Nach rassistischem Gegröle auf Sylt - Kampen atmet auf
23.06.2024 - 06:53:51Frauen mit dezenten Designeruhren am Handgelenk und groĂen Sonnenbrillen auf der Nase schlendern barfuĂ mit ihren Kindern zum Strand vor Kampen. Chromblitzende Luxusautos parken in der Sonne dieses Juni-Nachmittags vor dem Club Pony auf Sylt. Deren Besitzer trinken kĂŒhlen Grauburgunder auf der Terrasse des Lokals, das vor einem Monat bundesweit fĂŒr gewaltige Schlagzeilen gesorgt hat.Â
WĂ€hrend im Nobelort Kampen nach dem viel beschriebenen Rassismus-Eklat vor einem Monat alles wieder so zu sein scheint wie immer, hat sich seit einer Pfingstparty fĂŒr mindestens zwei MĂ€nner und eine Frau Grundlegendes verĂ€ndert. Zu Pfingsten hatten sie auf der teilweise ĂŒberdachten Terrasse des Pony zur Melodie des Partysongs «Lâamour toujours» von Gigi D'Agostino - scheinbar völlig ungeniert und ausgelassen - rassistische Parolen gebrĂŒllt. Einen Monat nach Bekanntwerden dieser rassistischen VorfĂ€lle ermittelt die Staatsanwaltschaft in Flensburg weiter gegen sie.
«Die Ermittlungen werden sicherlich noch einige Wochen dauern», sagte Oberstaatsanwalt Bernd Winterfeldt der dpa. Es werde wegen des Verdachts der Volksverhetzung ermittelt, gegen einen der MĂ€nner auĂerdem wegen des Verdachts des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.
Vorfall auf Sylt wurde vor einem Monat bekannt
Auf einem wenige Sekunden langen Video, das am Pfingstsamstag bei einer Party mit mehr als 500 Feiernden in der bekannten Bar mit Club entstanden sein soll, ist zu sehen und zu hören, wie junge Menschen «Deutschland den Deutschen - AuslĂ€nder raus!» grölen. Ein Mann macht eine Geste, die an den HitlergruĂ denken lĂ€sst. Am 24. Mai hatte die Polizei den Vorfall publik gemacht, er sorgte bundesweit fĂŒr Schlagzeilen und Empörung.
Die Pony-Betreiber hatten kurz nach Bekanntwerden der VorfĂ€lle öffentlich Position bezogen. Jetzt wollten sie sich auf dpa-Anfragen nicht Ă€uĂern. Auf der Instagram-Seite der Bar ist noch immer der Post angepinnt, in dem sie sich vor vier Wochen von dem Fall distanziert und gegen «Rassismus, Faschismus und jegliche Form von Diskriminierung» ausgesprochen sowie erklĂ€rt hatten, die verantwortlichen Party-GĂ€ste anzuzeigen.Â
Nach eigenen Angaben hatten sie Morddrohungen erhalten, sagten die Club-Betreiber. «Wir werden aufs Ăbelste beleidigt und erhalten Morddrohungen», schrieben sie auf dem Instagramprofil des Clubs. Dazu veröffentlichten sie eine Sequenz aus einem Ăberwachungsvideo, das die Szene aus einem anderen Blickwinkel zeigt.Â
Sequenzen einer Pfingstparty ohne rassistische GesĂ€nge oder einen Zusammenhang dazu teilten die Betreiber vor rund zwei Wochen auf Instagram: Junge Frauen tanzen dort mit gefĂŒllten GlĂ€sern in engen Kleidern und kurzen Röcken, MĂ€nner wippen in weiĂen Hemden fröhlich lachend zu Techno-Beats, grelle Drohnenbilder zeigen Luxus-Autos und schnelle Schwenks ĂŒber Feiernde auf der Terrasse. Aus Magnumflaschen wird Champagner ausgeschenkt, parallel dazu ist der Schriftzug «Champagne-Shower» mit drei Flaschen-Emojis eingeblendet.Â
Zwei weitere mögliche Rassismus-FÀlle auf Sylt
AuĂerdem ermittelt die Staatsanwaltschaft in zwei weiteren FĂ€llen - die ebenfalls zu Pfingsten in Kampen passiert sein sollen. In dem einen Club soll ein Gast ebenfalls «Deutschland den Deutschen, AuslĂ€nder raus!» gerufen haben, hier wird jetzt wegen Volksverhetzung ermittelt.
In einem dritten Fall sei laut Winterfeldt ein Beschuldigter gefunden - er muss sich jetzt wegen Körperverletzung, Volksverhetzung und SachbeschĂ€digung verantworten. Er soll am Pfingstsonntag auf einer StraĂe nahe einem Strandlokal in Kampen eine 29-jĂ€hrige Frau attackiert und rassistisch beleidigt haben - bei dem Angriff wurde die Frau laut Polizei leicht verletzt.
Die Stimmung im Dorf sei, nach einigen turbulenten Tagen, jetzt glĂŒcklicherweise wieder ruhig, sagte Kampens BĂŒrgermeisterin Stefanie Böhm (Kampener WĂ€hlervereinigung). «Sylt hat eine Strahlkraft: Durch die bundesweite mediale Ăffentlichkeit nach dem Vorfall im Pony werden einige Menschen vielleicht sensibler und achtsamer sein.»
Das könne demnach dazu beitragen, dass viele bei Ă€hnlichen Vorkommnissen andernorts noch genauer hinschauen und hinhören. «Gerade in diesen Zeiten mĂŒssen wir in Bezug auf solche rassistischen ĂuĂerungen alle achtsam und aufmerksam sein.» So etwas habe auf keiner Pfingst-Party, auf keiner Feier ĂŒberhaupt, etwas zu suchen.
Sylter Dehoga-Chef: Insel ist keine Rechten-Hochburg
Auch Dirk Erdmann, Sylter Dehoga-Chef und Betreiber des Hotels Rungholt in Kampen, zeigte sich erleichtert: «Wir sind froh, dass sich die Sache beruhigt hat, aber wir mĂŒssen alle Zivilcourage zeigen, das ist elementar, damit so etwas nicht noch einmal passieren kann», sagte er der dpa.
Die Europawahl habe deutlich gemacht, in welche Richtung sich Deutschland politisch entwickle - die niedrigen Ergebnisse der AfD in Schleswig-Holstein zeigten auch, dass das nördlichste Bundesland und somit Sylt «keinesfalls als Rechten-Hochburg bezeichnet werden kann».Â
«Sylt war, ist und bleibt eine weltoffene und freundliche Insel», teilte Florian Korte, Sprecher Gemeinde Sylt, gegenĂŒber dpa mit. Nach Bekanntwerden des Videos hatte sich die Gemeinde mit dem Tourismus-Service abgestimmt und in kurzer Zeit ein gemeinsames Statement veröffentlicht. Dieses habe selbstverstĂ€ndlich weiterhin Bestand.Â
Als Reaktion auf das Video mit rassistischem Gegröle hatten sich auf Sylt mehrere Dutzend Menschen zu einer Mahnwache im Inselort Kampen versammelt. Sie wollten ein Zeichen gegen rechts setzen. Einige Tage spĂ€ter war eine kleine Gruppe von etwa zehn Punks unter dem Motto «Laut sein gegen rechts!» durch Westerland gezogen. SpĂ€ter plante die Initiative «Sylt gegen rechts» eine gröĂere Demonstration vor dem Rathaus in Westerland.
Konsequenzen fĂŒr die Gröler auf Sylt
FĂŒr einige Beteiligte hatte das Gegröle ein schnelles Nachspiel: Die Werbeagentur-Gruppe Serviceplan Group erklĂ€rte, sie habe einen beteiligten Mitarbeiter fristlos entlassen. Auch die Hamburger Influencerin Milena Karl entlieĂ nach eigenen Angaben eine Mitarbeiterin, die dabei war.Â
Einer beteiligten Studentin hatten ebenfalls schwere Konsequenzen gedroht, ihre Hamburger Hochschule, die Hochschule fĂŒr Angewandte Wissenschaften (HAW), hatte den Rausschmiss geprĂŒft, sich jetzt aber dagegen entschieden. Ein bis Ende Juli gegen die Studentin ausgesprochenes Hausverbot an der Uni bleibe laut HAW aber bestehen.


