Pflegereform: Landkreise unterstĂŒtzen Pflegedeckel und warnen vor SparplĂ€nen
Veröffentlicht am: 29.09.2026 um 11:19 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Vor dem geplanten Kabinettsbeschluss zur Pflegereform weitet sich die Kritik an den SparplĂ€nen der Bundesregierung aus: Auch die deutschen Landkreise wenden sich gegen Belastungen bei den Heimkosten und unterstĂŒtzen die SPD-Forderung nach einem Pflegedeckel.
Landkreistag warnt vor Kostenverlagerung
Der Bund dĂŒrfe die Finanzprobleme der Pflegeversicherung nicht zulasten der PflegebedĂŒrftigen und der Landkreise lösen, kritisierte der PrĂ€sident des Deutschen Landkreistags, Achim Brötel (CDU). âGenau darauf lĂ€uft der bisherige Entwurf an wesentlichen Stellen hinausâ, sagte er.
Brötel unterstĂŒtzt deshalb eine Obergrenze fĂŒr die Kosten der Pflege im Heim. âEin echter Pflegedeckel kann ein wichtiger Teil der Lösung seinâ, sagte der CDU-Kommunalpolitiker. Die Pflegeversicherung mĂŒsse wieder einen verlĂ€sslicheren Anteil der tatsĂ€chlichen Pflegekosten ĂŒbernehmen.
Koalition ringt weiter um Entwurf
Die Mahnung trifft Union und SPD wĂ€hrend ihrer Verhandlungen ĂŒber die ReformplĂ€ne. Am Dienstag war weiterhin offen, ob Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) den Gesetzentwurf wie angekĂŒndigt am Mittwoch in das Bundeskabinett einbringen kann. Nach Angaben aus der Koalition sollte in mehreren Runden weiter nach einer Lösung gesucht werden.
ZuschlÀge sollen spÀter steigen
Der Entwurf sieht unter anderem vor, die LeistungszuschlĂ€ge fĂŒr Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen zeitlich zu strecken. Die ZuschlĂ€ge sollen die steigenden Eigenanteile abfedern, weil die Pflegeversicherung nur einen Teil der Kosten ĂŒbernimmt. Ihre Höhe steigt derzeit gestaffelt mit der Dauer des Heimaufenthalts.
Die geplante Streckung soll die Pflegekassen im kommenden Jahr um 2,6 Milliarden Euro entlasten. Sie war bereits im Entwurf von Linnemanns AmtsvorgÀngerin Nina Warken (CDU) vorgesehen, auf dem die aktuellen PlÀne beruhen.
Landkreise als zweite Pflegekasse
Betroffen sind die Kommunen, weil das Sozialamt des Kreises einspringt, wenn PflegebedĂŒrftige und ihre Angehörigen die verbleibenden Heimkosten nicht tragen können. Der Landkreistag bezeichnet die Landkreise deshalb als âfaktisch die zweite Pflegekasseâ.
Der bisherige Gesetzentwurf rechnet demnach fĂŒr 2027 mit zusĂ€tzlichen Ausgaben der Hilfe zur Pflege von rund einer Milliarde Euro. Wegen der demografischen Entwicklung könnten die jĂ€hrlichen Kosten langfristig auf rund zwölf Milliarden Euro steigen.
Finanzdruck der Pflegeversicherung
Die geplante Reform steht vor einem strukturellen Problem: Die soziale Pflegeversicherung nimmt seit Jahren weniger ein, als sie ausgibt. FĂŒr 2027 wird ein Defizit von mehr als sieben Milliarden Euro erwartet; zugleich muss ein frĂŒher gewĂ€hrtes Darlehen des Bundes zurĂŒckgezahlt werden. Die Bundesregierung will deshalb kurzfristig Einnahmen erhöhen und Ausgaben begrenzen.
FĂŒr PflegebedĂŒrftige und Angehörige ist vor allem die Entwicklung der Heimkosten relevant. Die Pflegeversicherung ĂŒbernimmt nur einen Teil der pflegebedingten Kosten. Unterkunft, Verpflegung und Investitionen kommen zusĂ€tzlich hinzu und bleiben auch bei einem Pflegedeckel grundsĂ€tzlich bestehen. Ein Deckel von 1.500 Euro wĂŒrde daher nicht den gesamten Eigenanteil begrenzen.
Belastung fĂŒr Kommunen und Familien
Steigende Eigenanteile treffen nicht nur die Bewohner von Pflegeheimen. Wenn Einkommen und Vermögen nicht ausreichen, ĂŒbernimmt die Sozialhilfe die sogenannte Hilfe zur Pflege. Eine Verschiebung der Kosten von der Pflegeversicherung auf die kommunalen SozialĂ€mter wĂŒrde daher die Landkreise und kreisfreien StĂ€dte stĂ€rker belasten.
Politisch geht es damit um mehr als eine kurzfristige Einsparung. Union und SPD mĂŒssen entscheiden, ob die Finanzierung vor allem ĂŒber LeistungskĂŒrzungen, höhere BeitrĂ€ge, zusĂ€tzliche Bundesmittel oder eine breitere Beteiligung bislang privat Versicherter stabilisiert werden soll. FĂŒr Betroffene bleibt bis zu einer gesetzlichen Entscheidung die bestehende Rechtslage maĂgeblich.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau: âSPD und SozialverbĂ€nde drĂ€ngen auf Ănderungen der geplanten Pflegereformâ (28.09.2026)
Der Bericht bestĂ€tige, dass Union und SPD unmittelbar vor dem geplanten Kabinettsbeschluss ĂŒber Ănderungen verhandelten. Er setze den Schwerpunkt auf die Forderungen der SPD und der SozialverbĂ€nde nach einem Pflegedeckel sowie einem finanziellen Ausgleich zwischen privater und sozialer Pflegeversicherung; offen bleibe, ob die Koalition eine Einigung erzielen könne.
Berliner Zeitung: âPflegereform: Was die SparplĂ€ne fĂŒr Angehörige in Berlin bedeutenâ (28.09.2026)
Der Artikel ordne die geplanten Einschnitte aus Sicht pflegender Angehöriger ein und hebe hervor, dass deren unbezahlte Arbeit einen erheblichen Teil des Versorgungssystems trage. Zugleich beschreibe er das chronische Finanzierungsdefizit und mehrere Reformmodelle; anders als die aktuelle Meldung richte sich der Schwerpunkt damit stĂ€rker auf die Folgen fĂŒr Familien und grundsĂ€tzliche Alternativen.
Beide Berichte bestĂ€tigten den Streit ĂŒber SparmaĂnahmen und Pflegedeckel. WĂ€hrend der erste Beitrag die laufenden Koalitionsverhandlungen und die Finanzierungsmodelle betone, stelle der zweite die Belastung von Angehörigen und die langfristige Systemfrage heraus.
