Faeser verspricht: keine langen Staus durch Grenzkontrollen
15.09.2024 - 04:00:41Vor dem Start der erweiterten Grenzkontrollen am Montag verteidigt die Bundesregierung die MaĂnahme und verspricht Autofahrern, dass es nicht zu groĂen Staus kommen soll. Mit den Kontrollen wolle man «die irregulĂ€re Migration weiter zurĂŒckdrĂ€ngen, Schleuser stoppen, Kriminellen das Handwerk legen, Islamisten erkennen und aufhalten», sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) der «Bild am Sonntag».
Kritisch zu den deutschen PlĂ€nen Ă€uĂerte sich der frĂŒhere EU-KommissionsprĂ€sident Jean-Claude Juncker. Unionsfraktionschef Friedrich Merz (CDU) forderte zum Jahresende eine Bilanz, ob durch die Kontrollen die Zahl der illegalen Einreisen merklich zurĂŒckgeht.
Nachdem sich etwa Polen sehr kritisch zum deutschen Vorgehen geĂ€uĂert hatte, versicherte Faeser nun: «Dabei machen wir keine nationalen AlleingĂ€nge, die Europa kaputt machen, sondern handeln eng abgestimmt mit unseren Nachbarn.» Lange Warteschlangen an den Grenzen werde es durch stichprobenartige Kontrollen nicht geben. «Keine langen Staus, sondern smarte Kontrollen, so wie die aktuelle Lage es erfordert.»
Kontrollen an allen Landgrenzen
Die Ministerin hat angeordnet, dass es ab Montag an allen deutschen Landgrenzen Grenzkontrollen geben soll, um die Zahl unerlaubter Einreisen stĂ€rker einzudĂ€mmen. Die zusĂ€tzlichen Kontrollen sollen zunĂ€chst sechs Monate andauern. Das betrifft Frankreich, DĂ€nemark, Belgien, die Niederlande und Luxemburg. An den Grenzen zu Ăsterreich, Polen, Tschechien und der Schweiz gibt es solche Kontrollen schon. Und auch an der Grenze zu Frankreich wurde zuletzt bereits kontrolliert, was die Bundesregierung unter anderem mit den Olympischen Spielen begrĂŒndete.
Solche Grenzkontrollen sind innerhalb des Schengen-Raums normalerweise nicht vorgesehen, sie mĂŒssen jeweils bei der EU-Kommission angemeldet werden. An den deutschen PlĂ€nen gab es deutliche Kritik Polens und Griechenlands.
Scholz: Können uns nicht ganz auf alle Nachbarn verlassen
Bundeskanzler Olaf Scholz verteidigte das Vorgehen. «IrregulĂ€re Migration ist nicht das, was wir wollen», sagte der SPD-Politiker am Samstag bei einer Fragerunde mit BĂŒrgern im brandenburgischen Prenzlau. Wenn wie im vergangenen Jahr 300.000 Menschen nach Deutschland kĂ€men, von denen nur ein Teil einen Schutzanspruch habe, «dann ist das nicht gut».Â
Deshalb mĂŒsse man genauer hinschauen, wer ein Recht zur Einreise habe. «Denn wir können uns ja leider nicht ganz darauf verlassen, dass alle unsere Nachbarn es so machen, wie sie es machen sollen.» Er betonte, dass man sich bei den Grenzkontrollen an europĂ€isches Recht halten werde.
Merz verlangt «ehrliche Bilanz» der Grenzkontrollen
Unionsfraktionschef Merz forderte, die Wirkung der Grenzkontrollen zu ĂŒberprĂŒfen. «Ich erwarte am Jahresende von der Bundesregierung eine ehrliche Bilanz, ob die von ihr ergriffenen MaĂnahmen die Zahl von irregulĂ€r einreisenden Migranten merklich reduziert», sagte er der «Bild am Sonntag». «Nur ZurĂŒckweisungen an unseren Grenzen hĂ€tten sofort einen Effekt.»Â
Ein gemeinsames Treffen zwischen Regierung, der Union als gröĂter Oppositionskraft und BundeslĂ€ndern zur Migrationspolitik war am Dienstag gescheitert. Die Union pocht auf weitreichende ZurĂŒckweisungen von Asylbewerbern an den deutschen Grenzen - nach EinschĂ€tzung der Bundesregierung wĂ€ren diese europarechtlich nicht zulĂ€ssig.Â
Stattdessen möchte die Ampel das Verfahren fĂŒr sogenannte Dublin-Ăberstellungen beschleunigen. Dabei geht es um die RĂŒcknahme Schutzsuchender durch jene EU-LĂ€nder, die fĂŒr die Bearbeitung ihrer Asylverfahren zustĂ€ndig sind - in der Regel ist das der Staat, wo jemand zuerst europĂ€ischen Boden betreten hat.
Juncker sorgt sich um «Errungenschaft der europÀischen Integration»
Der ehemalige EU-Kommissionschef Juncker sagte der Deutschen Presse-Agentur in Luxemburg: «Ich bin kein Freund von Grenzkontrollen, weil sie mit massiven Unannehmlichkeiten fĂŒr die Pendler verbunden sind.» StationĂ€re Grenzkontrollen hĂ€lt er fĂŒr besonders problematisch. «Wenn es Kontrollen geben muss, dann wĂ€ren mobile statt stationĂ€rer Kontrollen nicht an der Grenze, sondern im Hinterland weniger schwierig fĂŒr Betroffene», sagte er mit Blick auf die Grenze zu Luxemburg.
Juncker sagte, er habe VerstĂ€ndnis dafĂŒr, dass man wĂ€hrend der FuĂball-EM zeitweise stationĂ€re Grenzkontrollen gemacht hatte. «Jetzt um das Thema FlĂŒchtlinge, Zuwanderer und illegale Einwanderer herum stationĂ€re Grenzkontrollen fĂŒr einen langen Zeitraum durchzufĂŒhren, das scheint mir nicht angebracht.» Juncker war von 2014 bis 2019 EU-KommissionsprĂ€sident.
Im Schengen-Raum haben auch andere LĂ€nder wieder zeitlich befristete Grenzkontrollen eingefĂŒhrt. «Ich sehe das mit Sorge», sagte Juncker. «Dass man jetzt ohne viel Federlesen die Errungenschaft der europĂ€ischen Integration zur Disposition stellt, das macht mich schon besorgt.» Es dĂŒrfe nicht sein, «dass man wieder in den Köpfen und in den Herzen der Menschen Grenzen entstehen lĂ€sst».









