Vorsorgliche Festnahmen zeigen islamistische Terrorgefahr
01.12.2023 - 16:53:22Drei Festnahmen innerhalb einer Woche. Drei junge beziehungsweise jugendliche TatverdĂ€chtige. Die mutmaĂlichen Anschlagsziele: WeihnachtsmĂ€rkte. Der erste Hinweis auf mögliche Terrorszenarien kam jeweils aus dem Ausland. Was ist da los?
Terrorexperten in den Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass ein Zusammenhang mit der Eskalation des Nahost-Konflikts besteht, der von Muslimen und Arabern teils anders wahrgenommen wird als von der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Damit ist nicht unbedingt der von der Hamas orchestrierte brutale Terrorangriff gemeint, bei dem in Israel am 7. Oktober mehr als 1200 Menschen getötet und etwa 240 Geiseln genommen worden waren. Vielmehr wird die wenige Tage spĂ€ter begonnene israelische MilitĂ€roffensive im Gazastreifen als unverhĂ€ltnismĂ€Ăig wahrgenommen, was Terrorgruppen, die auf der Suche nach Sympathisanten und AttentĂ€tern sind, fĂŒr ihre Zwecke auszunutzen versuchen.
Terrorpropaganda, die bereits die Koranverbrennungen in Schweden zum Anlass fĂŒr eine Aufstachelung gegen alles «Westliche» genutzt habe, bediene nunmehr aktiv das «Narrativ des vermeintlich nötigen "Schutzes der Al-Aqsa-Moschee" in Jerusalem und den Kampf gegen Israel und das Judentum», hieĂ es diese Woche in einer Mitteilung des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz. Dabei mĂŒssen Terrorgruppen wie Al-Kaida oder die Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zum Teil erhebliche ideologische Verrenkungen machen, haben sie doch die aus der Muslimbruderschaft entstandene Hamas in der Vergangenheit oft als zu lasch und jenseits der eigenen salafistischen Lehre geschmĂ€ht.
Dass die Entwicklung in Nahost direkte Auswirkungen auf die Sicherheitslage in Deutschland haben wĂŒrde, war direkt nach dem brutalen Ăberfall der islamistischen Hamas am 7. Oktober klar. Zwischen den Verantwortlichen liefen schon an jenem Wochenende intensive GesprĂ€che. Schutzkonzepte fĂŒr jĂŒdische Einrichtungen und andere mögliche Ziele wurden ĂŒberdacht, bekannte islamistische GefĂ€hrder wieder stĂ€rker in den Blick genommen. Eine sogenannte Sonderauswertung wurde in Gang gesetzt.
Hamas und Netzwerk Samidoun verboten
Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) verweist in diesem Zusammenhang auch auf die VerbotsverfĂŒgungen gegen die Hamas und das palĂ€stinensische Netzwerk Samidoun, die sie am 2. November ausgesprochen hat. Zwar erwarten Terrorismusexperten nicht, dass Menschen, die diesen beiden Gruppierungen zugerechnet werden, in Deutschland AnschlĂ€ge verĂŒben. Die durch ein solches Verbot möglichen MaĂnahmen zur Verhinderung sogenannter PropagandaaktivitĂ€ten von Hamas und Samidoun, online und offline, hĂ€tten aber schon einen Effekt, heiĂt es aus dem Ministerium.
In der Regel braucht es bei EinzeltĂ€tern oder Kleingruppen, die sich innerhalb kurzer Zeit radikalisieren, aber mehr, um aus einer SolidaritĂ€t mit den mehrheitlich muslimischen PalĂ€stinensern eine aggressiv-militante Haltung entstehen zu lassen, die dann zu Vorbereitungen fĂŒr einen Terroranschlag fĂŒhren. HĂ€ufig kommen Entwurzelung, ein selbstempfundenes Scheitern, eine Trennung oder Ă€hnliche persönliche Frustrationserlebnisse hinzu.
«Weiches Ziel»: Viele Menschen, keine Einlasskontrolle
Dass sowohl die beiden Jugendlichen, die am Montag in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg von der Polizei abgeholt wurden, als auch der in Niedersachsen in Gewahrsam genommene Iraker mutmaĂlich WeihnachtsmĂ€rkte ansteuern wollten, hat nach EinschĂ€tzung der Sicherheitsbehörden nichts mit dem christlichen Hintergrund dieser Veranstaltungen zu tun. Vielmehr gehe es wohl darum, ein «weiches Ziel» anzusteuern, also einen Ort, wo viele Menschen ohne Einlasskontrolle zusammenkommen.
AuĂerdem kann womöglich nicht ausgeschlossen werden, dass die drei VerdĂ€chtigen den Terroranschlag vom 19. Dezember 2016 imitieren wollten. Damals hatte ein abgelehnter Asylbewerber aus Tunesien einen gestohlenen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz an der Berliner GedĂ€chtniskirche gesteuert. Infolge des Anschlags starben 13 Menschen.
Dass diese grausame Tat in den Köpfen vieler Islamisten noch prÀsent ist, hat sich beispielsweise nach dem Attentat von Brokstedt gezeigt. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten Ibrahim A. vor, am 25. Januar 2023 nahe des Bahnhofs von Brokstedt eine 17-JÀhrige und ihren zwei Jahre Àlteren Freund erstochen zu haben. Zwei weitere Frauen und zwei MÀnner erlitten schwere Verletzungen. Nach der Festnahme des PalÀstinensers wurde bekannt, dass er zuvor wÀhrend eines Aufenthalts in einer Hamburger Haftanstalt positiv auf den AttentÀter von Berlin Bezug genommen haben soll.
Frankreich erhöht Terrorwarnstufe
Deutschland ist nicht alleine betroffen. In der Analyse des Verfassungsschutzes heiĂt es: «In verschiedenen europĂ€ischen NachbarlĂ€ndern sind in den vergangenen Wochen TerroranschlĂ€ge erfolgt, deren TĂ€ter teils ausdrĂŒcklich Bezug auf den Nahost-Konflikt nahmen.» Mehrere EU-Staaten - darunter Frankreich - hatten vor diesem Hintergrund zuletzt ihre nationale Terrorwarnstufe erhöht.
Die «Nahost-Konfrontation und die Auswirkungen auf Deutschland» steht auch auf der Tagesordnung der Herbstkonferenz der Innenminister von Bund und LÀndern, die Berlin in der kommenden Woche ausrichtet. Dazu werden der PrÀsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, und Israels Botschafter, Ron Prosor, erwartet.
In den Beratungen zur geplanten Reform des Staatsangehörigkeitsrechts hatten Vertreter der Ampel-Koalition in den vergangenen Tagen betont, in dem vom Kabinett vorgelegten Gesetzentwurf werde explizit erwĂ€hnt, dass jemand, der wegen einer antisemitisch motivierten Straftat verurteilt wurde, nicht eingebĂŒrgert werden kann. Sachsen-Anhalts Innenministerin, Tamara Zieschang, wĂŒrde gerne noch einen Schritt weiter gehen. Sie schlĂ€gt vor, die EinbĂŒrgerungstests «um Fragen zur besonderen Verantwortung fĂŒr jĂŒdisches Leben in Deutschland und zum Existenzrecht Israels zu ergĂ€nzen». Im GesprĂ€ch mit der Deutschen Presse-Agentur sagt die CDU-Politikerin: «Bei antisemitischen Einstellungen ist die EinbĂŒrgerung zu versagen.»


