PalÀstina-Proteste, Unis

PalĂ€stina-Proteste stĂŒrzen Unis ins Dilemma

09.05.2024 - 10:20:44

Protestcamps wie in den USA und vielen anderen LÀndern finden sich nun auch an deutschen Hochschulen. Das Beispiel der Freien UniversitÀt Berlin zeigt, wie schwierig der Umgang damit ist.

  • Kritisiert einen UnterstĂŒtzerbrief von rund 100 LehrkrĂ€ften an Berliner Hochschulen fĂŒr propalĂ€stinensische Demonstranten: Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (Archivbild). - Foto: Wolfgang Kumm/dpa

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  • PropalĂ€stinensische Aktivisten haben am Dienstag einen Hof der Freien UniversitĂ€t in Berlin besetzt. - Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa

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Kritisiert einen UnterstĂŒtzerbrief von rund 100 LehrkrĂ€ften an Berliner Hochschulen fĂŒr propalĂ€stinensische Demonstranten: Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (Archivbild). - Foto: Wolfgang Kumm/dpaPropalĂ€stinensische Aktivisten haben am Dienstag einen Hof der Freien UniversitĂ€t in Berlin besetzt. - Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Es begann vor Wochen in den USA. An mehr als 100 amerikanischen UniversitĂ€ten haben propalĂ€stinensische Gruppen Protestcamps gegen das israelische Vorgehen im Gazastreifen errichtet. Seither scheint eine Welle um die Welt zu gehen. ZeltstĂ€dte und aufgebrachte Demonstranten an Hochschulen in Bangladesch und Australien, in Spanien und Großbritannien, in Frankreich und Finnland, in den Niederlanden und DĂ€nemark. Und nun auch in Deutschland.

In den vergangenen Tagen kam es nicht nur zu aufgewĂŒhlten Szenen an Unis in Berlin und Leipzig. Auch die UniversitĂ€t Bremen ließ ein Camp rĂ€umen. In Köln stehen Zelte auf einer Wiese an der UniversitĂ€t, in Hamburg eine Mahnwache. An anderen Hochschulen blieb es vorerst ruhig, aber auch Jena oder Weimar hat man ein waches Auge auf mögliche Aktionen. Und ĂŒberall ist das Dilemma: Geht es hier um legitime MeinungsĂ€ußerungen oder antisemitische Propaganda? Um MitgefĂŒhl mit den Menschen in Gaza oder puren Hass auf Israel? Und wie können jĂŒdische und nichtjĂŒdische junge Leute gemeinsam studieren in einer oft so aufgeheizten Stimmung? Denn die dĂŒrfte so bald nicht enden.

Kritik von allen Seiten an der FU

Die Debatte nach der RĂ€umung eines Protestcamps an der Freien UniversitĂ€t Berlin am Dienstag zeigt, dass die Verantwortlichen wohl fast nichts richtig machen können in einer solchen Situation. Die Leitung der FU reagierte rasch, als vormittags einige Dutzend Menschen mit PalĂ€stina-TĂŒchern und Transparenten in einen Hof der Uni strömten und begannen, Zelte aufzubauen. Um 10.00 Uhr rief eine Verantwortliche die Polizei, um 12.20 Uhr beantragte die Uni die RĂ€umung.

FĂŒr das schnelle Einschreiten bekam sie Lob vom Berliner Senat und vom Zentralrat der Juden. ZentralratsprĂ€sident Josef Schuster kritisierte aber, dass die Uni sich nicht inhaltlich zu dem Protest geĂ€ußert habe, der eindeutig «fanatischen Charakter» trage. Noch bitterer war die Kritik der anderen Seite. Etwa 100 Dozenten von mehreren Berliner Hochschulen stellten sich gegen die RĂ€umung: «Wir fordern die Berliner UniversitĂ€tsleitungen auf, von PolizeieinsĂ€tzen gegen ihre eigenen Studierenden ebenso wie von weiterer strafrechtlicher Verfolgung abzusehen.» DafĂŒr wiederum kassierten die Dozenten Empörung, unter anderem von Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP).

Studierende starteten ihrerseits eine Petition fĂŒr den RĂŒcktritt von FU-PrĂ€sident GĂŒnter Ziegler. Soziale Netzwerken verbreiteten Bilder von einem sehr robusten Vorgehen einiger Polizisten. Die Polizei selbst bilanzierte am Mittwoch, es seien 79 Personen vorĂŒbergehend festgenommen worden, davon 49 Frauen und 30 MĂ€nner, es gebe 80 Strafermittlungsverfahren und 79 Ordnungswidrigkeitenverfahren.

«Extrem aufgeladene Stimmung»

Studierende, die mit dem Protest nichts zu tun hatten und nur wie ĂŒblich in die Bibliothek oder in die Mensa wollten, beschreiben die Stunden der Besetzung, der RĂ€umung, der propalĂ€stinensischen Demo und einer proisraelischen Gegendemo als einschneidendes Erlebnis. Es sei eine «extrem aufgeladene Stimmung gewesen», sagt eine Studentin in einer Sprachnachricht. «Wenn die Lage eskalieren sollte, dann könnte das auch echt gefĂ€hrlich werden.» Sie Ă€ußert sich verwundert, dass auch ein Mann mit Kippa abgefĂŒhrt worden sei, der sich auf die propalĂ€stinensische Seite gestellt habe.

Eine andere Studierende sagt: «Es war wirklich erschreckend.» Eine dritte Augenzeugin meint, es sei krass gewesen, als Unbeteiligte von der eigenen Uni einfach ausgeschlossen zu werden. Die Polizei sei massiv eingeschritten, die Reaktionen auf dem Campus seien sehr emotional, frustriert, traurig, sauer. Sie erwarte weitere Proteste. «Ich glaube, dass da noch etwas kommen wird», sagt die 23-JÀhrige.

Alle drei jungen Frauen haben nach eigenen Worten keine antisemitischen Slogans wĂ€hrend der Demos gehört. Die Uni verteidigte ihr Vorgehen aber genau damit: «Klar ist, dass es wĂ€hrend der gestrigen Protesten zu antisemitischen, diskriminierenden Äußerungen kam, aber auch zu Aufrufen zu Gewalt», erklĂ€rte ein Sprecher.

Was legitime Kritik an Israel ist und was nicht, ist fĂŒr viele eine sehr wackelige rote Linie. Auch ZentralratsprĂ€sident Schuster sagt: «Ich kann durchaus verstehen, wenn jemand gegen das Leid der Zivilisten in Gaza protestiert. Auch ich denke an diese Menschen, die von der Hamas als Schutzschilde benutzt werden. Klar muss aber sein, dass der Grund ihres Leids der Terror der Hamas ist. Ein solcher Protest kann nicht durch Vernichtungsfantasien gegen Israel getragen werden.»

Spannungsfeld ĂŒberall Ă€hnlich

Das Spannungsfeld ist in anderen LĂ€ndern Ă€hnlich. Die Anti-Defamation League, eine Nichtregierungsorganisation mit Sitz in New York, beobachtet die propalĂ€stinensischen Proteste rund um den Globus, vor allem aber in den USA. «Es gibt legitime Protestformen, wenn sie friedlich und legal sind», sagt VizeprĂ€sidentin Marina Rosenberg der Deutschen Presse-Agentur. Aber in vielen FĂ€llen sei das nicht so. «Viele der Aktivisten sind gar keine Studenten», sagt Rosenberg. Diese «professionellen antiisraelischen und antizionistischen Aktivisten» brĂ€chten Slogans auf den Campus, die teils Terrorismus und Gewalt verherrlichten. Das wiederum schaffe eine AtmosphĂ€re der Angst. «Wir machen uns extrem große Sorgen um jĂŒdische Studierende weltweit», sagt Rosenberg.

In Australien toleriert die UniversitĂ€t in Sydney schon seit fast drei Wochen ein Zeltlager von Studenten vor dem HochschulgebĂ€ude. Ein Sprecher sagte zuletzt, es seien keine VerstĂ¶ĂŸe im Zusammenhang mit Antisemitismus festgestellt worden. Der VizeprĂ€sident der «Australasian Union of Jewish Students», Zac Morris, betonte hingegen, jĂŒdische Uni-Mitarbeiter und Studenten fĂŒhlten sich zunehmend bedroht. Viele hĂ€tten Angst und verpassten deshalb Vorlesungen. «Sie werden gefilmt, verfolgt, eingeschĂŒchtert», sagte er.

Ähnliche Ängste haben jĂŒdische Studierende auch in Deutschland, gerade an der FU Berlin, nachdem einer von ihnen im Februar von einem propalĂ€stinensischen Kommilitonen krankenhausreif geschlagen wurde. Danach gab es SolidaritĂ€tsbekundungen unter dem Motto «Fridays for Israel». Die politische Anspannung blieb jedoch, der Konflikt ungelöst. Mit dem Impuls aus den USA nimmt der Protest eine neue Form.

Ort der Kontroverse

Protestforscher Jannis Grimm, selbst Dozent an der FU, glaubt, dass UniversitĂ€ten Meinungsstreit aushalten mĂŒssen. «Die Polizei auf den Campus zu holen, ist keine Kleinigkeit», sagt Grimm. «Es muss nicht eine Mehrheit den Protest gut finden. Was wir von den Inhalten halten, spielt keine Rolle. Es ist wichtig, dass diese Proteste stattfinden können. Das gilt auch fĂŒr die Gegenproteste. UniversitĂ€t muss ein Ort der Kontroverse bleiben, wo die Kontroverse nicht durch die Polizei beendet wird.»

So hĂ€lt es derzeit die UniversitĂ€t Wien, wo ebenfalls junge Menschen Zelte aufgeschlagen haben. Daneben stehen Transparente wie «Israel mordet, EU macht mit». Die Uni Wien hat sich von den Anliegen der Protestierenden distanziert, ebenso wie die HochschĂŒlerInnenschaft der Uni. Die Polizei sieht aber vorerst keinen Grund zur Auflösung. Es habe weder strafrechtliches Verhalten gegeben, noch sei die öffentliche Sicherheit gefĂ€hrdet, hieß es.

@ dpa.de