Durchbruch im US-Kongress - Kiew sieht Milliarden als Hilfe fĂŒr Sieg
21.04.2024 - 15:05:02(neu: mehr Details und Hintergrund)
WASHINGTON/KIEW/MOSKAU (dpa-AFX) - Applaus und Ukraine-FĂ€hnchen im US-Kongress: FĂŒr die Ukraine sind nach monatelangem Stillstand neue Milliardenhilfen zum Greifen nah. Das US-ReprĂ€sentantenhaus billigte am Wochenende mit ĂŒberparteilicher Mehrheit ein Hilfspaket von 61 Milliarden US-Dollar (57 Milliarden Euro), das auch dringend benötigte Waffenlieferungen zur Verteidigung gegen Russland enthĂ€lt. Damit folgte die Parlamentskammer einer Forderung von US-PrĂ€sident Joe Biden. Die nötige Zustimmung des Senats gilt als sicher.
In der Ukraine und bei den VerbĂŒndeten der USA wurde die Nachricht mit groĂer Erleichterung aufgenommen. PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj lobte vor allem den republikanischen Vorsitzenden, Mike Johnson, der dem Hilfspaket zum Durchbruch verhalf, weil er es ĂŒberhaupt zur Abstimmung stellte. Monatelang hatte er sich gegen die Hilfen gestemmt. Bundeskanzler Olaf Scholz sprach von einem "starken Signal in dieser Zeit". Nato-GeneralsekretĂ€r Jens Stoltenberg lobte das US-Votum als eine Investition in die Sicherheit der Staaten des MilitĂ€rbĂŒndnisses.
Das US-ReprĂ€sentantenhaus verabschiedete auĂerdem UnterstĂŒtzung in Milliardenhöhe fĂŒr Israel und Taiwan. Kiew schöpft nach mehr als zwei Jahren Kampf gegen den russischen Angriffskrieg wieder mehr Hoffnung auf einen Sieg.
"Demokratie und Freiheit werden immer eine globale Bedeutung haben und niemals scheitern, solange Amerika hilft, sie zu schĂŒtzen", sagte Selenskyj. "Das ist eine Entscheidung, die uns das Leben rettet." Der ukrainische Verteidigungsminister Rustem Umjerow schrieb, dass die ganze Welt auf diese Entscheidung gewartet habe, "die den Sieg gegen den russischen Aggressor nĂ€her bringen wird".
US-Hilfen haben fĂŒr Ukraine enorme Bedeutung
Die USA gelten als wichtigster VerbĂŒndeter der Ukraine im Abwehrkampf gegen die russische Invasion. Die bisherigen US-MilitĂ€rhilfen fĂŒr die Ukraine sind ausgelaufen - Kiew ist auf die UnterstĂŒtzung der Amerikaner angewiesen. US-PrĂ€sident Biden forderte den Senat auf, in dem seine Demokraten die Mehrheit haben, nun schnell zu handeln. Mit Abstimmungen wird ab Dienstag gerechnet, Mittwoch könnten die Hilfen auf Bidens Schreibtisch landen. Der Demokrat kĂŒndigte an, die Pakete dann sofort zu unterzeichnen.
Seit Kriegsbeginn im Februar 2022 hat die Regierung von PrĂ€sident Biden militĂ€rische Hilfe im Umfang von mehr als 44 Milliarden US-Dollar fĂŒr Kiew bereitgestellt. Hinzu kommen noch weitere Milliarden an nichtmilitĂ€rischer Finanzhilfe. Vor dem Kongress in Washington versammelten sich nach der Abstimmung ĂŒber das neue Hilfspaket zahlreiche Menschen mit Ukraine-Flaggen und riefen "Danke, USA!".
Das neue Paket sieht unter anderem Mittel fĂŒr die Aufstockung des US-MilitĂ€rbestands vor. Dieses Geld geht somit indirekt an die Ukraine, da die USA das von Russland angegriffene Land in der Regel mit AusrĂŒstung aus ihren BestĂ€nden ausstatten. Der Rest ist fĂŒr weitere militĂ€rische UnterstĂŒtzung und Finanzhilfe auch in Form von Darlehen vorgesehen. Der Text dringt auch auf die Lieferung weittragender Raketensysteme vom Typ ATACMS.
Ukraine will mit US-Hilfe MilitÀr und Wiederaufbau finanzieren
Der ukrainische Regierungschef Denys Schmyhal teilte mit, dass von dem Paket etwa 50 Milliarden US-Dollar (rund 47 Milliarden Euro) fĂŒr die Verteidigung der Ukraine ausgegeben werden sollten. 7,8 Milliarden US-Dollar seien vorgesehen, um den Staatshaushalt der Ukraine zu stĂŒtzen. 1,57 Milliarden US-Dollar wiederum seien als Wirtschaftshilfe geplant und 400 Millionen US-Dollar zum Schutz der Grenzen und fĂŒr die MinenrĂ€umung. Von dem Geld solle auch die Wiederherstellung der wichtigen Infrastruktur finanziert werden. Russland hatte zuletzt mit Raketen- und Drohnenangriffen vor allem die Energieanlagen des Landes zerstört oder beschĂ€digt.
Russland: US-Hilfe wird Kiews Niederlage nicht verhindern
Russland kritisierte die Entscheidung in den USA. Damit wird aus russischer Sicht der Krieg verlĂ€ngert. "Es gibt nichts zu feiern", teilte der stellvertretende russische Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York, Dmitri Poljanski, mit. Moskau wirft Washington immer wieder vor, die Ukraine und den Krieg zu benutzen, sich selbst mithilfe der RĂŒstungsproduktion zu bereichern und Russland zerstören zu wollen. "Die Entscheidung, der Ukraine Hilfe zu leisten, war erwartbar und wurde vorhergesagt. Sie wird die Vereinigten Staaten von Amerika weiter reich machen und die Ukraine weiter zugrunde richten, sie wird zu noch mehr toten Ukrainern fĂŒhren", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.
Westliche MilitÀrexperten sehen Hilfe als Wendepunkt
Westliche MilitĂ€rexperten erwarten nun eine Zunahme russischer Raketen- und Drohnenangriffe in den kommenden Wochen. Russland werde die aktuellen materiellen und personellen EinschrĂ€nkungen des ukrainischen MilitĂ€rs und den ungewöhnlich trockenen FrĂŒhling ausnutzen, bis sich das Fenster schlieĂe und die US-Hilfe tatsĂ€chlich eintreffe, hieĂ es in einer Analyse des US-Instituts fĂŒr Kriegsstudien (ISW) in Washington.
Allerdings gebe es fĂŒr die Russen bisher nur einzelne taktische Erfolge bei den Offensivoperationen und keinen Durchbruch an der Frontlinie. Nach EinschĂ€tzung der ISW-Experten ist die US-MilitĂ€rhilfe ein Wendepunkt in dem Krieg. Doch habe auch Russland Reserven. "Der Kreml ist nach wie vor in der Lage, seine Wirtschaft und Bevölkerung weiter zu mobilisieren, um seine Kampagne zur Zerstörung der ukrainischen Staatlichkeit und IdentitĂ€t zu unterstĂŒtzen", hieĂ es.
Streit um Ukraine-Hilfen in den USA
In den USA kam der Durchbruch nicht leicht zustande. Etliche Republikaner lehnen weitere US-Hilfen fĂŒr die Ukraine vehement ab. Sie argumentieren, die US-Regierung sollte das Geld stattdessen fĂŒr die Sicherung der SĂŒdgrenze zu Mexiko ausgeben. Befeuert wurde diese Haltung auch immer wieder von Ex-PrĂ€sident Donald Trump, dessen AnhĂ€nger in der Partei besonders lautstark gegen die Ukraine-Hilfen wettern.
Monatelang hat sich der Vorsitzende des ReprĂ€sentantenhauses, Johnson, bei dem Thema nicht bewegt und von radikalen Parteikollegen vor sich hertreiben lassen. Die Republikaner haben eine hauchdĂŒnne Mehrheit in der Kammer. Daher ist es schwierig, an ihnen vorbei ein Votum zu erzwingen. Nun war es Johnson, der die Abstimmung möglich gemacht hat. Seinen Sinneswandel begrĂŒndete er damit, auf der richtigen Seite der Geschichte stehen zu wollen. Einige radikale Republikaner fordern seinen RĂŒcktritt. Ihm könnte auch eine Abwahl drohen.
Wie gespalten die Fraktion der Republikaner ist, zeigte sich bei der Abstimmung am Samstag. Es stimmten 112 Republikaner gegen das Hilfspaket fĂŒr die Ukraine, 101 dafĂŒr. Bidens Demokraten hingegen stimmten geschlossen fĂŒr den Gesetzesentwurf. Nach der Abstimmung wedelten einige Abgeordnete im Plenum mit Ukraine-Flaggen und applaudierten. Sie wurden vom Sitzungsleiter zur Ordnung gerufen. Johnson kritisierte die Abgeordneten und sagte: "Wir sollten nur mit einer Flagge im Plenum wedeln."

