Stark-Watzinger lehnt RĂŒcktritt in Fördergeld-AffĂ€re ab
17.06.2024 - 17:05:56Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger hat Forderungen nach einem RĂŒcktritt im Zusammenhang mit einer Fördergeld-AffĂ€re zurĂŒckgewiesen. «Dazu sehe ich keine Veranlassung», sagte die FDP-Politikerin vor Journalisten in Berlin. «Ich habe den betreffenden Auftrag, förderrechtliche Konsequenzen prĂŒfen zu lassen, nicht erteilt und auch nicht gewollt», sagte die Ministerin. Zu weiteren HintergrĂŒnden Ă€uĂerte sie sich trotz mehrfacher kritischer Nachfragen nicht. Aus der Union hatte es zuvor scharfe Kritik an Stark-Watzinger und auch eine RĂŒcktrittsforderung gegeben. Wissenschaftler sehen das Vertrauen zu ihr erschĂŒttert.
Die Geschichte ist komplex, reicht einige Wochen zurĂŒck und hatte am Sonntagabend ihren vorlĂ€ufigen Höhepunkt, als Stark-Watzinger bekanntgab, sich von ihrer StaatssekretĂ€rin Sabine Döring zu trennen. Es sei ein personeller Neuanfang nötig, schrieb sie in einer Mitteilung. StaatssekretĂ€re sind nach den Ministern die ranghöchsten Beamten in Ministerien. Das Bundesbildungsministerium hat vier davon. Der Rauswurf war eine Konsequenz aus dem Umgang im Ministerium mit einem offenen Brief von Hochschullehrern zum Nahost-Konflikt.
Kontroverse um Berliner Protestbrief nach RĂ€umung von Camp
Die AffĂ€re steht im Kontext der gesellschaftlichen Kontroverse, die sich nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober und im Zuge des folgenden Gaza-Krieges auch in Deutschland entwickelte. An UniversitĂ€ten kam es zu Protesten. Im Mai hatten mehr als 100 Dozenten mehrerer Berliner Hochschulen einen offenen Brief geschrieben und darin die RĂ€umung eines Protestcamps propalĂ€stinensischer Demonstranten an der Freien UniversitĂ€t Berlin kritisiert. «UnabhĂ€ngig davon, ob wir mit den konkreten Forderungen des Protestcamps einverstanden sind, stellen wir uns vor unsere Studierenden und verteidigen ihr Recht auf friedlichen Protest, das auch die Besetzung von Uni-GelĂ€nde einschlieĂt», schrieben sie.
Stark-Watzinger hatte das Schreiben kritisiert und ist nach eigener Aussage «bis heute fassungslos, wie einseitig in diesem Brief der Terror der Hamas ausgeblendet wurde. Und wie dort etwa pauschal gefordert wurde, Straftaten an den UniversitĂ€ten nicht zu verfolgen, wĂ€hrend gleichzeitig antisemitische Volksverhetzung und gewalttĂ€tige Ăbergriffe gegen jĂŒdische MitbĂŒrgerinnen und MitbĂŒrger zu beobachten sind», wie sie am Sonntagabend schrieb. Ăber die Haltung der Ministerin und die der Hochschullehrer, die den Brief gezeichnet hatten, wird seit Wochen vor allem in sozialen Netzwerken kontrovers diskutiert.
E-Mails belasten Ministerin
Die Ministerin geriet nun selbst in den Fokus, nachdem das ARD-Magazin «Panorama» in der vergangenen Woche E-Mails veröffentlichte, aus denen hervorging, dass jemand an hoher Stelle im Ministerium um PrĂŒfung gebeten hatte, inwieweit Aussagen im Protestbrief der Berliner Hochschullehrer strafrechtlich relevant sind und ob das Ministerium als Konsequenz Fördermittel streichen könnte. Aus dem Mailwechsel ergibt sich dem Bericht zufolge, dass Mitarbeiter des Ministeriums Bedenken gegen eine solche PrĂŒfung Ă€uĂerten. Aber schon solche ErwĂ€gungen sind nach Ansicht von Kritikern ein Eingriff in die vom Grundgesetz garantierte Freiheit der Wissenschaft.Â
Stark-Watzinger Ă€uĂerte sich lange nicht zum Thema und teilte dann am Sonntagabend mit, dass es tatsĂ€chlich eine solche PrĂŒfbitte bei den zustĂ€ndigen Fachreferaten ihres Ministeriums gab und dass dieser PrĂŒfauftrag von StaatssekretĂ€rin Döring veranlasst worden sei. Als Konsequenz muss diese jetzt ihren Posten rĂ€umen. Nach eigenen Angaben erfuhr Stark-Watzinger von der betreffenden E-Mail mit der PrĂŒfbitte erst am vergangenen Dienstag. «Ich verteidige die Wissenschaftsfreiheit in jede Richtung. Wissenschaftsförderung erfolgt nach wissenschaftlichen Kriterien, nicht nach politischer Weltanschauung. Das ist ein Kernprinzip der Wissenschaftsfreiheit», teilte sie mit.Â
Prien spricht von «Bauernopfer»
Diskutiert wird darĂŒber, ob die Entlassung Dörings fĂŒr die Ministerin ein Befreiungsschlag sein kann und ob sie wirklich nicht in die VorgĂ€nge rund um die betreffende E-Mail eingebunden war. Schleswig-Holsteins Bildungsministerin und CDU-Vize Karin Prien â die Stark-Watzinger auch bei anderen Themen immer wieder hart kritisiert â schrieb bei X, StaatssekretĂ€rin Döring werde «zum Bauernopfer gemacht», damit zeige sich Politik von ihrer hĂ€sslichen Seite. Der bildungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Thomas Jarzombek erklĂ€rte, Stark-Watzinger habe recht, dass ein personeller Neuanfang im Ministerium notwendig sei. «Sie muss diesen Schritt jetzt selbst vollziehen», forderte er.Â
Der PrĂ€sident des Deutschen Hochschulverbands, Lambert Koch, sagte der «Rheinischen Post»: «Dass ihre StaatssekretĂ€rin in einer politisch so sensiblen Angelegenheit ohne ihr Wissen einen PrĂŒfauftrag vergibt, ist wenig glaubwĂŒrdig.» Das Vertrauen zu Stark-Watzinger innerhalb der Wissenschaft sei erschĂŒttert.
Koalitionspartner SPD und GrĂŒne halten sich mit offener Kritik zurĂŒck
Die Koalitionspartner SPD und GrĂŒne verzichteten auf offene Kritik an der FDP-Ministerin. «Es ist gut, dass Bundesministerin Stark-Watzinger jetzt aufklĂ€rt und schwerwiegende Konsequenzen zieht», sagte der bildungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Oliver Kaczmarek. Nun mĂŒsse verloren gegangenes Vertrauen zurĂŒckerkĂ€mpft und sichergestellt werden, dass sich solche VorgĂ€nge nicht wiederholten. Ăhnlich Ă€uĂerte sich der Vorsitzende des Bundestagbildungsausschusses, Kai Gehring (GrĂŒne). Es sei wichtig, dass sich die Spitze des Hauses klar zur Wissenschaftsfreiheit bekannt habe. «Dieser klare Weg muss nun glaubwĂŒrdig fortgesetzt werden, um verloren gegangenes Vertrauen wiederherzustellen.»





