Zuckersteuer: Kanzleramt stoppt Klingbeils Entwurf
Veröffentlicht am: 01.10.2026 um 14:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDas Kanzleramt hat den Entwurf von Finanzminister Lars Klingbeil fĂŒr eine Zuckersteuer auf zuckerhaltige GetrĂ€nke vorerst gestoppt und damit einen ungewöhnlich deutlichen RĂŒffel des Kanzlers an seinen Vizekanzler ausgelöst.
Steuer ab Juli 2027 geplant
Klingbeil hatte den Gesetzentwurf zur Abstimmung unter den Ministerien gegeben. Vorgesehen ist eine EinfĂŒhrung zum 1. Juli 2027 fĂŒr GetrĂ€nke mit mindestens fĂŒnf Gramm Zucker pro 100 Milliliter.
Die Steuer soll in drei Stufen zwischen 26 und 38 Cent je Liter liegen. Das Finanzministerium erwartet Einnahmen von 945 Millionen Euro im ersten Jahr, 1,155 Milliarden Euro im zweiten Jahr und bis zu 1,18 Milliarden Euro im Jahr 2031.
Zero-GetrÀnke bleiben ausgenommen
Anders als in ersten Ăberlegungen sollen mit Ersatzstoffen gesĂŒĂte Zero-GetrĂ€nke nicht besteuert werden. Auch reine Frucht- und GemĂŒsesĂ€fte, alkoholfreies Bier und alkoholfreier Wein sind nach dem Entwurf ausgenommen.
Ziel der Abgabe sind vor allem Anreize fĂŒr die GetrĂ€nkeindustrie, den Zuckergehalt ihrer Produkte zu senken. ZusĂ€tzliche Einnahmen fĂŒr den Bundeshaushalt spielen ebenfalls eine Rolle.
Kanzleramt verweist auf Koalitionsvereinbarung
Nach Angaben aus Regierungskreisen halte sich Klingbeils Entwurf nicht an den Vorschlag der Finanzkommission Gesundheit, den die Bundesregierung als Grundlage nehmen wollte. In der vorliegenden Form sei das Gesetz deshalb in der Regierung nicht mehrheitsfÀhig.
Die Kommission hatte ebenfalls eine nach Zuckergehalt gestaffelte Steuer empfohlen, allerdings mit anderen SÀtzen und voraussichtlichen Einnahmen von rund 450 Millionen Euro jÀhrlich. Klingbeils Modell sieht dagegen einen Höchstsatz von 38 Cent pro Liter und Einnahmen von etwa einer Milliarde Euro vor.
Widerstand in der Union
Politisch beendet ist das Vorhaben damit nicht. Klingbeil kann den Entwurf ĂŒberarbeiten und erneut zur Abstimmung stellen. Sein Ministerium teilte lediglich mit, die Umsetzung der Zuckersteuer werde weiter abgestimmt.
In der Union gibt es grundsĂ€tzlichen Widerstand gegen die Abgabe. Auch RĂŒbenanbauer und die Lebensmittelbranche wenden sich dagegen. Hessens MinisterprĂ€sident Boris Rhein warnte vor zusĂ€tzlichen Belastungen fĂŒr Verbraucher in einer Zeit hoher Preise.
Belastungsprobe fĂŒr die Koalition
Dass das Kanzleramt einen Entwurf des Vizekanzlers öffentlich zurĂŒckweist, gilt als auĂergewöhnlich. Der Vorgang fĂ€llt in eine angespannte Phase der schwarz-roten Koalition, in der sowohl Kanzler Friedrich Merz als auch SPD-Chef Klingbeil auf Erfolge fĂŒr die eigenen Reihen angewiesen sind.
Ăhnliche Konflikte werden bei der Pflege, der Rente und dem Bundeshaushalt erwartet. Die knappe Mehrheit im Bundestag erschwert zusĂ€tzliche Vorhaben und erhöht den Druck, innerhalb der Koalition frĂŒhzeitig tragfĂ€hige Kompromisse zu finden.
Gesundheitspolitik und Haushaltsfrage
Die geplante Abgabe verfolgt zwei Ziele: Sie soll den Bundeshaushalt stĂ€rken und GetrĂ€nkehersteller dazu bewegen, den Zuckergehalt ihrer Produkte zu senken. Der gesundheitspolitische Ansatz knĂŒpft an die hohe Bedeutung zuckerhaltiger GetrĂ€nke fĂŒr die tĂ€gliche Zuckeraufnahme an. FĂŒr Verbraucher wĂ€re die Steuer vor allem dann spĂŒrbar, wenn Hersteller die Kosten vollstĂ€ndig ĂŒber höhere Preise weitergĂ€ben.
Der Entwurf sieht eine Staffelung nach dem Zuckergehalt vor. Dadurch wĂŒrden stark gesĂŒĂte GetrĂ€nke stĂ€rker belastet als Produkte mit niedrigerem Zuckergehalt. Zero-GetrĂ€nke sowie bestimmte SĂ€fte und alkoholfreie GetrĂ€nke sollen nach den vorliegenden PlĂ€nen ausgenommen bleiben. Die konkrete Belastung einzelner Produkte hĂ€ngt deshalb von Rezeptur, VerpackungsgröĂe und Preisweitergabe ab.
Koalitionspolitischer Test
Mit der Blockade verschiebt sich die Entscheidung von der Ressortabstimmung zurĂŒck auf die politische FĂŒhrungsebene. Klingbeil muss einen Entwurf finden, der den vereinbarten gesundheitspolitischen Zweck erfĂŒllt und zugleich die abweichenden Vorstellungen der Finanzkommission sowie den Widerstand in Teilen der Union berĂŒcksichtigt. Das erschwert einen schnellen Kabinettsbeschluss.
FĂŒr die Koalition ist der Vorgang deshalb mehr als ein Streit ĂŒber SteuersĂ€tze. Die geringe parlamentarische Mehrheit erhöht den Druck auf beide Partner, eigene Erfolge sichtbar zu machen. Bei einer Einigung wĂ€ren anschlieĂend Kabinett, Bundestag und Bundesrat zu beteiligen; bis dahin bleiben Starttermin, Ausnahmen und Höhe der Abgabe politisch verĂ€nderbar.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Tagesspiegel: âEine sĂŒĂe Milliarde: So will Klingbeil zuckerhaltige GetrĂ€nke besteuernâ (30.09.2026)
Der Bericht beschreibe den Entwurf mit einem Start zum 1. Juli 2027, einer Besteuerung ab fĂŒnf Gramm Zucker je 100 Milliliter und Ausnahmen fĂŒr Zero-GetrĂ€nke sowie bestimmte alkoholfreie GetrĂ€nke. Anders als die dpa-Meldung lege er den Schwerpunkt auf die konkrete Ausgestaltung und ergĂ€nze gesundheitspolitische HintergrĂŒnde; die weitere Abstimmung mit Ministerien und LĂ€ndern bleibe offen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
n-tv: âAb 1. Juli 2027 geplant: Zuckersteuer soll Deutschland knapp eine Milliarde Euro Einnahmen bringenâ (30.09.2026)
Nach Darstellung des Beitrags solle die Abgabe dem Staat jÀhrlich rund eine Milliarde Euro einbringen und zwischen 26 und 38 Cent je Liter betragen. Der Artikel bestÀtige die Eckdaten des Entwurfs, setze seinen Schwerpunkt jedoch auf Einnahmen und Gesetzgebungsverfahren und verweise auf den Widerstand in der Unionsfraktion sowie in mehreren LÀndern.
Beide Berichte bestĂ€tigten die geplanten SteuersĂ€tze, den vorgesehenen Starttermin und die Ausnahmen. Der dpa-Bericht stelle darĂŒber hinaus die Blockade durch das Kanzleramt und deren Bedeutung fĂŒr das VerhĂ€ltnis zwischen Merz und Klingbeil heraus; offen bleibe, ob die Ausgestaltung geĂ€ndert und das Vorhaben parlamentarisch mehrheitsfĂ€hig werde.
