Ermittler auch verifizieren ließ. Der Verdacht gegen den 29-JĂ€hrigen sei dadurch weitgehend entkrĂ€ftet, hieß es. 

SĂ€mtliche Beschuldigte befinden sich laut Staatsanwaltschaft auf freiem Fuß. Die Finanzermittlungen dauerten noch an. Angaben dazu, wer womöglich welchen Tatbeitrag geleistet habe, könnten derzeit nicht gemacht werden.

Warnung vor Anwerbeversuchen

Das Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz hatte zuletzt öffentlich vor Versuchen russischer Geheimdienste, fĂŒr Spionage und Sabotage in Deutschland sogenannte Wegwerf-Agenten zu rekrutieren, gewarnt. Deren Taten werden von den Sicherheitsbehörden als Teil der hybriden Bedrohung, der sich Deutschland vor allem seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine ausgesetzt sieht, eingeschĂ€tzt. 

Unter hybrider KriegsfĂŒhrung wird eine Kombination aus militĂ€rischen, wirtschaftlichen, geheimdienstlichen und propagandistischen Mitteln verstanden, mit der auch die öffentliche Meinung beeinflusst werden kann - bis hin zur Destabilisierung ganzer Gesellschaften.

@ dpa.de

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