Russland führt Schattenkrieg gegen Deutschland: BND-Chef warnt vor Eskalation
Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 18:36 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDer Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Martin Jäger, hat Deutschland bei einer öffentlichen Anhörung des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Bundestages in einem russischen „Schattenkrieg“ gesehen.
Warnung vor Einschüchterung und False-Flag-Angriffen
Deutschland müsse angesichts der Bedrohung durch Russland widerstandsfähiger werden, sagte Jäger. Moskau setze auf die Schwäche des Westens und wolle vor allem einschüchtern. Hinweise auf einen großangelegten Angriff Russlands gegen Nato-Staaten gebe es derzeit nicht.
Jäger schloss jedoch niedrigschwellige militärische Aktivitäten Russlands im Baltikum nicht aus. Auch sogenannte False-Flag-Operationen seien möglich. Dabei würden verdeckte Angriffe so angelegt, dass sie einem anderen Akteur zugeschrieben werden könnten.
Nachrichtendienste als „erste Verteidigungslinie“
Die Nachrichtendienste seien in der aktuellen Lage die „erste Verteidigungslinie“, sagte der BND-Präsident. Seit dem Sommer habe sich Russlands Kriegsführung gegen die Ukraine deutlich verschärft. Zugleich versuche Moskau, Rüstungslieferungen zu unterbinden.
Verfassungsschutzpräsident Sinan Selen sagte, Deutschland werde bereits jetzt angegriffen. Das häufig genannte Jahr 2029 stehe lediglich für ein mögliches Zeitfenster, in dem Russland wieder zu einem großen Angriff fähig sein könnte. Es bedeute nicht, dass ein Angriff für dieses Jahr erwartet werde.
Merz: Bevölkerung muss Bedrohung kennen
Bundeskanzler Friedrich Merz sagte bei einem Treffen mit dem litauischen Ministerpräsidenten Mindaugas Sinkevicius in Berlin, Russland habe seine Politik des Expansionismus und Revisionismus massiv verschärft. Die Bevölkerung müsse die Bedrohungslage kennen. Deutschland werde sich weder einschüchtern noch spalten lassen und sei bereit, sich zu verteidigen.
Jäger sagte, Russlands Präsident Wladimir Putin müsse einen Erfolg vorweisen, der die russischen Opfer im Krieg aus Sicht Moskaus rechtfertige. Deshalb könne Putin den Angriff auf die Ukraine nicht einfach beenden, ohne seine Machtbasis zu gefährden.
Sabotage, Tötungsdelikte und Desinformation
Selen verwies auf Russlands Bereitschaft zu Sabotage und Tötungsdelikten. Zum Spektrum gehörten auch Desinformation und Anschlagsversuche wie die Anfang August entdeckte, mit Sprengstoff präparierte Drohne neben ukrainischen Frachtmaschinen am Flughafen Halle/Leipzig.
Russische Einflussnahme richte sich inzwischen nicht mehr nur auf Bundestagswahlen, sondern auch auf Landtags- und Kommunalwahlen. Ziel sei es, Zwietracht und Unsicherheit zu säen.
Öffentliche Anhörung und geplante Reform
Jäger, Selen und die Präsidentin des Militärischen Abschirmdienstes, Martina Rosenberg, stehen dem Kontrollgremium normalerweise in geheimer Sitzung Rede und Antwort. Nur einmal im Jahr findet eine öffentliche Anhörung statt. In der laufenden Wahlperiode sind dort bislang Abgeordnete von Union, SPD und Grünen vertreten.
Der Bundestag muss noch über einen Gesetzentwurf der Bundesregierung beraten, der BND und Bundesamt für Verfassungsschutz zusätzliche operative Befugnisse geben soll. Dazu könnten in besonderen Fällen Maßnahmen gegen Cyberangriffe oder Rüstungsprojekte gehören. Rosenberg sagte, die Bundeswehr sei heute mit konkreten Gefahren von außen und innen konfrontiert.
Vom Krieg in der Ukraine zum Druck auf Europa
Die Warnungen der deutschen Nachrichtendienstchefs stehen im Zusammenhang mit Russlands Krieg gegen die Ukraine und der wachsenden Unterstützung europäischer Staaten für Kiew. Der BND beschreibt dabei nicht nur militärische Risiken, sondern ein breiteres Vorgehen, das Einschüchterung, Sabotage, Desinformation und Einflussnahme verbinden könne.
Für Deutschland liegt die Bedeutung darin, dass hybride Angriffe unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges stattfinden. Betroffen sein können kritische Infrastruktur, Rüstungsunternehmen, Behörden, politische Parteien und öffentliche Debatten. Der Hinweis auf Landtags- und Kommunalwahlen erweitert den Blick über Bundestagswahlen hinaus: Manipulationsversuche können auf regionale Konflikte und lokale Unsicherheiten zielen.
Abschreckung und Kontrolle
Die Aussage, ein großangelegter russischer Angriff auf Nato-Staaten sei derzeit nicht erkennbar, grenzt die aktuelle Lage zugleich von einem unmittelbar erwarteten Krieg ab. Das Risiko wird vielmehr in begrenzten militärischen Aktionen, verdeckten Operationen und Fehlkalkulationen gesehen, besonders an der Nato-Ostflanke.
Politisch verstärkt die Anhörung den Druck, Nachrichtendienste, Schutz kritischer Infrastruktur und Cyberabwehr leistungsfähiger zu machen. Eine Ausweitung operativer Befugnisse würde jedoch die parlamentarische Kontrolle besonders wichtig machen. Für Bürger bedeutet die Entwicklung vor allem, dass Sicherheitsbehörden stärker auf Desinformation und verdächtige Aktivitäten hinweisen dürften, während belastbare Informationen und transparente Zuständigkeiten entscheidend bleiben.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau: „BND-Chef warnt vor "gewaltsamem Konflikt mit Russland"“ (05.10.2026)
Der Bericht bestätige die Einschätzung eines russischen Schattenkriegs und hebe zusätzlich die Warnung vor einem realen Anschlagsrisiko in Deutschland hervor. Einen anderen Schwerpunkt setze er auf die von den Nachrichtendiensten geforderten erweiterten Befugnisse sowie auf mögliche Folgen für Desinformation und die politische Handlungsfähigkeit.
MDR: „Ukraine-News: BND-Chef sieht "Schattenkrieg" mit Russland“ (05.10.2026)
Der Livebericht bestätige die Aussagen Jägers und Selens und ordne sie in die laufende Berichterstattung über den Krieg gegen die Ukraine ein. Anders als der ausführliche Anhörungsbericht verbinde er die Warnungen mit aktuellen Entwicklungen in der Ukraine und betone die Gefahr eines gewaltsamen Konflikts, ohne einen unmittelbar bevorstehenden Nato-Großangriff zu beschreiben.
Beide Berichte stimmten darin überein, dass Russland aus Sicht der deutschen Dienste mit verdeckten und einschüchternden Mitteln gegen Deutschland und Europa vorgehe. Unterschiede ergäben sich vor allem beim Schwerpunkt: Der eine Bericht rücke Befugnisse und politische Einflussnahme in den Vordergrund, der andere die Einbettung in das Kriegsgeschehen und aktuelle Sicherheitsentwicklungen.
