BĂ€umen, Eichen

Özdemir: «Einer von fĂŒnf BĂ€umen ist gesund»

13.05.2024 - 07:56:09

Wenn Eichen, Buchen oder Fichten krank sind, kann man das auch an den Baumkronen erkennen. Dazu gibt es nun wieder neue amtliche EinschÀtzungen.

Trockenheit, Hitze, SchĂ€den durch KĂ€fer: Die deutschen WĂ€lder stehen weiter unter hohem Klimastress. Bei den hĂ€ufigsten Arten Fichte, Kiefer, Buche und Eiche sind vier von fĂŒnf BĂ€umen krank, wie eine Erhebung des Bundesagrarministeriums fĂŒr 2023 ergab. «Der Wald entwickelt sich zum Dauerpatienten», sagte Ressortchef Cem Özdemir (GrĂŒne) in Berlin. Nötig sei «eine Langzeitkur», um zu mehr MischwĂ€ldern zu kommen. Auch UmweltverbĂ€nde und WaldeigentĂŒmer dringen auf einen Umbau zu widerstandsfĂ€higeren Forsten.

Die WĂ€lder seien «massiv von der Klimakrise getroffen», sagte Özdemir. Auch wenn es zuletzt mehr Regen ĂŒber den Winter gegeben habe, bleibe die Tendenz: «Es geht unserem deutschen Wald nicht gut.» Noch immer sind viele BĂ€ume demnach auch von trockenen Jahren seit 2018 geschwĂ€cht. Dabei werde gesunder Wald dringend gebraucht - auch als «Klimaanlage», wenn BĂ€ume Kohlenstoff im Holz binden, sagte der Minister. Daneben seien WĂ€lder mit ihren Tieren, Farnen und Moosen Horte der Artenvielfalt, Orte zum Spazierengehen und der Ruhe - und Arbeitsplatz fĂŒr viele Menschen. Wald bedeckt rund ein Drittel der gesamten FlĂ€che Deutschlands.

BaumschÀden weiter auf hohem Niveau

«Insgesamt befinden sich die SchĂ€den weiterhin auf einem sehr hohen Niveau», heißt es in der neuen Erhebung fĂŒr 2023. Im Vergleich zu 2022 hĂ€tten sich «keine deutlichen Verbesserungen des Waldzustands eingestellt, aber auch keine deutlichen Verschlechterungen». Die jĂ€hrliche Untersuchung wird seit 1984 von den LĂ€ndern ĂŒber ein Netz von Stichproben vorgenommen. Dabei wird jeweils von Mitte Juli bis Mitte August die Blattmasse der Kronen taxiert und vier «Schadstufen» zugeordnet. Diesmal waren es 9688 BĂ€ume an 402 Punkten. Das bundeseigene ThĂŒnen-Institut rechnet die Daten dann zu einem deutschlandweiten Ergebnis hoch. 

Wie dicht Laub oder Nadeln sind, gilt als ein Indikator fĂŒr den Gesundheitszustand. Und die neuen Befunde zeigten nur geringe Änderungen. «Deutliche» SchĂ€den hatten demnach im vergangenen Jahr ĂŒber alle Arten hinweg 36 Prozent der BĂ€ume - nach 35 Prozent im Jahr 2022. Bei ihnen war verglichen mit gesunden BĂ€umen schon mehr als ein Viertel der Krone kahl. Zur «Warnstufe» mit einer schwachen Kronenverlichtung von 11 bis 25 Prozent gehörten weiterhin 44 Prozent der BĂ€ume. Volle Kronen hatten noch 20 Prozent, nach zuvor 21 Prozent.

Nur bei Kiefern leichte Verbesserung

«Vor allem unsere Ă€lteren BĂ€ume ĂŒber 60 Jahre sind von Schaderscheinungen betroffen, doch auch bei den jĂŒngeren BĂ€umen zeigt sich ein negativer Trend», heißt es in der Erhebung. Besonders im Blick stehen vier Hauptarten, die zusammen drei Viertel aller BĂ€ume ausmachen. Nur bei Kiefern wurden nun leichte Verbesserungen festgestellt - der Anteil mit deutlichen SchĂ€den sank von 28 Prozent auf 24 Prozent. Bei Fichten stieg er um drei Prozentpunkte auf 43 Prozent, bei Buchen um einen Punkt auf 46 Prozent und bei Eichen um vier Prozentpunkte auf 44 Prozent.

Den Wald besser fĂŒr den Klimawandel zu wappnen, sei ein Generationenprojekt, machte Özdemir klar - und Waldbesitzer sollten bei dieser «Mammutaufgabe» nicht allein gelassen werden. In diesem Jahr seien daher 250 Millionen Euro an Förderung vorgesehen. 

Generell geht es vor allem darum, Monokulturen in gemischte WĂ€lder zu verwandeln und so Risiken zu verringern. Sie seien stabiler und weniger anfĂ€llig, erlĂ€uterte Expertin Nicole Wellbrock vom ThĂŒnen-Institut. Unter anderem könne das NĂ€hrstoffangebot im Boden durch verschiedene Wurzeltiefen besser genutzt werden. Bei Monokulturen könnten sich etwa BorkenkĂ€fer schnell hindurchfressen.

Freiraum oder mehr Vorgaben fĂŒr Förster?

Özdemir bereitet auch eine Reform des fast 50 Jahre alten Bundeswaldgesetzes vor, die mehr Klimaschutz mit wirtschaftlichen Perspektiven fĂŒr Waldbesitzer vereinen soll. FDP-Fraktionsvize Carina Konrad sagte der Deutschen Presse-Agentur, der Wald sei ein Patient, der dringend Hilfe benötige. «Ihn sich selbst zu ĂŒberlassen, wĂ€re eine unterlassene Hilfeleistung.» DafĂŒr gelte es, Waldbauern mehr Freiraum zu geben. Ein resilienter Wald mĂŒsse auch nichtheimische Baumarten integrieren, denn nicht alle einheimischen könnten zunehmenden Extremwetterlagen standhalten. 

Umweltorganisationen mahnten eine Wende an. Der WWF monierte, zentraler Grund der Misere sei, dass der Wald jahrzehntelang vor allem als schneller Holzlieferant gesehen worden sei. Greenpeace erklĂ€rte, Özdemir habe die historische Chance, das bestehende «Abholz-Gesetz» in ein «Waldschutz-Gesetz» umzuwandeln. Der Naturschutzbund forderte «zeitgemĂ€ĂŸe Vorgaben» etwa fĂŒr ein Kahlschlagverbot und ein EntwĂ€sserungsverbot. Der Verband der WaldeigentĂŒmer erklĂ€rte, dass nicht die rechtlichen Bedingungen Ursache der SchĂ€den seien, sondern der Klimawandel. Es brauche keine zusĂ€tzliche Regulierung, die den notwendigen Waldumbau lĂ€hme.

Die Temperatur in Deutschland ist nach Berechnungen des Deutschen Wetterdienstes seit der vorindustriellen Zeit um 1880 statistisch gesichert um 1,6 Grad gestiegen. Die fĂŒnf wĂ€rmsten Jahre seitdem waren nach dem Jahr 2000. Die Temperaturen hierzulande sind damit deutlich stĂ€rker gestiegen als im weltweiten Durchschnitt (etwa 1,2 Grad).

@ dpa.de