Grenzkontrollen, Deutschland

Faeser meldet zusÀtzliche Grenzkontrollen bei EU an

16.10.2023 - 13:59:30

VerstÀrkte Schleierfahndung, punktuelle Kontrollen an den Grenzen - lange hat sich die Innenministerin gestrÀubt, stationÀre Kontrollen an weiteren Grenzabschnitten anzuordnen. Jetzt ist die Entscheidung gefallen.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hat nach langem Zögern nun doch stationĂ€re Kontrollen an den Grenzen zu Polen, Tschechien und der Schweiz bei der EU-Kommission angemeldet. Wie ihr Ministerium am Montag mitteilte, sollen zudem die vorĂŒbergehenden Kontrollen der Bundespolizei direkt an der Grenze zu Österreich, die es bereits seit Herbst 2015 gibt, um weitere sechs Monate verlĂ€ngert werden.

Faeser begrĂŒndete den Schritt mit der Begrenzung der irregulĂ€ren Migration. Außerdem gehe es ihr darum, «die SchleusungskriminalitĂ€t noch stĂ€rker zu bekĂ€mpfen», hieß es in der Mitteilung.

Die Bundespolizei erklĂ€rte, sie habe mit der Entscheidung vom Montag «Kontrollmaßnahmen in unmittelbarer GrenznĂ€he bzw. direkt an der Grenze aufgenommen». NĂ€here Angaben zu Art und Umfang der Kontrollen oder zur Zahl der eingesetzten Beamten machte sie auf Anfrage nicht. In Sachsen sollten die neuen Kontrollen am Montagabend losgehen, wie ein Sprecher der Bundespolizeidirektion Pirna sagte.

Die Entscheidung wird an den neu notifizierten Grenzabschnitten zunĂ€chst fĂŒr zehn Tage wirksam. Die Notifizierung könne bis zu insgesamt zwei Monaten verlĂ€ngert werden, teilte ihr Ministerium mit. In Sicherheitskreisen wird aber damit gerechnet, dass die Kontrollen spĂ€ter dann auch fĂŒr einen lĂ€ngeren Zeitraum angemeldet werden. Von Anfang Januar bis Anfang Oktober hat die Bundespolizei laut Bundesinnenministerium etwa 98.000 unerlaubte Einreisen nach Deutschland festgestellt.

Die Ministerin wies darauf hin, dass an den betroffenen GrenzĂŒbergĂ€ngen auch kĂŒnftig nicht rund um die Uhr jedes Fahrzeug angehalten werden soll. «Die Bundespolizei kann nun flexibel, je nach aktueller Lage das gesamte BĂŒndel an stationĂ€ren und mobilen grenzpolizeilichen Maßnahmen einsetzen», sagte Faeser. Ihr sei besonders wichtig, «dass sich die Kontrollen so wenig wie möglich auf den Alltag von Pendlern, auf den Handel und auf den Reiseverkehr auswirken».

Schleuser sollen besser gestoppt werden

Faeser hatte erst vor wenigen Tagen verstĂ€rkte Kontrollen in der NĂ€he der östlichen Grenze angekĂŒndigt und dabei die Rechtsauffassung vertreten, dass die Bundespolizei dabei punktuell - etwa wenn man dort gerade eine Schleusung vermutet - auch direkt an der Grenze Fahrzeuge anhalten könne. Forderungen der CDU-Innenminister von Sachsen und Brandenburg, Armin Schuster und Michael StĂŒbgen, nach stationĂ€ren Kontrollen hatte sie unter anderem mit dem Argument zurĂŒckgewiesen, wer an der Grenze ein Asylbegehren Ă€ußere, könne in der Regel ohnehin nicht zurĂŒckgewiesen werden.

Schleuser sind mit Kontrollen direkt am GrenzĂŒbergang allerdings leichter zu schnappen als bei Kontrollen im Hinterland. Denn dort sind sie oft schon verschwunden, wenn die Polizei die zusammen mit ihnen irregulĂ€r eingereisten Menschen aufgreift. Oder es kommt zu UnfĂ€llen wie vergangene Woche, als ein mutmaßlicher Schleuser, vermutlich um der Entdeckung durch die Polizei zu entgehen, so stark beschleunigte, dass er die Kontrolle ĂŒber sein Fahrzeug verlor. Sieben Menschen starben bei dem Unfall in Bayern.

ZurĂŒckweisungen an Schengen-Binnengrenzen sind rechtlich nur dann zulĂ€ssig, wenn zuvor die temporĂ€re WiedereinfĂŒhrung von Grenzkontrollen gegenĂŒber der EU-Kommission notifiziert wurde. ZurĂŒckweisungen kommen aber nur in relativ wenigen FĂ€llen zur Anwendung, etwa wenn ein AuslĂ€nder mit einer Einreisesperre belegt ist oder wenn er keinen Asylantrag stellt.

Frankreich nutzt bereits punktuelle Kontrollen

Obwohl im Schengen-Raum eigentlich das Prinzip der offenen Binnengrenzen gilt, haben aktuell mehrere Staaten Grenzkontrollen notifiziert. Frankreich hat etwa unter Verweis auf Terror-Risiken und irregulĂ€re Migration ĂŒber die zentrale Mittelmeerroute und die sogenannte Balkanroute Kontrollen an seinen Grenzen zu Belgien, Luxemburg, Deutschland, Italien, Spanien und der Schweiz beantragt. Die Franzosen kontrollieren aber nicht ĂŒberall rund um die Uhr, sondern eher punktuell und lageangepasst. So Ă€hnlich soll es kĂŒnftig auch an den Grenzen Deutschlands zu Tschechien, Polen und der Schweiz laufen.

«Klar ist auch: Wir wollen schnellstmöglich zurĂŒck zu Binnengrenzen, an denen wir nicht kontrollieren mĂŒssen», betonte Faeser. DafĂŒr sei es notwendig, die Verhandlungen zu einer Reform des Gemeinsamen EuropĂ€ischen Asylsystems mit einem umfassenden EU-Außengrenzschutz erfolgreich abzuschließen.

Der Obmann der GrĂŒnen im Innenausschuss des Bundestages, Marcel Emmerich, kritisierte die Entscheidung der Ministerin, sowohl inhaltlich als auch von der öffentlichen Kommunikation her. Er sagte: «Das lange Hin und Her der Ministerin hat auch bei mir fĂŒr viel Irritationen gesorgt.» StationĂ€re Grenzkontrollen seien eine «Scheinlösung».

Woidke begrĂŒĂŸt geplante Grenzkontrollen

Brandenburgs MinisterprĂ€sident Dietmar Woidke (SPD) begrĂŒĂŸte die Anmeldung stationĂ€rer Grenzkontrollen fĂŒr die deutsch-polnische Grenze. «Wir mĂŒssen alles unternehmen, um die illegale Schleusung einzudĂ€mmen», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Die stationĂ€ren Kontrollen könnten dazu ein wichtiger Beitrag sein. Entscheidend sei jedoch der Schutz der EU-Außengrenzen. Baden-WĂŒrttembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) forderte, den AnkĂŒndigungen mĂŒssten Taten folgen - die Bundespolizei mĂŒsse «nun auch tatsĂ€chlich mit starken KrĂ€ften kontrollieren können».

Der tschechische Innenminister Vit Rakusan zeigte VerstĂ€ndnis fĂŒr die deutsche Entscheidung. Auch aus der Schweiz kam keine offizielle Kritik. Die Ende 2022 vereinbarte Zusammenarbeit zwischen Schweiz und Deutschland zur EindĂ€mmung der Migration werde nun weiter intensiviert, hieß es vom Justiz- und Polizeidepartement in Bern.

Von Anfang Januar bis Ende September haben in Deutschland 233 744 Menschen erstmals einen Asylantrag gestellt, rund 73 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Viele Kommunen sehen sich, was die Unterbringung, Versorgung und Integration der GeflĂŒchteten angeht, an der Belastungsgrenze - auch weil seit Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022 mehr als eine Million KriegsflĂŒchtlinge aus der Ukraine nach Deutschland gekommen sind. Diese mĂŒssen keinen Asylantrag stellen.

@ dpa.de