Riskanter Versuch: MinisterprÀsidentenwahl in Sachsen
18.12.2024 - 04:00:40Gut dreieinhalb Monate nach der Landtagswahl soll heute in Sachsen ein neuer MinisterprÀsident gewÀhlt werden. Der bisherige Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) will mit einer Minderheitsregierung aus CDU und SPD regieren, eine eigene Mehrheit hat er nicht. Bei der Wahl wollen der AfD-Partei- und Fraktionschef Jörg Urban und der Fraktionslose Matthias Berger (Freie WÀhler) gegen ihn antreten. Wie das ablÀuft und wie die Minderheitsregierung funktionieren soll:
Wer tritt an?
Kretschmer will sich zum dritten Mal zum MinisterprĂ€sidenten von Sachsen wĂ€hlen lassen. Er ĂŒbernahm das Amt 2017 von seinem VorgĂ€nger Stanislaw Tillich (CDU). Zuvor saĂ der gebĂŒrtige Görlitzer 15 Jahre lang im Bundestag. Die Koalition aus CDU, SPD und GrĂŒnen, die Kretschmer seit 2019 anfĂŒhrte, erreichte bei der Landtagswahl keine Mehrheit mehr. Nachdem die Verhandlungen ĂŒber eine Brombeer-Koalition mit dem BSW gescheitert sind, setzt Kretschmer jetzt auf die SPD als einzigen Koalitionspartner. Um im ersten Wahlgang gewĂ€hlt zu werden, fehlen ihm zehn Stimmen.
Urban hat seine Kandidatur am Dienstag offiziell gemacht. Offen lieĂ der AfD-Vorsitzende, ob er bereits im ersten Wahlgang antritt. Die Strategie der Kandidatur werde er nicht offenlegen, betonte Urban. Zuvor hatte seine Fraktion ihre UnterstĂŒtzung fĂŒr eine alleinige CDU-Regierung angeboten. Der gebĂŒrtige MeiĂner sitzt seit 2014 fĂŒr die AfD im sĂ€chsischen Landtag und wurde 2018 zum Parteivorsitzenden gewĂ€hlt.
Auch Berger, als fraktionsloser Abgeordneter fĂŒr die Freien WĂ€hler im Landtag, kandidiert als MinisterprĂ€sident. Er will eine Expertenregierung bilden und dabei alle Parteien einbeziehen. Berger hatte bei der Wahl am 1. September ein Direktmandat gewonnen und ist der einzige Vertreter der Freien WĂ€hler im Landtag. Von 2008 bis 2024 war er OberbĂŒrgermeister seiner Heimatstadt Grimma.
Wie wird der MinisterprÀsident gewÀhlt?
In geheimer Wahl. Im ersten Wahlgang ist die absolute Mehrheit nötig - bei 120 Abgeordneten entspricht das 61 Stimmen. Dass Kretschmer diese Mehrheit erreicht, wird nicht erwartet, da CDU und SPD dazu zehn Stimmen fehlen. Die CDU stellt 41 Abgeordnete, die AfD 40. Das BSW ist mit 15 Frauen und MĂ€nnern vertreten, die SPD mit zehn. GrĂŒne und Linke kommen auf sieben beziehungsweise sechs Sitze, die Freien WĂ€hler auf einen.Â
Im zweiten und allen weiteren WahlgĂ€ngen reicht eine einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen. GewĂ€hlt ist in diesem Fall, wer mehr Stimmen erhĂ€lt als die restlichen WahlvorschlĂ€ge zusammen. Enthaltungen zĂ€hlen nicht mit.Â
Wie funktioniert eine Minderheitsregierung?Â
CDU und SPD wollen sich kĂŒnftig mit einem Konsultationsmechanismus, der andere Fraktionen frĂŒhzeitig in Gesetzesvorhaben einbindet, Mehrheiten im Landtag sichern. Es soll laut Koalitionsvertrag im Landtag Gelegenheit geben, Positionen zu den wesentlichen Vorhaben der Regierung zu artikulieren. Die unterschiedlichen Auffassungen im Landtag sollen dann in den Gesetzgebungsprozess einflieĂen.
In Deutschland sind Minderheitsregierungen anders als etwa in Skandinavien, Spanien oder Kanada eine Seltenheit. In der Bundesrepublik waren sie laut einer Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages bisher in der Regel Ăbergangslösungen. Volle Legislaturperioden schafften zwei von der SPD gefĂŒhrte Minderheitsregierungen in Sachsen-Anhalt (1994 bis 2002).
In ThĂŒringen fĂŒhrte bis vergangene Woche Bodo Ramelow (Linke) eine rot-rot-grĂŒne Minderheitsregierung an. Ihm fehlten vier Stimmen zur absoluten Mehrheit. Mit der CDU schlossen die Regierungsparteien einen «StabilitĂ€tspakt» mit punktueller Zusammenarbeit in Sachfragen, der etwa ein Jahr hielt.Â
Am vergangenen Donnerstag ĂŒbernahm Mario Voigt (CDU) als Regierungschef in ThĂŒringen. Seine sogenannte Brombeer-Koalition aus CDU, BSW und SPD kommt auf 44 der 88 Sitze - das bedeutet ein Patt mit den beiden Oppositionsparteien AfD und Linke. Die Linke plant zwar keine Tolerierung der Regierung, hat sich aber mit den Koalitionsparteien auf ein GesprĂ€chsformat verstĂ€ndigt, um zu «demokratischen Mehrheiten zu kommen».Â
Was passiert, wenn die Wahl scheitert?
In der sÀchsischen Verfassung ist vorgeschrieben, dass der MinisterprÀsident innerhalb von vier Monaten nach Konstituierung des neuen Landtags gewÀhlt werden muss. Die konstituierende Sitzung des neuen Landtags fand am 1. Oktober statt, damit lÀuft die Frist Anfang Februar 2025 aus. Sollte heute nicht die nötige Mehrheit zustande kommen, können bis dahin weitere WahlgÀnge stattfinden. Gelingt es nicht, einen Regierungschef zu wÀhlen, wird der Landtag aufgelöst und es kommt zur Neuwahl.


