Nord Stream: Angeklagter muss sich in Hamburg verantworten
Veröffentlicht am: 14.10.2026 um 11:44 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDer Prozess und seine Anklagepunkte
- Serhij K. muss sich vor dem Staatsschutzsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts verantworten.
- Die Anklage nennt neben dem Kriegsverbrechensvorwurf auch Sprengstoffexplosionen und die Zerstörung von Bauwerken.
- Mehr als 100 Journalisten aus mehreren Ländern meldeten sich für den Prozessauftakt an.
Prozess gegen Serhij K. beginnt in Hamburg
Rund vier Jahre nach der Sprengung der Nord-Stream-Pipelines hat in Hamburg der Prozess gegen den 50 Jahre alten Ukrainer Serhij K. begonnen. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm unter anderem ein Kriegsverbrechen, die Herbeiführung von Sprengstoffexplosionen und die Zerstörung von Bauwerken vor.
Anklage sieht staatlichen Auftrag
Nach der zum Prozessauftakt verlesenen Anklage soll Serhij K. als Offizier der ukrainischen Armee gemeinsam mit weiteren Militärangehörigen den Anschlag geplant und ausgeführt haben. Dabei habe er mit Kenntnis staatlicher Stellen der Ukraine gehandelt.
Die Anklage wertet die Vorwürfe deshalb als Kriegsverbrechen. Als Ziel nennt sie, Russland Einnahmen aus dem Gashandel zu entziehen und damit eine Finanzierung des Angriffskrieges gegen die Ukraine zu verhindern.
Großes internationales Interesse
Die Explosionen hatten im September 2022, wenige Monate nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, weltweit Aufmerksamkeit ausgelöst. Die Pipelines verliefen durch die Ostsee von Russland bis nach Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern.
Mehr als 100 Journalisten haben sich nach Angaben des Gerichts für das Verfahren angemeldet. Unter ihnen sind Vertreter aus Russland, der Ukraine, den USA, China und mehreren europäischen Ländern.
Protest vor dem Gericht
Vor dem Gerichtsgebäude demonstrierten rund 20 Ukrainer gegen eine Verurteilung des Angeklagten wegen eines Kriegsverbrechens. Ein Sprecher erklärte, die Ukraine habe das Recht, sich zu verteidigen, um zu überleben.
Das Verfahren soll klären, welche Rolle Serhij K. bei der Zerstörung der Pipelines gespielt haben soll und ob die in der Anklage behaupteten staatlichen Bezüge strafrechtlich relevant sind.
Der Prozess betrifft einen der folgenreichsten Sabotagefälle im europäischen Energiesektor. Die Explosionen vom September 2022 beschädigten drei der vier Leitungsstränge von Nord Stream 1 und 2; Nord Stream 1 hatte zuvor russisches Erdgas nach Lubmin transportiert, während Nord Stream 2 nie regulär in Betrieb ging.
Rechtlich geht es in Hamburg nicht nur um die mutmaßliche Beteiligung des Angeklagten an den Explosionen. Die Anklage verbindet den Vorwurf der Pipeline-Zerstörung mit einem möglichen staatlichen Auftrag und ordnet die Tat deshalb als Kriegsverbrechen ein. Damit berührt das Verfahren zugleich Fragen des Völkerstrafrechts, der Verantwortlichkeit von Soldaten bei verdeckten Operationen und der deutschen Gerichtszuständigkeit.
Politische und wirtschaftliche Tragweite
Die Pipeline-Sprengungen veränderten die Debatte über Europas Energieversorgung und das Verhältnis zu Russland dauerhaft. Der Prozess kann erstmals in einem Strafverfahren Beweise zur mutmaßlichen Organisation des Anschlags und zu möglichen Auftraggebern öffentlich prüfen. Ein Urteil über individuelle Schuld wäre jedoch nicht automatisch ein abschließender politischer Befund über eine staatliche Verantwortung.
Für Deutschland steht außerdem das Verhältnis zur Ukraine im Hintergrund. Die ukrainische Regierung bestreitet eine Beteiligung. Zugleich macht der Fall deutlich, wie eng Sicherheits-, Energie- und Justizpolitik miteinander verbunden sind: Die Verhandlung betrifft die strafrechtliche Verantwortung eines Angeklagten, könnte aber weit über den Gerichtssaal hinaus politische Debatten beeinflussen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
NDR: „Riesiges Interesse: Nord-Stream-Prozess beginnt in Hamburg“ (14.10.2026)
Der Beitrag ordnet den Prozess als ersten Strafprozess zu den Nord-Stream-Anschlägen ein und beschreibt die internationale Aufmerksamkeit. Einen Schwerpunkt legt er auf die Frage, ob weitere mutmaßliche Täter oder Hintermänner verfolgt werden.
taz: „FAQ zur Nord-Stream-Sprengung: Der Soldat, der mit der Segelyacht kam“ (13.10.2026)
Der Artikel erklärt die Vorwürfe gegen Serhij K., die Zuständigkeit der deutschen Justiz und offene völkerrechtliche Fragen. Anders als der NDR-Beitrag setzt er einen Schwerpunkt auf mögliche staatliche Verantwortung und die Bedeutung des Verfahrens für das Verhältnis zur Ukraine.
Beide Beiträge stimmen beim Prozessbeginn und beim zentralen Tatvorwurf überein. Unterschiede ergeben sich vor allem bei der Gewichtung: Während der NDR die gerichtlichen Abläufe und den möglichen Fortgang hervorhebt, konzentriert sich die taz stärker auf rechtliche und politische Folgen.
