Schlotterbeck-Schock für Wechselmeister Nagelsmann
22.06.2026 - 14:46:51 | dpa.deDie sengende Sonne stand am Familientag der deutschen WM-Fußballer noch nicht hoch am Himmel über Winston-Salem, da war das WM-Aus für Nico Schlotterbeck traurige Gewissheit. Julian Nagelsmann musste die bittere Nachricht vom Ausfall seines starken Aufbauspielers in der Abwehr hinnehmen - ein Turnierschock für den Fußball-Bundestrainer.
«Schlotti wird uns auf dem Platz als herausragender Verteidiger sehr fehlen, vor allem auch sein exzellenter Spielaufbau. Es hätte seine WM werden können», sagte Nagelsmann.
Fast zwei Tage waren schon vergangen nach dem folgenschweren Zweikampf beim 2:1 gegen die Elfenbeinküste in Toronto, bei dem das Band am linken Knöchel riss. Eine gravierende Verletzung, die zu einem Ausfall von mehreren Monaten für den 26 Jahre alten Innenverteidiger führt und somit sogar Auswirkungen auf die nächste Bundesliga-Saison bei Borussia Dortmund hat.
Schlotterbeck bleibt trotzdem beim WM-Team
Die letzten kleinen Resthoffnungen auf mögliche WM-Einsätze in späten K.o.-Spielen waren verflogen. «Wir haben gestern alle versucht, ihn aufzubauen - zum Glück ist er ein sehr positiver Typ, der schon wieder vorausblickt», sagte Nagelsmann. Aber: Schlotterbeck will nicht nach Dortmund abreisen, er wird im WM-Quartier The Graylyn Estate bleiben. «Es ist ein schönes Zeichen, dass er zunächst hier im Mannschaftskreis bleibt, denn er hat auch neben dem Platz Einfluss», sagte der Bundestrainer.
Nagelsmann muss vorausblicken - und zwar sehr schnell. Der WM-Ausfall Schlotterbecks ist nach der Muskelverletzung von Bayern-Youngster Lennart Karl schon der zweite in den USA. Nimmt man noch Serge Gnabry hinzu, der schon vor der Nominierung im Mai verletzt absagen musste, sind drei potenzielle Stammplatzpositionen im Team betroffen.
Eine gravierende Schwächung, zumal Nagelsmann im Gegensatz zum Karl-Malheur wegen der FIFA-Statuten jetzt keinen Spieler mehr nachnominieren kann. Für den jungen Münchner hatte er noch Assan Ouedraogo von RB Leipzig nach Amerika nachholen können. Die Frist für weitere neue Akteure lief für den DFB dann aber einen Tag vor dem 7:1 beim Auftaktspiel gegen Curaçao ab.
Nagelsmann hat noch vier Innenverteidiger
Der Bundestrainer beschwor dennoch die Stärke seines Teams. «Trotz seines Ausfalls sind wir in der Innenverteidigung mit Jonathan Tah, Antonio Rüdiger, Waldemar Anton und Malick Thiaw weiterhin sehr gut aufgestellt für die WM», sagte Nagelsmann. Das klang ein wenig nach dem Prinzip Hoffnung.
In den Blickpunkt rückt jetzt vor dem Vorrundenabschluss gegen Ecuador am Donnerstag (22.00 Uhr/ARD und MagentaTV) Ex-Abwehrchef Rüdiger, der Schlotterbeck schon gegen die Elfenbeinküste in der zweiten Hälfte vertrat.
Der 33-Jährige hat sein Reservistendasein klaglos angenommen und schlüpft nun wieder in eine WM-Hauptrolle. «Ich muss für alle Szenarien bereit sein. Ich war bereit», hatte Rüdiger nach dem Spiel gegen die Elfenbeinküste gesagt.
Sein Wunsch, dass Schlotterbeck nicht schlimm verletzt ist, erfüllte sich aber nicht. Zuletzt hatte er dem Dortmunder noch einen linken Fuß «aus Gold» bescheinigt. Ein Linksfuß fehlt Nagelsmann nun in der Innenverteidigung, in der weiter Tah das Kommando gibt.
Nächster harter Schlag für Schlotterbeck
Für Schlotterbeck, der seinen Vertrag bei Borussia Dortmund gerade bis 2031 verlängert hat, endet auch die zweite WM mit einer bitteren Enttäuschung. 2022 war er beim Vorrundenaus in Katar noch kein Stammspieler.
Rückschläge hatte er schon einige. 2025 musste er wegen eines Meniskusrisses im linken Knie fast das halbe Jahr pausieren. «Aber Nico hat im vergangenen Jahr gezeigt, wie er nach einer Verletzung noch stärker zurückkommt. Das wird er auch diesmal, davon sind wir überzeugt», sagte BVB-Chef Lars Ricken.
Bei allem Frust über das Aus für «Schlotti» rückt für den Gruppensieger Deutschland nun noch mehr der innere Zusammenhalt in den Mittelpunkt, der schon beim erzwungenen Sieg gegen die Elfenbeinküste prominent war. Der Teamgedanke ist gelebte Realität - und muss jetzt noch mehr greifen.
Zum Symbol wurde die Jubeltraube nach dem Siegtreffer von Super-Joker Deniz Undav gegen die Elfenbeinküste. «Wie da die ganze Mannschaft im Eck lag, das ist schon ein cooles Zeichen und das freut mich super für die Jungs und das kann schon Kräfte freisetzen, definitiv», sagte Nagelsmann.
Stammspieler, Einwechselspieler und Bankdrücker auf einem Menschenstapel der Freude. Da passte auch die Einschätzung von Kapitän Joshua Kimmich, der die geglückten Einwechslungen von Nagelsmann noch einmal hervorhob. «Wir wussten schon vor dem Turnier, dass unsere Bank sehr, sehr wichtig sein wird. Das war sie heute. Alle Einwechslungen waren überragend», sagte der Kapitän.
Breiter Kader als WM-Plus
Lange Reisen, heißes Klima. Experten sagen schon lange, dass ein ausgeglichener Kader zum WM-Plus wird. Undav, Nadiem Amiri, Jamie Leweling, Leon Goretzka und auch Rüdiger - alle Einwechsler hatten ihren Glanzmoment. Und das färbt auf das ganze Team ab, meint der Bundestrainer.
«Wenn du Spieler einwechselst, die dann ein Spiel entscheiden, dann gehen natürlich auch Spieler mit, die auf der Bank saßen. Die wollen dranbleiben, die denken, ich kann auch irgendwann den Moment haben», sagte Nagelsmann.
Nagelsmann lag bei Einwechslungen auch schon daneben
Dabei bewies der 38-Jährige die Größe, zuzugeben, dass er in seiner Karriere schon mehrfach falsch gewechselt hatte; so beim 3:3 gegen Italien im Viertelfinale der Nations League 2025 oder beim folgenden 1:2 im Halbfinale gegen Portugal, als jeweils drei Veränderungen den Spielrhythmus brachen. «Manchmal geht es gut. Es gab aber auch schon Spiele bei mir, da ging es nicht gut», sagte er. So sei es im «real life», im richtigen Leben.
Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» beschrieb den Effekt der Wechsel im doppelten Wortsinn als «Powerbank». Energieabsicherung per Nachladung. «Es ist wichtig, dass jeder in jedem Moment bereit ist. Das ist ein wichtiges Zeichen an die Mannschaft, dass wir immer nachlegen können», sagte Undav. Das ist jetzt nach dem Schlotterbeck-Aus noch bedeutsamer.
