Bund-LĂ€nder-Gipfel: Einstieg in einen Deutschlandpakt?
06.11.2023 - 05:21:11 | dpa.de
Es ist der wichtigste Bund-LĂ€nder-Gipfel seit langem: Heute kommt Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mit den Regierungschefs der 16 BundeslĂ€nder zusammen, um vor allem ĂŒber die Kosten fĂŒr Unterbringung und Versorgung von FlĂŒchtlingen sowie die EindĂ€mmung der irregulĂ€ren Migration zu beraten.
Daneben geht es um den Abbau ĂŒberbordender BĂŒrokratie, um Planungsprozesse und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen. Und nicht zuletzt steht die Zukunft des Deutschlandtickets der Bahn auf dem Spiel.
Die Verhandlungen könnten sich bis in die Nacht ziehen - vor allem weil es um viel Geld geht. Am Ende wird man sehen, ob Bund und LÀnder in der Lage sind sich zusammenraufen, um in zentralen innenpolitischen Fragen etwas gemeinsam voranzubringen und einer Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken. Das war die Idee von Kanzler Scholz, als er Anfang September einen Deutschlandpakt zur Modernisierung des Landes vorschlug.
Das Spitzentreffen um 15.00 Uhr im Kanzleramt ist nun die Nagelprobe dafĂŒr. «Der Rechtsruck ist in vollem Gange. Letztendlich entscheidet der Montag nicht unwesentlich ĂŒber die politische Zukunft Deutschlands», mahnt Sachsen-Anhalts MinisterprĂ€sident Reiner Haseloff (CDU).
Weniger Migration: Kostenverteilung und EindÀmmung der Einwanderung
Im Mittelpunkt wird eindeutig das Thema Migration stehen. Dabei geht es zunĂ€chst einmal darum, wer fĂŒr die drastisch gestiegenen Kosten fĂŒr die Aufnahme von FlĂŒchtlingen aufkommen soll. Der Bund will nach Angaben der LĂ€nder seinen Anteil von 3,75 auf 1,25 Milliarden Euro reduzieren. Das wollen diese nicht hinnehmen. In einem Beschluss hatten sie Mitte Oktober eine Pauschale von 1,25 Milliarden Euro sowie pro Migrant mindestens 10.500 Euro verlangt. Die Fronten sind verhĂ€rtet. Wenn die Verhandlungen bis in die Nacht gehen, dann liegt es an diesem Tagesordnungspunkt.
Daneben geht es aber auch darum, dafĂŒr zu sorgen, dass der Zuzug von FlĂŒchtlingen gedrosselt wird. Da gibt es einige Ideen, bei denen die Einigung deutlich leichter fallen dĂŒrfte. So sollen die Verfahren fĂŒr Asylbewerber aus LĂ€ndern mit geringen Anerkennungsquoten deutlich vereinfacht werden. Liegt die Quote unter fĂŒnf Prozent, sollen die Verfahren nur noch drei Monate dauern. AuĂerdem wird es unter anderem um die Umstellung von Bargeldzahlungen auf Sachleistungen fĂŒr Asylbewerber gehen.
Andere VorschlĂ€ge dĂŒrften wenn ĂŒberhaupt eher perspektivisch diskutiert werden. Zum Beispiel der des nordrhein-westfĂ€lischen MinisterprĂ€sidenten Hendrik WĂŒst (CDU), Asylverfahren in DrittlĂ€ndern entlang der Fluchtrouten durchzufĂŒhren - zum Beispiel in Afrika. Dazu mĂŒssten aber erst einmal LĂ€nder gefunden werden, die dazu bereit sind.
Mehr Tempo: Schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren
Wenn CDU und CSU Deutschlandpakt hören, denken sie an die EindĂ€mmung der Migration. FĂŒr Kanzler Scholz ging es dagegen ursprĂŒnglich vor allem darum, mehr Tempo in Planungs- und Genehmigungsverfahren zu bringen, damit Deutschland wettbewerbsfĂ€hig bleibt. Das ist das zweite groĂe Thema bei dem Spitzentreffen.
Es geht darum, wie WindrĂ€der, Stromtrassen, Bahnstrecken und Wohnungen schneller gebaut werden können. Mehr Erneuerbare Energien sollen auch zu gĂŒnstigeren Strompreisen fĂŒhren. Ăber Monate haben Bund und LĂ€nder auf Arbeitsebene die Details ausgearbeitet, die MinisterprĂ€sidenten mĂŒssen aber noch grĂŒnes Licht geben.
FĂŒr mehr Wohnungsbau sollen zum Beispiel die Bauordnungen der LĂ€nder vereinheitlicht werden. Wenn ein Haus in einem Land genehmigt wurde, sollen fĂŒr baugleiche GebĂ€ude woanders weniger umfangreiche Verfahren gelten. Ein Dachgeschoss als Wohnung auszubauen, soll unter bestimmten Bedingungen ohne Genehmigung möglich sein. Der Bau von Mobilfunkmasten soll einheitlich und ebenfalls hĂ€ufiger ohne Genehmigung funktionieren.
Beim Ausbau der Schiene, von Stromnetzen und StraĂen sollen einheitliche Artenschutzstandards gesetzlich festgelegt werden, um schnellere Verfahren zu ermöglichen. UmweltverbĂ€nde wie der Nabu befĂŒrchten, dass viele der PlĂ€ne auf Kosten der Natur gehen. UmweltvertrĂ€glichkeitsprĂŒfungen sollten wegfallen, es solle mehr Ausnahmen beim Artenschutz geben und auch Widerspruchsmöglichkeiten wĂŒrden reduziert.
Deutschlandticket: Wird das Bahnfahren jetzt wieder teurer?
Ums Geld geht es dann wieder beim Deutschlandticket fĂŒr den bundesweiten Nahverkehr. Die LĂ€nder verlangen, dass der Bund mögliche Mehrkosten auch 2024 zur HĂ€lfte ĂŒbernimmt. Vereinbart wurde das nur fĂŒr das EinfĂŒhrungsjahr 2023. Dabei geht es um etwaige EinnahmeausfĂ€lle, die ĂŒber drei Milliarden Euro hinaus gehen.
Diese Summe schieĂen Bund und LĂ€nder schon je zur HĂ€lfte zu, um das Angebot fĂŒr Verkehrsunternehmen wirtschaftlich zu halten. Der Bund hat Erwartungen an neue Zusagen bereits gedĂ€mpft und verweist auf die angespannte Haushaltslage - und dass erst Ende 2024 zu beziffern sei, welche Mehrkosten es wirklich gibt. Eine prinzipielle Option wĂ€re auch, den «EinfĂŒhrungspreis» von 49 Euro im Monat anzuheben. VerbraucherschĂŒtzer warnten schon davor.
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