Regierungsplan fĂŒr mehr gesĂŒndere ErnĂ€hrung im Alltag
17.01.2024 - 16:48:42"Ich will, dass jeder eine echte Wahl fĂŒr gutes Essen bekommt", sagte Agrarminister Cem Ăzdemir (GrĂŒne) am Mittwoch. Das Kabinett beschloss dazu eine Strategie mit Zielen und MaĂnahmen, die auch auf mehr Obst und GemĂŒse und weniger LebensmittelabfĂ€lle setzen. VerbraucherschĂŒtzer, Umwelt- und Gesundheitsexperten kritisierten die PlĂ€ne als enttĂ€uschend.
"Leckeres, gesundes und nachhaltiges Essen darf nicht vom Geldbeutel abhĂ€ngen oder davon, aus welcher Familie man kommt", sagte Ăzdemir in Berlin. Und fĂŒgte gleich noch zur Klarstellung hinzu: "Entscheiden muss sich dann jeder selbst, da hat niemand jemandem etwas vorzuschreiben." Denn um einen "Kulturkampf" solle es ausdrĂŒcklich nicht gehen, machte der Minister mit Blick auf Debatten deutlich, ob noch Schnitzel oder Kaffee mit Zucker auf dem Tisch sein dĂŒrfen.
Ansetzen soll die Strategie "Gutes Essen fĂŒr Deutschland" besonders an Orten, wo jeden Tag viele Menschen essen, trinken oder einkaufen - in Firmen, Schulen, Kitas, SupermĂ€rkten. Gesunde ErnĂ€hrung werde da nicht immer leicht gemacht, erlĂ€uterte Ăzdemir. Oft fehle auch ein entsprechendes Angebot. Dabei sei Handlungsbedarf da: Mehr als jeder zehnte Mensch hierzulande habe Diabetes, ungesunde ErnĂ€hrung werde mit 14 Prozent der TodesfĂ€lle in Verbindung gebracht. Die Strategie fĂŒhrt verschiedene MaĂnahmen auf - mit einem "Zielhorizont bis 2050".
Zentrale Rolle fĂŒr Kantinen und Mensen
Eine wichtige Rolle sollen Kantinen und Mensen in Unternehmen und anderen Einrichtungen spielen, in denen am Tag rund 17 Millionen Menschen essen. Dort sollen mehr pflanzliche, saisonale und möglichst regionale und ökologisch erzeugte Produkte auf die SpeiseplĂ€ne kommen und auch "so angeboten werden, dass junge Menschen sie gerne zu sich nehmen", wie es in der Strategie heiĂt. Die QualitĂ€tsstandards und praktischen Tipps der Deutschen Gesellschaft fĂŒr ErnĂ€hrung (DGE) sollen demnach bis 2030 verbindlich etabliert werden.
Das Netz der Bildungseinrichtungen liegt zwar in Regie der LĂ€nder. Einen Impuls dazu gab am Wochenende aber auch der beim Bundestag angesiedelte erste BĂŒrgerrat, der ein kostenfreies, gesundes Mittagessen fĂŒr alle Kinder an Kitas und Schulen empfahl. Der Bund sollte das mindestens zur HĂ€lfte finanzieren. Ăzdemir lieĂ Sympathie dafĂŒr erkennen und machte klar, dass in einer groĂen Volkswirtschaft wie Deutschland Wege zur Finanzierung zu finden sein sollten. Und es wĂ€re auch schon etwas, wenn der Bund als Nachfragefaktor aktiv werde, etwa bei den Standorten von Bundeswehr und Bundespolizei.
Keine Werbung mehr fĂŒr ungesunde Produkte
Die Strategie enthĂ€lt auch, dass die Regierung BeschrĂ€nkungen bei der Werbung fĂŒr ungesĂŒndere Produkte an die Adresse von Kindern plant. Nur steckt das Vorhaben aus dem Koalitionsvertrag seit Monaten wegen EinwĂ€nden der FDP fest. Ăzdemir warb fĂŒr die ĂŒberarbeiteten PlĂ€ne, ĂŒber die weiter zu reden sei. "Ich stehe da im Wort", machte er klar. Es wĂ€re "ein Treppenwitz der Geschichte", wenn man keine Lösung fĂ€nde. Ăzdemir hat die Vorgaben schon enger gefasst. Werbeverbote fĂŒr Produkte mit zu viel Zucker, Fett und Salz sollen demnach auf Zeiten konzentriert werden, wenn besonders viele Kinder Fernsehen schauen.
Die Verbrauchzentralen begrĂŒĂten es, dass die Bundesregierung den Handlungsbedarf erkannt habe. Die Strategie sei "ein erster Schritt", entscheidend aber die Umsetzung. Die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) erklĂ€rten, bei konkreten MaĂnahmen bleibe die Strategie schwammig. Es sei fraglich, ob die ErnĂ€hrungswende so erreicht werden könne. Die Umweltorganisation WWF monierte, die PlĂ€ne blieben unverbindlich. Denkbar wĂ€re etwa ein Bundesinvestitionsprogramm mit Eigenanteilen der LĂ€nder fĂŒr die Umstellung auf eine nachhaltige Gemeinschaftsverpflegung in Kitas, Schulen oder KrankenhĂ€usern.
In der Koalition fielen die Reaktionen gemischt aus. FĂŒr die SPD nannte die Abgeordnete Peggy Schierenbeck die Strategie einen "Meilenstein fĂŒr die soziale Gerechtigkeit, wenn wir sie wirksam und nachhaltig umsetzen". Der FDP-Fachpolitiker Gero Hocker sprach indes von einem "Sammelsurium aus AbsichtserklĂ€rungen und PrĂŒfauftrĂ€gen". Wenn es im Parlament um konkrete MaĂnahmen gehe, werde er sich jeder Bevormundung von Landwirtschaft und Verbrauchern entgegenstellen.

