Gezerre um den Wahltermin: Drei Optionen im Februar und MĂ€rz
11.11.2024 - 19:29:39Mitte Januar, Ende MĂ€rz oder vielleicht doch irgendwann im Februar? Seit Tagen wird darĂŒber diskutiert, wann die vorgezogene Bundestagswahl nach dem Platzen der Ampel-Koalition stattfinden soll. Bundeskanzler Olaf Scholz und seine SPD hatten ursprĂŒnglich den 30. MĂ€rz angepeilt, die Union forderte daraufhin den 19. Januar. Jetzt nĂ€hern sich beide Seiten an.Â
Der Kanzlerkandidat der CDU/CSU, Friedrich Merz, bezeichnete am Montag in der Sitzung des Fraktionsvorstands den 16. oder 23. Februar als gut zu erreichen. Die SPD ist inzwischen beim 9. MĂ€rz gelandet. Zwischen diesen drei Terminen scheint es sich nun zu entscheiden.Â
Am Dienstag tagen die Bundestagsfraktionen, am Mittwoch gibt Scholz (SPD) eine RegierungserklÀrung zur aktuellen innenpolitischen Lage ab, auf die CDU-Chef Merz und CSU-Chef Markus Söder antworten. Bis dann sollte es eigentlich Klarheit geben.
Was will Scholz?
Sein ursprĂŒnglicher Plan war: Vertrauensfrage im Bundestag am 15. Januar und Neuwahl Ende MĂ€rz. Der 30. MĂ€rz wĂ€re da der gĂŒnstigste Termin, weil dann in keinem Bundesland Ferien sind - ein wichtiges Kriterium bei der Festlegung von Wahlterminen. Scholz will gleichzeitig eine Vereinbarung mit der Union treffen, welche Projekte man bis zum Wahltermin noch im Bundestag beschlieĂen kann.
Was will die Union?
Der Union ist das zu spÀt. Sie hat Scholz zunÀchst aufgefordert, die Vertrauensfrage schon in dieser Woche zu stellen und dann am 19. Januar zu wÀhlen. Das ist neben dem 30. MÀrz der einzige Sonntag im ersten Quartal 2025, an dem es keine Ferien gibt. Inzwischen ist Merz aber offensichtlich zu dem Schluss gekommen, dass die organisatorischen Vorbereitungen bis dann nicht zu bewÀltigen sind. Deswegen schlÀgt er jetzt die beiden Termine im Februar vor.
Worum geht es bei den organisatorischen HĂŒrden?
Es mĂŒssen WahlausschĂŒsse auf Kreis- und Landesebene berufen, Wahlhelferinnen und Wahlhelfer geworben und geschult, WahlrĂ€ume gefunden und ausgestattet werden. An ĂŒber 60 Millionen WĂ€hlerinnen und WĂ€hler werden Wahlbenachrichtigungen verschickt. Hinzu kommen der Versand der Briefwahlunterlagen und die Einrichtung von Briefwahlbezirken - 25.000 waren es 2021.Â
Die Bundeswahlleiterin warnte schon Ende vergangener Woche in einem Brief davor, dass bei einem zu frĂŒhen Termin die ordnungsgemĂ€Ăe Vorbereitung der Wahl kaum möglich ist. «Um Herausforderungen bei der Wahlorganisation, die sich aus den Fristen bei einer Neuwahl ergeben, bestmöglich zu begegnen, sollte dabei der Zeitraum von 60 Tagen zwischen der Auflösung des Bundestages bis zur Neuwahl ausgeschöpft werden», bekrĂ€ftigte sie heute in einer Mitteilung. Der Bundestag muss innerhalb von 21 Tagen nach einer verlorenen Vertrauensfrage aufgelöst werden.Â
Einen genauen Termin, wann die Wahl aus ihrer Sicht frĂŒhestens stattfinden kann, nannte Brand aber nicht. Trotzdem spielt die Argumentation eher der SPD in die HĂ€nde.
Wen hat die Union auf ihrer Seite?
Die WĂ€hler wĂŒnschten sich wie die Union einen möglichst frĂŒhen Termin. Nach dem aktuellen ARD-Deutschlandtrend wollen 65 Prozent der Deutschen eine Neuwahl «zum frĂŒhesten Zeitpunkt». Nur 33 Prozent sind fĂŒr einen Termin im MĂ€rz.
Was ist der aktuelle Diskussionsstand?
Scholz hat inzwischen eingelenkt. Am Sonntagabend hat er im ARD-Interview mit Caren Miosga erklĂ€rt, dass er die Vertrauensfrage auch schon vor Weihnachten stellen wĂŒrde, wenn sich die Fraktionen darauf einigen. AnschlieĂend gibt es die bereits genannten Fristen von zusammen 81 Tagen, in denen der Wahltermin liegen muss. WĂŒrde Scholz die Vertrauensfrage am 20. Dezember, dem Freitag vor Weihnachten, stellen, wĂ€re der spĂ€teste Wahltermin der 9. MĂ€rz.
Warum wĂŒrde dieser Termin der SPD gut passen?
Am 2. MĂ€rz wird in Hamburg gewĂ€hlt, der Heimatstadt von Scholz. Die SPD geht davon aus, dass sie dort mit ihrem Ersten BĂŒrgermeister Peter Tschentscher wieder stĂ€rkste Kraft wird und könnte den Schwung mit in die Bundestagswahl nehmen. Die SPD argumentiert zwar mit organisatorischen GrĂŒnden fĂŒr einen spĂ€teren Wahltermin. FĂŒr sie ist es aber auch strategisch gĂŒnstig, möglichst viel Zeit fĂŒr den Wahlkampf zu haben. Denn sie liegt in den Umfragen zwischen 15 und 18 Prozentpunkte hinter der Union. Die Sozialdemokraten setzen darauf, dass Merz im Wahlkampf Fehler macht wie 2021 der CDU/CSU-Kanzlerkandidat Armin Laschet, und die SPD wie damals einen aussichtslos scheinenden RĂŒckstand aufholen kann. Und je lĂ€nger der Wahlkampf ist, desto mehr Zeit gibt es, solche Fehler zu machen.
Warum will die Union, dass es schnell geht?
Besser als in den aktuellen Umfragen kann es fĂŒr die Union kaum werden. Sie liegt nicht nur mit groĂem Abstand vor SPD und GrĂŒnen, sondern auch vor der AfD. Je nĂ€her der Wahltermin liegt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Vorsprung schrumpft. Mit einem Termin im Februar wĂŒrde die Union zudem den Schwung ausbremsen, den sich die SPD von Hamburg erhofft.
Wie geht es jetzt weiter?
SPD-Fraktionschef Rolf MĂŒtzenich will in vertraulichen GesprĂ€chen mit Merz zu einer VerstĂ€ndigung kommen. Die Fraktionen von SPD und GrĂŒnen haben zudem fĂŒr Dienstag eine öffentliche Sondersitzung des WahlprĂŒfungsausschusses des Bundestags beantragt. Es sei dort «mit der Bundeswahlleiterin zu diskutieren, wann die Neuwahl aus ihrer Sicht mit ihrer praktischen Erfahrung frĂŒhestens stattfinden kann», heiĂt es in einem Antragsschreiben an BundestagsprĂ€sidentin BĂ€rbel Bas (SPD), das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Am Dienstag kommen auch die Bundestagsfraktionen zu Beratungen zusammen. Am Mittwoch folgt dann die RegierungserklĂ€rung, bis zu der es eigentlich eine Einigung geben mĂŒsste. Klar ist das aber nicht.Â
Gibt es historische Vorbilder, an denen man sich orientieren kann?
Ja. Zum Beispiel die Vertrauensfrage, mit der Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) 2005 eine Neuwahl herbeigefĂŒhrt hat. Zwischen seiner Entscheidung fĂŒr das Vorziehen und dem Wahltermin lagen 119 Tage. Sollte die Union sich diesmal mit dem 23. Februar durchsetzen, wĂ€ren seit dem Ampel-Aus am 6. November 109 Tage vergangenen. Bei einer Wahl am 9. MĂ€rz - wie von der SPD gewĂŒnscht - wĂ€ren es 124 Tage. Beide Termine liegen also nicht weit von der Zeitspanne entfernt, die damals fĂŒr eine ordnungsgemĂ€Ăe Organisation der Wahl gereicht hat.


