Produktion/Absatz, Zusammenfassung

Wie Unternehmen Nachwuchs stÀrken

01.09.2025 - 06:00:01

Stress, persönliche Herausforderungen oder auch Konflikte im Team, mit Ausbilderinnen und Ausbildern: Auf NachwuchskrÀfte in Firmen kann neben neuem Lernstoff einiges einprasseln.

Unternehmen gehen zunehmend darauf ein und stellen ihnen sozialpÀdagogische Betreuung zur Seite.

Der GesprĂ€chsbedarf sei ganz unterschiedlich, berichtet Psychologin Lorina UmstĂ€tter, die seit diesem Jahr mit SozialpĂ€dagogin Lisa Wagner beim Karlsruher Energiekonzern EnBW DE0005220008 und seiner Tochter Netze BW Auszubildende und dual Studierende unterstĂŒtzt. "Bei einigen haben wir mehrere Sitzungen." Anderen helfen sie mit Kontaktdaten fĂŒr Hilfsangebote und Anlaufstellen weiter.

"Manchmal geht es auch erst mal nur um den Austausch mit einer neutralen Person", sagt Wagner. Die GesprÀche mit den beiden Frauen seien immer vertraulich. "Wir sprechen nur mit anderen, wenn die Betroffenen das wollen."

"Junge Leute kommen in eine anspruchsvollere Welt als frĂŒher"

Der Bedarf an solchen Angeboten sei in den vergangenen Jahren in gleichem Maße wie die Belastungen gestiegen, sagt Martin Klein, 1. Vorsitzender des Bundesfachverbands Betriebliche Soziale Arbeit. Gerade seit auch offener ĂŒber Ängste, Nöte und Sorgen gesprochen werde. Die Corona-Pandemie habe zudem das Problem fehlender sozialer UnterstĂŒtzung deutlich gemacht.

Viele Firmen böten solche Hilfen an, machten es aber nicht unbedingt publik. Sie leisteten sich das freiwillig, weil sie selbst davon profitieren: "Wenn Sie kein Netzwerk haben, sind Sie nicht in der Lage, Leistung zu bringen", sagt Klein.

"Junge Leute kommen in eine anspruchsvollere Welt als frĂŒher", betont der Experte. Die Generation bekomme mit, dass es ĂŒberall Krisen gebe und immer wieder eine neue hinzukomme. Zudem spiele sich mehr in der digitalen Welt ab. "In Betrieben fĂ€llt dann auf einmal auf, dass es da Probleme gibt", schildert Klein. Wenn zum Beispiel ein Mitarbeiter eine Viertelstunde auf dem Klo zocke, bis ihn die Kollegen suchen. "Dann merkt man erst, dass er spielsĂŒchtig ist."

Konflikte mit dem Arbeitgeber oder Vorgesetzten könne es auch beim Umgang mit Hilfsinstrumenten wie KĂŒnstlicher Intelligenz geben, wenn etwa wie selbstverstĂ€ndlich vertrauliche Daten in die Programme gespeist werden. Das seien FĂ€lle, "wo der Meister den Azubi nicht mehr versteht".

Augenmerk nicht nur auf Fachexpertise, sondern den Menschen

Das breite Themenspektrum liegt an einem generellen Wandel, wie bei der EnBW Ausbildungsleiter Karsten Wagner sagt. Heute starte der 16-JĂ€hrige, der noch bei den Eltern wohnt, gemeinsam mit der 30-jĂ€hrigen Alleinerziehenden ins Berufsleben. "FrĂŒher war die Range kleiner." Heutzutage gehe es hier um Kinderbetreuung, da um Fahrgemeinschaften. Andere arbeiteten im Homeoffice und hĂ€tten beispielsweise kein eigenes Arbeitszimmer als RĂŒckzugsort.

Themen, die nicht unbedingt ins Portfolio von Ausbilderinnen und Ausbildern gehören. "Da kommen wir an unsere Grenzen", sagt er. Daher habe sich der Konzern 2019 auf den Weg gemacht, die Ausbildung stÀrker zu individualisieren, persönliche Belange der derzeit rund 1.100 NachwuchskrÀfte noch mehr in den Fokus zu nehmen.

"Es geht um Anerkennung, WertschÀtzung, Vertrauen und Zutrauen", beschreibt er. Ein Jugendlicher arbeite in der Ausbildung plötzlich an der Werkbank, nachdem er zu Hause vielleicht nie die Bohrmaschine in die Hand nehmen durfte. Nur: "Der Umgang mit Menschen wird dir nicht beigebracht."

Daher hĂ€tten viele der Ausbilderinnen und Ausbilder eine Coaching-Fortbildung gemacht. Mit Lorina UmstĂ€tter und Lisa Wagner hĂ€tten sie nun professionelle UnterstĂŒtzung an ihrer Seite. Die beiden sind durch alle Standorte getingelt, um sich vorzustellen. "Wir sind positiv ĂŒberrascht, wie gut das angenommen wird", sagt SozialpĂ€dagogin Wagner. Viele Azubis und Studis gingen damit auch sehr offen um, wiederum empfehlen Ausbilderinnen und Ausbilder das Angebot.

Große Nachfrage nach Förderprogramm

Ähnliche Angebote gibt es nicht nur direkt bei Unternehmen. So bietet die Bundesagentur fĂŒr Arbeit (BA) das Förderprogramm "Assistierte Ausbildung". Ausbildungsbegleiter und -begleiterinnen helfen, eine Ausbildung zu finden oder abzuschließen. Zum Beispiel könne es darum gehen, in der Berufsschule am Ball zu bleiben, einen privaten Streit zu klĂ€ren oder ein Problem im Betrieb zu lösen - bei Bedarf inklusive sozialpĂ€dagogischer Begleitung.

Das fĂŒr Auszubildende und deren Betriebe kostenlose Angebot ist nachgefragt: 2024 betrug die Zahl der Eintritte 48.100, nachdem sie in den beiden Vorjahren bei gut 31.000 lag. Dass es wirkt, zeigt laut einer Sprecherin eine Auswertung der Hochschule der BA: "So berichten die Teilnehmenden von sozialer und fachlicher Weiterentwicklung wĂ€hrend der Ausbildung sowie von einer Verbesserung ihrer berufsschulischen Leistungen um durchschnittlich 1,8 Schulnoten." Ein Ă€hnliches Projekt bietet die Handwerkskammer Halle (Saale).

Die neue Herangehensweise, Ausbildung flexibler zu gestalten, sei ein Kraftakt gewesen, rĂ€umt Ausbildungsleiter Wagner bei der EnBW ein. Auch die Verantwortlichen hĂ€tten sich deutlich umstellen mĂŒssen. Aber das habe sich gelohnt: "Wir merken jetzt, dass die ZahnrĂ€der ineinandergreifen."

@ dpa.de | DE0005220008 PRODUKTION/ABSATZ