Bericht: 110 Behörden-VorgÀnge zu Taleb A.
16.01.2025 - 16:05:10Die Abgeordneten kannten schon eine ganze Menge - aber so viel dann doch nicht: Ganze 110 Mal hatten sich Deutschlands Sicherheitsbehörden vor dem Terrorakt von Magdeburg mit dem spĂ€teren TĂ€ter befasst. Dass Taleb A. den einschlĂ€gigen Behörden des Bundes und mehrerer LĂ€nder kein Unbekannter war, ist schon spĂ€testens seit der vorherigen Sitzung des Innenausschusses des Bundestags bekannt.Â
Doch knapp vier Wochen nach der Todesfahrt von Magdeburg wird nun immer klarer, wie kontinuierlich die zustĂ€ndigen Stellen ĂŒber Jahre mit dem spĂ€teren AttentĂ€ter befasst waren. Auf 16 klein bedruckten Seiten listet eine Chronologie («Stand: 13.01.2025, 18:00 Uhr») insgesamt 110 VorfĂ€lle auf.
Behörden öfter mit Taleb A. befasst als bisher bekannt
Der neue Bericht stammt Faesers Haus und beruht auf Daten, die Bundesbehörden und -lĂ€nder dem Bundeskriminalamt (BKA) ĂŒbermittelt hatten. Die akribische Feinarbeit ist eingestuft als «Verschlusssache â nur fĂŒr den Dienstgebrauch» und liegt der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Berlin vor. Der «Spiegel» berichtete zuerst in seiner Online-Ausgabe darĂŒber.
Der Bericht wurde keine 20 Stunden vor der zweiten Ausschusssitzung des Innenausschusses fertig. Zumindest scheinen die Behörden dieses Mal nichts hinterm Berg halten zu wollen, war aus der Opposition nach der rund dreistĂŒndigen Sitzung zu hören. Die Zahl der mitgeteilten Behörden-VorgĂ€nge rund um Taleb A. vor dessen Attentat auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt war deutlich höher als bislang bekannt. Von 80 VorfĂ€llen war im Dezember die Rede. Jetzt sind es 30 mehr.
Bundesinnenministerin Nancy Faeser nutzte die zweite Ausschusssitzung zum Anschlag, um fĂŒr finanzielle Hilfe fĂŒr die Verletzten und Angehörigen zu werben: «Wir werden den Deutschen Bundestag bitten, finanzielle UnterstĂŒtzung bereitzustellen.» DafĂŒr dĂŒrfe es keinen Unterschied machen, ob die Tat juristisch als Terrorattentat einzustufen sei.
Saudi-Arabien warnte schon 2023
Das in Tabellenform erstellte Ministeriumspapier zeigt etwa, dass Saudi-Arabiens Behörden am 27. November 2023 das Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz (BfV) anschrieben. Die Saudis meldeten ein Posting von Taleb A. auf seinem X-Account. «Something big will happen in Germany», schrieb der spĂ€tere AttentĂ€ter - etwas GroĂes werde in Deutschland passieren. Die deutschen Behörden - an Postings solcher Art gewöhnt - bewerteten Taleb A.s Nachricht als «unspezifischen GefĂ€hrdungssachverhalt mangels konkreter Hinweise» und baten um konkrete Anhaltspunkte, so solche vorliegen sollten.
Steinmeier in Magdeburg
Taleb A.s Tat vom Dezember vergangenen Jahres forderte sechs Tote und rund 300 Verletzte. In Magdeburg hat sie tiefe Wunden hinterlassen. Auch dort standen an diesem Donnerstag die Ereignisse vom 20. Dezember im Fokus der Ăffentlichkeit. BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier war zu Besuch. Er drĂŒckte sein MitgefĂŒhl aus und dankte den Helfern. «Ihre Heimatstadt Magdeburg ist tief im Innersten verwundet, das ist jedenfalls das GefĂŒhl der Allermeisten. Und deshalb bin ich heute hier bei Ihnen», sagte Steinmeier.
Wie es nach 2023 mit Taleb A. weiterging, zeigt der Bericht des Bundesinnenministeriums. Zwei Monate vor dem grausamen Anschlag des Psychiaters erhielten Deutschlands VerfassungsschĂŒtzer wieder Post von den Saudis - so steht es in einem lachsfarbenen KĂ€stchen der Chronologie. Diesmal belieĂ Saudi-Arabien es bei einer Erinnerung an ihre Mitteilung von 2023. Der Bericht merkt an: «Keine neuen Inhalte, lediglich Verweis auf Bezugsschreiben und Bitte um Zusendung von Informationen zu ergriffenen MaĂnahmen».Â
«Das Schreiben wurde im BND bearbeitet»
Im nĂ€chsten KĂ€stchen der chronologischen Tabelle steht, was dann geschah. Es ist der vorletzte Eintrag. Seine Farbe: gelb. Gelb steht fĂŒr Sachbearbeitung durch den BND. Dorthin hatte das BfV die saudischen Infos ĂŒbermittelt. «Das Schreiben wurde im BND bearbeitet.» Mehr Aufschluss gibt der Eintrag nicht.
Insgesamt zeigt der Bericht mit den vom BKA gesammelten Informationen, dass in mindestens sechs BundeslĂ€ndern und im Bund Behörden mit Taleb A. beschĂ€ftigt waren. Das waren neben Sachsen-Anhalt auch Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Berlin, Hamburg und Bayern. Hinweise auf mögliche Straftaten kamen auch aus GroĂbritannien und Kuwait. Mehr als ein Dutzend Ermittlungsverfahren liefen in den Jahren vor dem Anschlag gegen ihn in Deutschland, die meistens eingestellt wurden.
Woher Taleb A.s Hass auf Deutschland kommt
Expertinnen und Experten fĂŒr Saudi-Arabien und Migration haben die HintergrĂŒnde analysiert. So rĂŒhrt bei Taleb A. der Hass auf Deutschland vom Hass auf sein Heimatland her. Beschrieben wird er als AnhĂ€nger von Verschwörungsbehauptungen ĂŒber eine «Islamisierung» der Bundesrepublik, die Kanzlerin Angela Merkel (CDU) betrieben habe. Auch «eine NĂ€he zu Ideologien von Rechtsextremisten» habe er, teilte Faeser mit. Sein Hass richte sich sowohl gegen den deutschen Staat als auch gegen einzelne Personen.
«Die AufklĂ€rung des schlimmen Anschlags von Magdeburg steht noch ganz am Anfang», sagt der GrĂŒnen-Abgeordnete Konstantin von Notz der Deutschen Presse-Agentur. Unionsvertreterin Andrea Lindholz (CSU) sagt nach der Sitzung des Innenausschusses der dpa: «Der Fall ist noch nicht zu Ende.»
Politische Konsequenzen
Faeser kĂŒndigt Konsequenzen an - von einem besseren Datenmanagement der Sicherheitsbehörden von Bund und LĂ€ndern ĂŒber neue Konzepte, um die GefĂ€hrlichkeit von Personen zu bewerten, die in kein bisheriges Raster passen, bis zu Fallkonferenzen bei BeschĂ€ftigung mehrerer Behörden mit einer Person.
In den Augen der CSU-Abgeordneten Lindholz stellt sich die Frage, warum all das nicht lĂ€ngst auf dem Weg und weit gediehen sei - schlieĂlich seien entsprechende Forderung alles andere als neu. Im Fall Taleb A. hat Lindholz vor allem noch eine Frage: «Was war zwischen 2006 und 2023?» Denn A. kam schon vor fast 20 Jahren nach Deutschland. Ăber die Jahre zwischen diesem Zeitpunkt und 2023 schweigt sich die Chronologie aus.





