Turbo fĂŒr Bauvorhaben - Sorge um Naturschutz
07.11.2023 - 00:55:36Bund und LĂ€nder wollen bei der Energiewende und beim Bauen den Turbo zĂŒnden - doch UmweltverbĂ€nde fĂŒrchten, dass das auf Kosten der Natur geschieht.
Die am Abend beschlossenen MaĂnahmen zur Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren versprĂ€chen Geschwindigkeit durch den einseitigen Abbau von Umweltstandards, kritisierte der Naturschutzbund Deutschland. «Damit werden viele Errungenschaften des Umweltschutzes der letzten Jahrzehnte aufs Spiel gesetzt.»
Kanzler Olaf Scholz (SPD) und die MinisterprĂ€sidenten hatten sich zuvor in Berlin auf ein BĂŒndel von GesetzesĂ€nderungen geeinigt, die dafĂŒr sorgen sollen, dass WindrĂ€der, Stromtrassen, Bahnstrecken und Wohnungen schneller gebaut werden. BĂŒrokratische und rechtliche HĂŒrden sollen abgebaut werden.
Das Paket soll nach dem Willen des Kanzleramts das KernstĂŒck des von Scholz vorangetriebenen Deutschlandpakts sein. Vor zwei Monaten hatte der Kanzler den LĂ€ndern und der «demokratischen Opposition» eine solche Zusammenarbeit zur Modernisierung des Landes vorgeschlagen. In den letzten Jahrzehnten hĂ€tten Bund und LĂ€nder «mit groĂer Liebe und Zuneigung» immer mehr bremsende Vorschriften erfunden, sagte Scholz am Montag. Jetzt gehe es darum, «dass nicht noch ein Politiker sagt, alles soll schneller werden, sondern dass es tatsĂ€chlich passiert».
Das Paket umfasst laut Scholz an die 100 Einzelregelungen, unter anderem zu Autobahnen und Zugtrassen, zum Bau von Wohnungen, dem Ausbau von Dachgeschossen, zu Schwerlasttransporten und dem Aufstellen von Mobilfunkmasten und WindrĂ€dern. Weitere Vereinfachungen im Gesundheitswesen und der Wasserstoffindustrie sollten folgen, kĂŒndigte der Kanzler an.
Bauordnungen sollen vereinheitlicht werden
FĂŒr mehr Wohnungsbau wollen Bund und LĂ€nder zum Beispiel die Bauordnungen vereinheitlichen. Wenn ein Haus in einem Land genehmigt wurde, sollen fĂŒr baugleiche GebĂ€ude woanders weniger umfangreiche Verfahren gelten. Ein Dachgeschoss als Wohnung auszubauen, soll unter bestimmten Bedingungen ohne Genehmigung möglich sein. Der Um- und Ausbau von Wohnungen werde zudem nicht mehr an Auto-StellplĂ€tzen scheitern, betonte der hessische Regierungschef Boris Rhein (CDU). AuĂerdem könne ein Windrad ohne weitere Genehmigung an der gleichen Stelle durch ein anderes ersetzt werden.
«Ich freue mich sehr darĂŒber, dass wir einig sind als Bund und LĂ€nder, und das ist im Föderalismus eben wichtig», betonte Rhein. Niedersachsens MinisterprĂ€sident Stephan Weil (SPD) fasste zusammen: «Wir sind in Deutschland zu kompliziert, deshalb dauert alles zu lange, und das macht es am Ende natĂŒrlich noch zusĂ€tzlich teurer.» Jetzt solle vieles einfacher und damit auch billiger werden.
OppositionsfĂŒhrer Friedrich Merz lobte vor allem die LĂ€nder, bei dem Thema nicht locker gelassen zu haben. Jetzt mĂŒssten aber schnell Gesetze kommen, sagte der CDU-Chef dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Der Branchenverband der chemisch-pharmazeutischen Industrie bezeichnete die PlĂ€ne als groĂen Wurf. «Ein zweijĂ€hriges politisches Tauziehen ist damit endlich beendet», erklĂ€rte er. Viel zu lange seien komplizierte Verfahren ein Nadelöhr zur
Transformation der Wirtschaft gewesen.
VorschlÀge als «Wunschliste der Industrie»
Umwelt- und NaturschutzverbĂ€nde dagegen haben groĂe Bedenken. Das Paket schrĂ€nke Beteiligungsmöglichkeiten ein und senke Umweltstandards, warnte Nabu-PrĂ€sident Jörg-Andreas KrĂŒger. Dabei werde Geschwindigkeit aktuell «in unterbesetzten Verwaltungen und Gerichten verloren und nicht durch das Abholzen von WĂ€ldern gewonnen».
Die Deutsche Umwelthilfe kritisierte ebenfalls eine Absenkung von Umweltstandards zugunsten von Wirtschaftsinteressen. «Die VorschlĂ€ge wirken zunehmend wie eine Wunschliste der Industrie: Mit dem Argument eines vermeintlichen BĂŒrokratieabbaus wird die Beschleunigung klimaschĂ€dlicher Vorhaben gerechtfertigt», erklĂ€rte BundesgeschĂ€ftsfĂŒhrer Sascha MĂŒller-Kraenner. Ăffentliche Erörterungstermine wĂŒrden eingeschrĂ€nkt und Rechtswege beschrĂ€nkt. «Umweltstandards zu senken und demokratische Teilhabe zu erschweren, wird Deutschland bestimmt nicht fĂŒr die Zukunft rĂŒsten», warnte er.
Wirtschaftsminister Robert Habeck und Umweltministerin Steffi Lemke (beide GrĂŒne) gingen auf die Kritik der VerbĂ€nde ein: «Wir werden daher in der nun anstehenden Umsetzung dieser Verabredungen weiterhin darauf achten, dass Transparenz und Rechtsschutz gewahrt sowie Umwelt- und Naturschutzstandards nicht gesenkt werden», versprachen sie. Schnellere Verfahren und weniger BĂŒrokratie seien aber nötig, um Deutschland zu modernisieren und klimafreundlicher zu machen. «Nur wenn Deutschland schneller wird, bleiben wir wettbewerbsfĂ€hig», argumentierten Habeck und Lemke.





