Bund und LĂ€nder einigen sich auf Finanzreform und Justizpakt
25.06.2026 - 20:39:01 | dpa.deMit einer Finanzreform wollen Bund und LĂ€nder die Kommunen entlasten. Damit soll die HandlungsfĂ€higkeit von StĂ€dten und Gemeinden erhöht werden. Nach langen Verhandlungen einigten sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und die MinisterprĂ€sidenten auf eine Neuregelung der Bund-LĂ€nder-Finanzen, die dem Grundsatz folgt: «Wer bestellt, bezahlt.» Im Kern geht es darum, dass der Bund in bestimmten FĂ€llen einen GroĂteil der Mehrkosten ĂŒbernimmt, die den LĂ€ndern und Kommunen durch GesetzesĂ€nderungen auf Bundesebene entstehen.
Damit sollen die stark gestiegenen Sozialausgaben der Kommunen gedĂ€mpft werden. Bund und LĂ€nder beschlossen auĂerdem einen Pakt fĂŒr den Rechtsstaat mit zusĂ€tzlichen Stellen fĂŒr Richter und StaatsanwĂ€lte.Â
Milliarden-Entlastungen fĂŒr Kommunen
Merz sprach von einem groĂen Kostenaufwuchs und einer prekĂ€ren Lage der Kommunen. Die Neuregelung solle ab dem 1. September gelten. Aus dem Bundesfinanzministerium hieĂ es dagegen, dass sie auf Gesetze angewandt werden solle, deren EntwĂŒrfe nach dem 1. Oktober im Bundeskabinett beschlossen werden.
«Wir bringen unser Land voran», sagte Merz. Der rheinland-pfĂ€lzische MinisterprĂ€sident Gordon Schnieder (CDU) sagte: «Wir reden dann schon im nĂ€chsten Jahr ĂŒber ein Entlastungspotenzial bei den Kommunen von drei Milliarden, und das ist anwachsend ĂŒber die nĂ€chsten Jahre.» Niedersachsens MinisterprĂ€sident Olaf Lies (SPD) sprach von einem fairen Ausgleich.
CDU, CSU und SPD im Bund hatten im Koalitionsvertrag vereinbart, sich am Grundsatz der «VeranlassungskonnexitĂ€t» orientieren zu wollen - dem Prinzip: «Wer bestellt, bezahlt». Eine Neuordnung der Bund-LĂ€nder-Finanzen wird seit Monaten diskutiert.Â
Bund ĂŒbernimmt unter Voraussetzungen 80 Prozent
Bisher entstehen vor allem den Kommunen zunehmend Mehrkosten durch sogenannte Leistungsgesetze, die auf Bundesebene beschlossen werden. Dies betrifft etwa die Kinder- und Jugendhilfe, die Eingliederungshilfe fĂŒr Menschen mit Behinderung und das Teilhabegesetz zur StĂ€rkung der gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Behinderungen.Â
Geplant ist nun ein Mechanismus, der bei neuen Leistungsgesetzen, bei Ănderungen solcher Gesetze oder bei kĂŒnftigen anderen Gesetzen des Bundes mit Finanzauswirkungen gelten soll. Falls sich die finanziellen Auswirkungen auf die Haushalte der Kommunen und der LĂ€nder zusammen auf mehr als 200 Millionen Euro jĂ€hrlich belaufen, soll davon der Bund 80 Prozent ĂŒbernehmen, wie Lies sagte.Â
Die Regelung soll «symmetrisch» wirken. LĂ€nder und Kommunen mĂŒssen den Bund kompensieren, wenn Belastungen wegfallen, wie es aus dem Bundesfinanzministerium hieĂ. Lies sagte: «Wenn der Bund am Ende Entscheidungen trifft, die auch dann wieder zur Reduzierung der Kosten fĂŒhren, dann muss es auch ein ZurĂŒck der Mittel geben.» Die Kompensation soll jeweils in der Regel in Form einer Anpassung des jeweiligen Anteils an den Einnahmen aus der Umsatzsteuer umgesetzt werden, wie es aus dem Finanzministerium hieĂ.
Nicht erfasst von der Regelung sind Steuergesetze. Immer wieder kommt es zu Streit zwischen Bund und LĂ€ndern, wenn der Bund Steuerentlastungen plant - aber diese auch fĂŒr die LĂ€nder Mindereinnahmen bedeuten. Die Regelung gilt laut Merz auch nicht fĂŒr EU-Vorgaben, die Deutschland umsetzen muss.
Kommunen in Finanznöten
Kommunale SpitzenverbĂ€nde hatten Bund und LĂ€nder angesichts der Finanznot vieler StĂ€dte und Gemeinden zum Handeln aufgefordert. In einer ErklĂ€rung hieĂ es: «Die kommunalen Haushalte kollabieren - und zwar fast ĂŒberall.» Das zweite Jahr in Folge wĂŒrden die StĂ€dte, Landkreise und Gemeinden mit einem Defizit von 30 Milliarden Euro abschlieĂen. «Und das ohne eigenes Verschulden: Die Sozialausgaben, auf die wir selbst praktisch keinen Einfluss haben, laufen uns davon.»
Pakt fĂŒr den Rechtsstaat
Beim Treffen der Regierungschefinnen und Regierungschefs der LĂ€nder mit Merz ging es auch um einen neuen Pakt fĂŒr den Rechtsstaat. «Die Menschen können sich zu Recht darauf verlassen, dass diese Regierung und die LĂ€nder miteinander handeln, dass man auch Recht bekommt in einer ĂŒberschaubaren Zeit, dass hier auch der Rechtsstaat durchgreift in einer ĂŒberschaubaren Zeit», sagte Schnieder.Â
Vereinbart wurde, dass der Bund den LĂ€ndern mehr Geld gibt, damit diese ihre Justizbehörden digitaler machen und mit mehr Personal ausstatten können. Insgesamt geht es um 210 Millionen Euro fĂŒr Digitalisierung und 240 Millionen Euro fĂŒr zusĂ€tzliche Stellen in der Justiz. AuĂerdem soll der Bund rechtliche Voraussetzungen fĂŒr schnellere, effektivere Verfahren schaffen.Â
Die LĂ€nder verpflichten sich ihrerseits, bis 2029 bundesweit 2.000 Richter, StaatsanwĂ€lte sowie sonstige Justizmitarbeiter einzustellen. Wer in den vergangenen Jahren schon viel neues Personal eingestellt hat, kann sich diese Stellen anrechnen lassen. Die Verhandlungen ĂŒber die Details des Pakts hatten sich lange hingezogen.
Staat soll moderner werden
Bund und LĂ€nder legten auĂerdem einen Fortschrittsbericht zu einer Agenda vor, mit welcher der Staat modernisiert werden soll. Das betrifft vor allem die Digitalisierung von Aufgaben. Ziel ist weniger BĂŒrokratie. So soll ein bundesweites Pass- und Ausweisregister eingerichtet werden. Damit soll ein neuer Personalausweis kĂŒnftig digital beantragt werden können - die biometrischen Daten mĂŒssen im BĂŒrgeramt erfasst werden. Viele Familien mit kleinen Kindern sollen das Kindergeld bald ohne Antrag automatisch ausgezahlt bekommen.Â
LĂ€nder fordern engere Einbindung bei Steuerreform
Die Einigungen zwischen Bund und LĂ€ndern kommen kurz vor einem Treffen der Koalitionsspitzen am kommenden Mittwoch. Die schwarz-rote Koalition im Bund strebt im Rahmen eines groĂen Pakets auch eine Reform der Einkommensteuer an, um ab 2027 kleine und mittlere Einkommen zu entlasten. Die LĂ€nder mĂŒssen einer Reform zustimmen. Schnieder sagte, die LĂ€nder wollten eine tiefere Einbindung, als dies bisher geschehen sei. Lies betonte: «Eine Steuerreform des Bundes kann nicht zur finanziellen Belastung von Kommunen oder LĂ€ndern werden.»
