ĂberfĂŒllte Notaufnahmen: Notfall-Reform von Lauterbach
16.01.2024 - 16:49:31 | dpa.de
Patientinnen und Patienten mit akuten Beschwerden sollen kĂŒnftig weit seltener in der Notaufnahme eines Krankenhauses behandelt werden. Ziel einer groĂangelegten Notfallreform von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) soll es sein, dass Hilfesuchende bereits am Telefon oder vor Ort im Krankenhaus verstĂ€rkt in eine nahe Praxis geschickt werden.
Viel stĂ€rker als bisher sollen Versicherte auch direkt telemedizinisch betreut werden. Insgesamt sei eine «groĂe Reform» geplant mit «einem unfassbar groĂen Potenzial, um Geld zu sparen und gleichzeitig die Versorgung zu verbessern», sagte Lauterbach in Berlin. Die Reaktionen auf die VorschlĂ€ge fielen gemischt aus.
Heute sind die Notfallambulanzen hĂ€ufig ĂŒberfĂŒllt - Ărzteorganisationen beklagen seit Jahren, dass vor allem am Wochenende dort auch viele Menschen mit leichteren Beschwerden vorstellig wĂŒrden. Lauterbach erlĂ€uterte, 25 bis 30 Prozent der FĂ€lle aus Notfallambulanzen könnten auch in Arztpraxen behandelt werden.
Neue Zentren mit angeschlossenen Praxen
Die Notaufnahmen sollen kĂŒnftig in neue Integrierte Notfallzentren aufgehen. Pro 400.000 Einwohnerinnen und Einwohner solle es ein Zentrum geben, kĂŒndigte Lauterbach an. Zu diesen Zentren soll auch je eine ambulante Notdienstpraxis in unmittelbarer NĂ€he gehören. Die EinschĂ€tzung, wo die Patientinnen und Patienten versorgt werden sollen, soll an einem sogenannten gemeinsamen Tresen stattfinden.
In Kern ziele die Reform darauf ab, dass die Patientinnen und Patienten dort behandelt werden, wo es am besten und schnellsten gehe, so Lauterbach. «Das muss nicht immer das Krankenhaus sein», sagte der Politiker. «In vielen FĂ€llen ist die notdienstliche Akutversorgung sehr viel sinnvoller.» HĂ€ufig genĂŒge auch der Besuch der Hausarztpraxis am nĂ€chsten Tag.
Verbindung von 116 117 und 112
Die unter der Rufnummer 116 117 erreichbaren Terminservicestellen der KassenĂ€rztlichen Vereinigungen sollen ausgebaut werden. Sie sollen mit den unter 112 erreichbaren Rettungsleitstellen vernetzt werden. So soll es kĂŒnftig egal sein, welche der beiden Nummern man wĂ€hlt.
WĂ€hlt ein Notfall-Patient die 116 117, soll er beispielsweise auch auf diese Weise einen Krankenwagen geschickt bekommen können. Andersherum soll auch ein Anruf bei der 112 in den Besuch einer Arztpraxis mĂŒnden können, wenn es sich um einen leichteren Fall handelt.
Leichte FĂ€lle ohne Arztbesuche
Auch Telemedizin soll ausgebaut werden, wie Lauterbach erlĂ€uterte. Wenn die Ărztin oder der Arzt telefonisch oder per Video einen Praxis- oder Klinikbesuch als nicht nötig erachten, dann soll so auch ein elektronisches Rezept oder eine elektronische Krankschreibung ausgestellt werden können. Der Behandlungsfall könne dann abgeschlossen werden, ohne dass Betroffene auĂer Haus gehen mĂŒssten, so Lauterbach.
Reformgesetz soll 2025 gelten
Auch die neuen Notfallzentren sollen sich mit den Terminservicestellen vernetzen. So soll es nach Angaben Lauterbachs möglich werden, dass man dort direkt Termine fĂŒr eine Weiterbehandlung angeboten bekommt. Die Reform solle in der ersten JahreshĂ€lfte im Bundeskabinett auf den Weg gebracht werden und ab Anfang 2025 gelten.
Ărzte fordern zusĂ€tzliches Personal
Die KassenĂ€rztliche Bundesvereinigung (KBV) lobte «positive AnsĂ€tze» - aber Lauterbach verfolge auch unrealistische Ideen. Besonders stören sich Deutschlands KassenĂ€rzte an dem Vorhaben, dass sie - wie von Lauterbach geplant - rund um die Uhr das Angebot von Hausbesuchen organisieren sollen. Die KassenĂ€rztliche Vereinigung (KV) Berlin, in deren RĂ€umen Lauterbach seine VorschlĂ€ge vorstellte, bewertete die PlĂ€ne positiv. «FĂŒr mehr Leistungen sind mehr Ressourcen erforderlich», mahnte der KV-Vorsitzende Burkhard Ruppert allerdings. ZusĂ€tzliches Personal und ausreichende Finanzierung seien nötig.
Der wĂ€hrend der Corona-Pandemie bekanntgewordene Intensivmediziner Christian Karagiannidis forderte Tempo bei der geplanten Reform. «Schaut man sich an, wer in die Notaufnahmen in Deutschland kommt, dann zeigt sich, dass dort extrem viele 80- bis 90-JĂ€hrige hinkommen», sagte Karagiannidis der «Ărzte Zeitung» (Dienstag, online). HĂ€ufig stehe bei ihnen mehr ein Versorgungsproblem im Vordergrund als eine schwere Erkrankung.
Kassen: 730 Notfallzentren nötig
Ăberwiegend positiv reagierten die Krankenkassen auf die VorschlĂ€ge. Stefanie Stoff-Ahnis, VorstĂ€ndin des GKV-Spitzenverbandes, sagte: «Entscheidend ist eine bessere Verteilung in lĂ€ndlichen Gebieten, damit fĂŒr alle Menschen ein Integriertes Notfallzentrum in erreichbarer NĂ€he liegt», so die Kassenverbands-VorstĂ€ndin.
«Gleichzeitig ist der Ăberversorgung in BallungsrĂ€umen zu begegnen.» Einer Modellrechnung zufolge seien deutschlandweit kĂŒnftig rund 730 integrierte Notfallzentren nötig. Laut offizieller Statistik behandelten 2022 mehr als 960 Kliniken fast 11 Millionen NotfĂ€lle ambulant auf Kassenkosten.
Lob und Kritik
Die AOK-Chefin Carola Reimann forderte, dass die Notfallzentren von niedergelassenen und KlinikĂ€rzten generell gemeinsam betrieben werden mĂŒssten, um «VerteilungskĂ€mpfe» zu verhindern. Der GrĂŒnen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagte, heute gebe es «eine toxische Gleichzeitigkeit von Ăber-, Unter- und Fehlversorgung».
Durch die PlĂ€ne könnten auch NotfĂ€lle, «die die Strukturen eines Krankenhauses, nicht aber einen Aufenthalt in einem solchen brauchen, zukĂŒnftig besser versorgt werden». Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, kritisierte, Lauterbach setze auf funktionierende Patienten.
«Denn die Erkrankten mĂŒssen am Telefon die richtigen Angaben machen können, um eine bedarfsgerechte Behandlung zu erhalten.» Die Vorsitzende des Sozialverband Deutschland, Michaela Engelmeier, lobte hingegen die geplant «bessere Vernetzung» der beteiligten Bereiche der Notfallversorgung.
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