Unionsfraktionsvize BÀr: Deutschland ist «Bordell Europas»
12.09.2023 - 01:20:01 | dpa.de
Seit Prostitution vor mehr als 20 Jahren hierzulande seinen alten Makel der «Sittenwidrigkeit» verlor, hat sich Deutschland zum «Puff Europas» entwickelt, klagen Kritiker immer wieder.
Nun spricht sich öffentlichkeitswirksam via «Bild»-Zeitung auch Unionsfraktionsvize Dorothee BĂ€r dafĂŒr aus, den Kauf von Sex in Deutschland zu verbieten, um betroffene Frauen besser zu schĂŒtzen. Eine Attacke auf die Ampel-Bundesregierung, die das Thema trotz Devise «Mehr Fortschritt wagen» bislang nicht auf ihrem Zettel hat.
«Die Situation von Prostituierten in Deutschland ist dramatisch. Wir brauchen dringend einen Paradigmen-Wechsel: ein Sexkauf-Verbot in Deutschland», sagte die CSU-Politikerin der «Bild».
Nach ihrer SchĂ€tzung gibt es bundesweit aktuell rund 250.000 Prostituierte. Die meisten kĂ€men aus dem Ausland, nur ein Bruchteil sei behördlich angemeldet. «Deutschland hat sich zum Bordell Europas entwickelt. Deutschland ist mittlerweile auch weltweit als Land fĂŒr Sex-Tourismus sehr attraktiv», sagte BĂ€r.
Vorbild Schweden
Sie spricht sich fĂŒr die EinfĂŒhrung des «Nordischen Modells» aus - wie in Schweden. Dabei werden KĂ€ufer von Sexdiensten bestraft und nicht die Prostituierten. «Das Beispiel Schweden zeigt: Mit einem Sexkauf-Verbot geht die Zahl der Prostituierten drastisch zurĂŒck.»
Seit einigen Jahren schlossen sich nach Schweden, Island und Norwegen immer mehr europÀische LÀnder dem sogenannten Nordischen Modell an, auch Frankreich.
Praxis in Deutschland
Die einst als fortschrittlich betrachtete liberale Praxis in Deutschland wird dagegen immer öfter angegriffen, die prekĂ€ren ZustĂ€nde zu ĂŒbersehen, die mit Prostitution einhergehen können.
Seit EinfĂŒhrung des Prostitutionsgesetzes 2002 ist Prostitution in Deutschland nicht mehr sittenwidrig, sondern ein normales Gewerbe. Die damalige rot-grĂŒne Koalition wollte mit dem Gesetz die rechtliche und soziale Lage der Prostituierten verbessern - allerdings ist aus Expertensicht zum Teil der gegenteilige Effekt eingetreten.
2017 trat zudem das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft. Es macht vor allem gewerberechtliche Vorgaben: Bordelle benötigen seitdem eine Betriebserlaubnis, Prostituierte sind verpflichtet, ihre TĂ€tigkeit anzumelden und regelmĂ€Ăig zur Gesundheitsberatung zu gehen. Vorgeschrieben sind zum Beispiel auch getrennte sanitĂ€re Anlagen fĂŒr Prostituierte und Freier, separate Wohnbereiche fĂŒr Prostituierte und ein Notrufsystem dort, wo Prostituierte arbeiten.
Viel Kritik
Laut einer kĂŒrzlich vorgestellten Studie ist mit den Gesetzen die Stellung der Bordellbetreiber, der Sexindustrie und der Freier gestĂ€rkt worden. Nach Angabe der Autoren vom Juni ist es die erste umfassende rechtliche, rechtsethische und verfassungsrechtliche ĂberprĂŒfung der bestehenden Prostitutionsgesetze.
Bei der deutschen Gesetzgebung sei vor allem die MenschenwĂŒrde nicht ausreichend beachtet worden, sagte Verfassungsrechtler Ulrich Rommelfanger vor elf Wochen. Er und seine Co-Autoren fordern ebenfalls das «Nordische Modell» und eben eine Totalrevision, also eine grundlegende neue Gesetzeslage.
Genaue Zahlen zur Sexarbeit-Branche gibt es nicht. Jeden Tag nehmen aber wohl mehr als eine Million MÀnner sexuelle Dienstleistungen von Frauen in Anspruch. Gleichgeschlechtliche Prostitution steht weniger im Fokus. Der inzwischen oft gelÀufige Begriff der Sexarbeit wird von Frauenrechtlerinnen als neoliberaler Terminus kritisiert, der kapitalistische Selbstausbeutung bis ins Schlafzimmer propagiere.
So schÀtzen die Börsenprofis Aktien ein!
FĂŒr. Immer. Kostenlos.

