Nach Einlenken Feasers: StationÀre Grenzkontrollen starten
16.10.2023 - 19:43:49Unmittelbar nach dem Einlenken von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hat die Bundespolizei an den deutschen Grenzen im Osten mit stationÀren Grenzkontrollen begonnen. In Brandenburg und Sachsen startete sie am Montagabend mit festen Kontrollen. Faeser hatte zuvor nach langem Zögern nun doch stationÀre Kontrollen an den Grenzen zu Polen, Tschechien und der Schweiz bei der EU-Kommission angemeldet.
Wie ihr Ministerium am Montag mitteilte, sollen zudem die vorĂŒbergehenden Kontrollen der Bundespolizei direkt an der Grenze zu Ăsterreich, die es bereits seit Herbst 2015 gibt, um weitere sechs Monate verlĂ€ngert werden. Faeser begrĂŒndete den Schritt mit der Begrenzung der irregulĂ€ren Migration. AuĂerdem gehe es ihr darum, «die SchleusungskriminalitĂ€t noch stĂ€rker zu bekĂ€mpfen», hieĂ es in der Mitteilung.
MutmaĂlicher Schleuser ins Netz gegangen
In Brandenburg wurde an mehreren Stellen mit den Kontrollen begonnen, wie eine Sprecherin der Bundespolizeidirektion Berlin der Deutschen Presse-Agentur sagte. Auf der StadtbrĂŒcke in Frankfurt (Oder) kontrollierten Bundespolizisten direkt an der Grenze.
Auch in Sachsen, das an Polen und Tschechien grenzt, starteten Kontrollen, wie ein Sprecher der Bundespolizeidirektion Pirna sagte. Betroffen war am Montagabend unter anderem die Autobahn 17 (Prag-Dresden). Schon kurz nach dem Start der Kontrolle bei Bad Gottleuba sei den Beamten ein mutmaĂlicher Schleuser ins Netz gegangen, berichtete ein Sprecher der Bundespolizei. Dabei handle es sich um einen Syrer, der versucht haben soll, sieben seiner Landsleute nach Deutschland zu bringen.
«Diese multiple GefĂ€hrdungslage ist insgesamt so angespannt, dass es gerechtfertigt ist, parallel zum Notifizierungsverfahren in BrĂŒssel unverzĂŒglich mit den Grenzkontrollen zu beginnen», sagte der sĂ€chsische Innenminister Armin Schuster (CDU) der dpa in Dresden. Brandenburgs MinisterprĂ€sident Dietmar Woidke (SPD) sagte: «Wir mĂŒssen alles unternehmen, um die illegale Schleusung einzudĂ€mmen. Der jetzige Zustand ist nicht hinnehmbar.»
Entscheidung gilt zunĂ€chst fĂŒr zehn Tage
Die Entscheidung Faesers gilt an den neu notifizierten Grenzabschnitten zunĂ€chst fĂŒr zehn Tage. Die Notifizierung könne bis zu insgesamt zwei Monaten verlĂ€ngert werden, teilte ihr Ministerium mit. In Sicherheitskreisen wird aber damit gerechnet, dass die Kontrollen spĂ€ter dann auch fĂŒr einen lĂ€ngeren Zeitraum angemeldet werden.
Von Anfang Januar bis Anfang Oktober hat die Bundespolizei laut Bundesinnenministerium etwa 98.000 unerlaubte Einreisen nach Deutschland festgestellt.
Die Ministerin wies darauf hin, dass an den betroffenen GrenzĂŒbergĂ€ngen auch kĂŒnftig nicht rund um die Uhr jedes Fahrzeug angehalten werden soll. «Die Bundespolizei kann nun flexibel, je nach aktueller Lage das gesamte BĂŒndel an stationĂ€ren und mobilen grenzpolizeilichen MaĂnahmen einsetzen», sagte Faeser. Ihr sei besonders wichtig, «dass sich die Kontrollen so wenig wie möglich auf den Alltag von Pendlern, auf den Handel und auf den Reiseverkehr auswirken».
Schleuser sollen besser gestoppt werden
Faeser hatte erst vor wenigen Tagen verstĂ€rkte Kontrollen in der NĂ€he der östlichen Grenze angekĂŒndigt und dabei die Rechtsauffassung vertreten, dass die Bundespolizei dabei punktuell - etwa wenn man dort gerade eine Schleusung vermutet - auch direkt an der Grenze Fahrzeuge anhalten könne. Forderungen der CDU-Innenminister von Sachsen und Brandenburg, Armin Schuster und Michael StĂŒbgen, nach stationĂ€ren Kontrollen hatte sie unter anderem mit dem Argument zurĂŒckgewiesen, wer an der Grenze ein Asylbegehren Ă€uĂere, könne in der Regel ohnehin nicht zurĂŒckgewiesen werden.
Schleuser sind mit Kontrollen direkt am GrenzĂŒbergang allerdings leichter zu schnappen als bei Kontrollen im Hinterland. Denn dort sind sie oft schon verschwunden, wenn die Polizei die zusammen mit ihnen irregulĂ€r eingereisten Menschen aufgreift. Oder es kommt zu UnfĂ€llen wie vergangene Woche, als ein mutmaĂlicher Schleuser, vermutlich um der Entdeckung durch die Polizei zu entgehen, so stark beschleunigte, dass er die Kontrolle ĂŒber sein Fahrzeug verlor. Sieben Menschen starben bei dem Unfall in Bayern.
ZurĂŒckweisungen an Schengen-Binnengrenzen sind rechtlich nur dann zulĂ€ssig, wenn zuvor die temporĂ€re WiedereinfĂŒhrung von Grenzkontrollen gegenĂŒber der EU-Kommission notifiziert wurde. ZurĂŒckweisungen kommen aber nur in relativ wenigen FĂ€llen zur Anwendung, etwa wenn ein AuslĂ€nder mit einer Einreisesperre belegt ist oder wenn er keinen Asylantrag stellt.
Frankreich nutzt bereits punktuelle Kontrollen
Obwohl im Schengen-Raum eigentlich das Prinzip der offenen Binnengrenzen gilt, haben aktuell mehrere Staaten Grenzkontrollen notifiziert. Frankreich hat etwa unter Verweis auf Terror-Risiken und irregulĂ€re Migration Kontrollen an seinen Grenzen zu Belgien, Luxemburg, Deutschland, Italien, Spanien und der Schweiz beantragt. Die Franzosen kontrollieren aber nicht ĂŒberall rund um die Uhr, sondern eher punktuell und lageangepasst. So Ă€hnlich soll es kĂŒnftig auch an den Grenzen Deutschlands zu Tschechien, Polen und der Schweiz laufen.
«Klar ist auch: Wir wollen schnellstmöglich zurĂŒck zu Binnengrenzen, an denen wir nicht kontrollieren mĂŒssen», betonte Faeser. DafĂŒr sei es notwendig, die Verhandlungen zu einer Reform des Gemeinsamen EuropĂ€ischen Asylsystems mit einem umfassenden EU-AuĂengrenzschutz erfolgreich abzuschlieĂen.
Der Obmann der GrĂŒnen im Innenausschuss des Bundestages, Marcel Emmerich, kritisierte die Entscheidung der Ministerin, sowohl inhaltlich als auch von der öffentlichen Kommunikation her. Er sagte: «Das lange Hin und Her der Ministerin hat auch bei mir fĂŒr viel Irritationen gesorgt.» StationĂ€re Grenzkontrollen seien eine «Scheinlösung».
Keine offizielle Kritik aus der Schweiz
Der tschechische Innenminister Vit Rakusan zeigte VerstĂ€ndnis fĂŒr die deutsche Entscheidung. Auch aus der Schweiz kam keine offizielle Kritik. Die Ende 2022 vereinbarte Zusammenarbeit zwischen Schweiz und Deutschland zur EindĂ€mmung der Migration werde nun weiter intensiviert, hieĂ es vom Justiz- und Polizeidepartement in Bern.
Von Anfang Januar bis Ende September haben in Deutschland 233.744 Menschen erstmals einen Asylantrag gestellt, rund 73 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Viele Kommunen sehen sich, was die Unterbringung, Versorgung und Integration der GeflĂŒchteten angeht, an der Belastungsgrenze - auch weil seit Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022 mehr als eine Million KriegsflĂŒchtlinge aus der Ukraine nach Deutschland gekommen sind. Diese mĂŒssen keinen Asylantrag stellen.





