Produktion/Absatz, Zusammenfassung

Digitale SouverĂ€nitĂ€t fĂŒr Deutschland vorerst unerreichbar

12.08.2025 - 06:00:03

Seine AbhĂ€ngigkeit von Cloud-Lösungen, KI-Modellen und anderen Tech-Produkten aus dem Ausland wird Deutschland nach EinschĂ€tzung des Bundesamtes fĂŒr Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) so bald nicht ĂŒberwinden.

Da der Staat seine digitalen Systeme und Daten bis auf weiteres nicht ohne Input aus dem außereuropĂ€ischen Ausland nutzen könne, gehe es kurzfristig darum, möglichst viele Kontrollmechanismen einzubauen, erklĂ€rt BSI-PrĂ€sidentin Claudia Plattner. "Wenn es um die digitale SouverĂ€nitĂ€t geht, also die Nutzung europĂ€ischer oder deutscher Hersteller und Dienstleister - auch fĂŒr Satelliten oder KI-Anwendungen - dann muss man sich auch mal ehrlich machen", sagt Plattner der Deutschen Presse-Agentur.

US-Tech-Firmen haben zehn Jahre Vorsprung

Fortschritte seien hier zwar sichtbar. Dennoch sei klar, "dass manche der großen Firmen, vor allem aus den USA, jetzt schon zehn Jahre Vorsprung haben, was entsprechende Investitionen angeht".

Das bedeute fĂŒr Behörden und Unternehmen in Deutschland: "Wir haben technologische AbhĂ€ngigkeiten an ganz vielen Stellen." Es sei unrealistisch zu glauben, "dass wir das kurzfristig alles selbst können werden", sagt Plattner, die seit gut zwei Jahren an der Spitze des Bundesamtes steht.

Das BSI ist die zentrale staatliche Stelle in Deutschland fĂŒr Fragen der IT-Sicherheit. Es gehört zum GeschĂ€ftsbereich des Bundesinnenministeriums. Das Bundesamt mit Hauptsitz in Bonn unterstĂŒtzt Behörden des Bundes bei der Absicherung ihrer IT-Systeme, warnt vor Risiken und entwickelt Sicherheitsstandards, die auch fĂŒr Unternehmen relevant sind. FĂŒr Unternehmen der sogenannten kritischen Infrastrukturen - dazu zĂ€hlen etwa Energie, Gesundheit, Telekommunikation und Transport - sind bestimmte BSI-Vorgaben sogar gesetzlich vorgeschrieben.

Kontrolle ist wichtig

Auf Behördenseite braucht es nach EinschĂ€tzung der BSI-Chefin eine Strategie, nach der entschieden wird, welche Technologien von außen eingekauft werden "und wie wir eine gewisse Kontrolle darĂŒber gewinnen". Ein solches Konstrukt sei auch die im ersten Quartal dieses Jahres geschlossene Kooperation des BSI mit Google.

Google Cloud und das BSI hatten im Februar eine Vereinbarung unterzeichnet. Ziel sei es, die Entwicklung und Bereitstellung sicherer Cloud-Lösungen fĂŒr Behörden auf Bundes-, Landes - und Kommunalebene zu unterstĂŒtzen. "Ein besonderer Schwerpunkt der Vereinbarung liegt auf der GewĂ€hrung der DatensouverĂ€nitĂ€t", hieß es damals in einer Mitteilung.

Erpressungspotenzial fĂŒr die USA?

Harsche Kritik an der Vereinbarung kam im MĂ€rz von der Gesellschaft fĂŒr Informatik. Sie erklĂ€rte, es sei "unverantwortlich, dass die US-Regierung zusĂ€tzliches Erpressungspotenzial - noch dazu von einer fĂŒr IT-Sicherheit verantwortlichen deutschen Behörde - frei Haus erhĂ€lt". Google sei aufgrund der Rechtslage in den USA gar nicht in der Lage, einen souverĂ€nen Dienst anzubieten. Der "Cloud Act" regelt den Zugriff von US-Behörden auf Daten, die bei US-Unternehmen gespeichert sind - auch dann, wenn diese Daten sich außerhalb der USA befinden, etwa auf Servern in Europa.

Updates ja, unkontrollierte Steuerbefehle nein

Jede Applikation, jedes Smartphone und jedes Betriebssystem sende eine Menge von Daten, etwa Diagnosedaten, sagt Plattner. Bei der Kooperation mit Google wolle man daher sicherstellen "dass es keinen unkontrollierten Datenabfluss gibt".

Gleichzeitig gehe es darum, zu kontrollieren, was an Steuerbefehlen hineinkommt. "Denn theoretisch wĂ€re es ja sonst möglich, alle Clouds, alle Solarpanels oder alle Elektrofahrzeuge eines Herstellers auf einen Schlag abzustellen." Da es aber sehr wohl ZugĂ€nge fĂŒr Updates geben mĂŒsse, sei die Kontrollfrage nicht trivial. Das BSI kĂŒmmere sich daher intensiv um dieses Thema.

Problematische Gesetze auch in China

Der US-Cloud-Act sei eines von diversen Gesetzen in den USA, die dem Staat viele Zugriffsmöglichkeiten zubilligten, rĂ€umt Plattner ein. So etwas finde man auch in China. Die Antwort auf die Frage der Kontrolle sollte aus Sicht der BSI-Chefin aber nicht politisch sein, sondern technologisch. "Es geht darum, sicherzustellen, dass ein Zugriff technisch nicht möglich ist", betont sie. Dabei gehe es insbesondere um VerschlĂŒsselung und die Frage, ob der Nutzer die Hoheit ĂŒber diese SchlĂŒssel habe.

Separate Cloud von deutschem Anbieter

Der deutsche Cloudanbieter Ionos hat im FrĂŒhjahr einen Auftrag von der Bundesverwaltung fĂŒr den Aufbau einer besonders strikt abgesicherten Computer-Cloud-Lösung erhalten. Die "private Enterprise-Cloud", die vom BSI zertifiziert wurde, soll laut Unternehmen in den Rechenzentren des Informationstechnikzentrums Bund betrieben werden. Das Besondere an der Lösung der United-Internet-Tochter ist, dass diese Plattform nicht mit dem öffentlichen Internet verbunden ist.

Wer ist verantwortlich fĂŒr KI-Sicherheit?

FĂŒr ChatGPT, Gemini und andere KI-Modelle gelten seit dem 2. August EU-weit Regeln, die KĂŒnstliche Intelligenz transparenter und sicherer machen sollen. Doch wer trĂ€gt in Deutschland die Verantwortung dafĂŒr, dass von KI-Modellen keine Risiken ausgehen - etwa weil von ihnen unbeabsichtigt Schaden verursacht wird oder sie durch Hacker manipuliert werden können?

Welche Rolle hier jeweils die Bundesnetzagentur und das BSI spielen wird, ist bislang nicht abschließend geklĂ€rt. Plattner ist ĂŒberzeugt: "Wir als BSI sind die Behörde, die fĂŒr Cybersicherheit die Verantwortung trĂ€gt - und damit mĂŒssen wir auch in puncto KĂŒnstliche Intelligenz entsprechende Verantwortung tragen." Die Regelungen, die es fĂŒr die Verteilung dieser Aufgaben braucht, werden von der Bundesregierung aktuell ausgearbeitet.

BSI-Chefin hĂ€lt schnelle Entscheidung fĂŒr notwendig

Der Zeitfaktor sei hier angesichts des Tempos, mit dem sich KI aktuell entwickelt, enorm wichtig, mahnt die BSI-Chefin. Zentrale Fragen seien etwa: Wie verhindere ich Prompt Injections? Darunter versteht man das gezielte Einschleusen manipulierter Eingaben in KI-Systeme, um ihr Verhalten zu steuern. "Und wie kann ich verhindern, dass eine KI fĂŒr schlimme Zwecke eingesetzt wird?"

Die Leiterin des Bundesamtes legt dabei großen Wert darauf, dass Regeln fĂŒr sichere KI-Nutzung nicht blockieren sollen, sondern "Innovationen begleiten". Firmen könne sie derweil nur dringend raten, keine sicherheitsrelevanten Daten hineinzugeben und "sich einen vernĂŒnftigen Firmenaccount zuzulegen", mit der Möglichkeit, die PrivatsphĂ€re-Funktionen so einzustellen, dass die "Schatten-KI" nicht zu weit eingreife.

@ dpa.de | US02079K3059 PRODUKTION/ABSATZ