Verdi will erneut den Nahverkehr lahmlegen
22.02.2024 - 15:37:55Eine bundesweite Warnstreikwelle bei Bussen und Bahnen im Nahverkehr wird kommende Woche wieder Tausende FahrgĂ€ste treffen. Wie die Gewerkschaft in Berlin mitteilte, sind die ArbeitskĂ€mpfe im Zeitraum von Montag bis Samstag regional an unterschiedlichen Tagen geplant, mit dem Hauptstreiktag am Freitag, 1. MĂ€rz. Bayern ist als einziges Bundesland nicht betroffen. Parallel zu den Warnstreiks organisiert Fridays For Future fĂŒr den 1. MĂ€rz zahlreiche Demonstrationen gegen die Klimakrise.
Die Warnstreiks dĂŒrften zu Tausenden AusfĂ€llen von Bussen, U- und Tram-Bahnen fĂŒhren. Die meisten S-Bahnen in Deutschland sind nicht betroffen. Sie werden in der Regel von der Deutschen Bahn betrieben, die nicht mit Verdi, sondern aktuell mit der LokfĂŒhrergewerkschaft GDL ĂŒber neue TarifvertrĂ€ge verhandelt.
Verdi: Endlich Bewegung in Verhandlungen bringen
«Um endlich Bewegung in die Verhandlungen zu bringen, muss jetzt erneut Druck auf die Arbeitgeber ausgeĂŒbt werden», sagte Verdi-Vize Christine Behle. «Deshalb rufen wir die BeschĂ€ftigten zu konzertierten Streiks auf.»
Die Aktion ist der zweite bundesweit koordinierte Arbeitskampf im öffentlichen Personennahverkehr (ĂPNV) in diesem Jahr. Bereits am 2. Februar hatte Verdi den Nahverkehr vielerorts lahmgelegt. Damals waren nach Gewerkschaftsangaben mehr als 80 StĂ€dte und rund 40 Landkreise betroffen. In den vergangenen Wochen gab es zudem mehrere Warnstreiks in einzelnen BundeslĂ€ndern.
Die genauen Auswirkungen werden sich erst in den kommenden Tagen abzeichnen. Absehbar dĂŒrften die Folgen des Warnstreiks je nach Region sehr unterschiedlich sein. In Berlin dĂŒrften beispielsweise wĂ€hrend der Warnstreik-Zeit keine U-Bahnen, Busse und StraĂenbahnen fahren. Nach Verdi-Angaben sind rund 90.000 BeschĂ€ftigte zum Warnstreik aufgerufen. Beim Warnstreik am 2. Februar war vor allem Nordrhein-Westfalen stark betroffen, dort arbeitet ein Drittel dieser 90.000 BeschĂ€ftigten.
Kampf fĂŒr bessere Arbeitsbedingungen
Die Tarifverhandlungen laufen derzeit parallel in allen BundeslĂ€ndern auĂer Bayern. In den meisten Runden geht es vor allem um die Arbeitsbedingungen fĂŒr die BeschĂ€ftigten. Verdi fordert unter anderem kĂŒrzere Arbeitszeiten ohne finanzielle EinbuĂen, lĂ€ngere Ruhezeiten zwischen einzelnen Schichten, mehr Urlaubstage oder mehr Urlaubsgeld. Auch Wendezeiten, also die planmĂ€Ăige Zeit zwischen der Ankunft an einer Endhaltestelle bis zur Weiterfahrt in die Gegenrichtung, spielen eine Rolle.
Verdi will vor allem erreichen, dass die BeschĂ€ftigten entlastet und die ĂPNV-Berufe attraktiver werden. SĂ€mtliche Verkehrsunternehmen leiden unter anhaltendem Personalmangel. Insbesondere Busfahrerinnen und Busfahrer sind schwer zu finden.
«Es muss dringend etwas geschehen, damit die BeschĂ€ftigten entlastet werden», forderte Verdi-Vertreterin Behle. «Die Arbeitgeber sind jedoch nach wie vor nicht bereit, die Forderungen zu erfĂŒllen und den BeschĂ€ftigten entgegenzukommen. Damit ist ein Streik unumgĂ€nglich.»
Tausende Busfahrer fehlen
SÀmtliche Verkehrsunternehmen leiden unter anhaltendem Personalmangel. Insbesondere Busfahrerinnen und Busfahrer sind schwer zu finden. Nach Angaben des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) gehen bis 2030 in der gesamten Branche rund 80.000 BeschÀftigte in den Ruhestand.
Bus- und Bahnunternehmen haben laut VDV einen besonders hohen Babyboomer-Anteil - also BeschĂ€ftigte aus den geburtenstarken JahrgĂ€ngen der Nachkriegszeit - da «die Branche ĂŒber Jahre hinweg wegen politischer Sparvorgaben kaum Nachwuchs einstellen konnte». Der Verband schĂ€tzt, dass fĂŒr ein Gelingen der Verkehrswende bis 2030 etwa 110.000 neue BeschĂ€ftigte eingestellt werden mĂŒssen.
In Brandenburg, im Saarland, Sachsen-Anhalt und ThĂŒringen wird auch ĂŒber höhere Löhne und GehĂ€lter verhandelt. Verdi fordert etwa in Bandenburg 20 Prozent - mindestens aber 650 Euro - mehr pro Monat fĂŒr die BeschĂ€ftigten. Die Laufzeit des Tarifvertrags soll laut Verdi ein Jahr betragen. In Hamburg wird ĂŒber einen neuen Haustarifvertrag fĂŒr die Verkehrsbetriebe verhandelt. Lediglich in Bayern wird derzeit nicht verhandelt.
Immer mehr Streiks und Warnstreiks
Die erneuten Warnstreiks reihen sich ein in eine lĂ€nger werdende Liste an ArbeitskĂ€mpfen im Verkehr in den vergangenen Monaten. Neben den ĂPNV-Warnstreiks gab es mehrtĂ€gige ArbeitskĂ€mpfe bei der Bahn und zuletzt auch mehrere Arbeitsniederlegungen im Flugverkehr.
Warnstreiks im Verkehr betreffen meist viele Menschen mitten in ihrem Alltag oder auch vor lange ersehnten Reisen - der Ărger bei AusfĂ€llen ist schnell groĂ. Das ist keine neue Erkenntnis, aber nun nutzen die Gewerkschaften dieses Potenzial auch zunehmend. Die BeschĂ€ftigten stehen dabei offenbar an ihrer Seite: Nach hoher Inflation und angesichts deutlich höheren Lebenshaltungskosten wollen sie einen Ausgleich. Die Gewerkschaften berichteten zuletzt von mehr Eintritten.
Die Warnstreiks am 1. MĂ€rz werden mit zahlreichen Klimademonstrationen zusammenfallen, die von Fridays For Future (FFF) organisiert werden. Verdi und FFF arbeiten bereits seit einiger Zeit zusammen, unter anderem in der Verkehrs-Kampagne «Wir fahren zusammen». Auch beim Warnstreik Anfang Februar mischten sich an Streikposten junge Aktivistinnen und Aktivisten unter die BeschĂ€ftigten. Die Anfahrt zu den Klimademonstrationen dĂŒrfte vielerorts durch den Warnstreik aber deutlich schwieriger werden.


