Was ĂŒber die Tat von Aschaffenburg bekannt ist
23.01.2025 - 10:13:43Eine Vielzahl offener Fragen beschĂ€ftigen Behörden, Politiker und Menschen auch ĂŒber Aschaffenburg hinaus am Tag nach der Messerattacke eines Mannes auf ihm offensichtlich unbekannte Menschen. Ein zweijĂ€hriger Junge und ein 41 Jahre alter Mann starben. Drei weitere Menschen, darunter ein zweijĂ€hriges MĂ€dchen, kamen schwer verletzt in ein Krankenhaus. Politiker dringen derweil auf rasche AufklĂ€rung.Â
Wie ist der Stand der Ermittlungen und was ist ĂŒber den TĂ€ter bekannt?
Als mutmaĂlichen Angreifer hat die Polizei wenige Minuten nach der Tat einen 28 Jahre alten Afghanen festgenommen. Er soll im Laufe des Tages einem Ermittlungsrichter vorgefĂŒhrt werden, der ĂŒber die Frage einer Unterbringung in einer Psychiatrie oder Untersuchungshaft entscheiden soll. Nach ersten Erkenntnissen soll er eine Kindergartengruppe in einem Park gezielt und unvermittelt mit einem KĂŒchenmesser angegriffen haben. Ein 41 Jahre alter Passant soll eingeschritten sein und vom TĂ€ter verletzt worden sein. Er starb spĂ€ter an seinen Verletzungen.
Worauf konzentrieren sich die Ermittler jetzt?
«Es ist alles noch im Fluss», sagte ein Polizeisprecher am Morgen. Man trage nun alle Informationen zusammen, sowohl zum Zustand der drei Schwerverletzten als auch zum Leben des mutmaĂlichen TĂ€ters. «Das klĂ€ren wir gerade ab.» Ăber Familienstand oder etwa Beruf des 28-JĂ€hrigen ist noch nichts an die Ăffentlichkeit gedrungen. Er wohnte zuletzt in einer Asylunterkunft in der Region.
Zudem muss der Tatablauf rekonstruiert werden - mit Hilfe gesicherter Spuren vom Tatort, von Zeugen sowie Bild- und Videomaterial, das Unbeteiligte womöglich vom Geschehen gemacht haben.Â
Die drei Schwerverletzten - ein zweijÀhriges MÀdchen aus Syrien, ein 72-jÀhriger Mann und eine 59 Jahre alte Erzieherin - waren nach der Tat in ein Krankenhaus gekommen. Ob bereits heute jemand die Klinik wieder verlassen kann, stand zunÀchst nicht fest.
Warum war der TĂ€ter noch in Deutschland?
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) nannte dafĂŒr mehrere mögliche GrĂŒnde. Zum einen sei ein sogenanntes Dublin-Verfahren bei dem 28-JĂ€hrigen nicht rechtzeitig abgeschlossen worden. Dieses Verfahren ist Teil des Gemeinsamen EuropĂ€ischen Asylsystems (GEAS) und dient der KlĂ€rung der Frage, welcher europĂ€ische Staat fĂŒr den Asylantrag eines Schutzsuchenden zustĂ€ndig ist. In den meisten FĂ€llen ist dies der Staat, in dem der GeflĂŒchtete zuerst EU-Boden betreten hat.
Erst vor einigen Wochen, Anfang Dezember, habe der Mann dann selbst den Behörden - auch schriftlich - angekĂŒndigt, freiwillig nach Afghanistan zurĂŒckreisen zu wollen, sagte Herrmann. Er wolle sich beim Generalkonsulat Afghanistans um die nötigen Papiere kĂŒmmern. Durch diesen Schritt sei sein Asylverfahren beendet worden, das Bundesamt fĂŒr Migration und FlĂŒchtlinge (Bamf) habe ihn zur Ausreise aufgefordert. Damit war er ausreisepflichtig.
Ob es eine Frist gab, in der er Deutschland hĂ€tte verlassen mĂŒssen, blieb aber unklar - ebenso wie die Frage, welche Rolle seine offenbar andauernde psychiatrische Behandlung beim Zeitpunkt der Ausreise spielte. Klar ist: Der 28-JĂ€hrige blieb trotz seiner AnkĂŒndigung bis zum Angriff im Park in Deutschland.
Ob es ihm gelungen war, die erforderlichen Reisedokumente zu erhalten, ist bislang nicht bekannt.Â
Was ist ĂŒber das Motiv bekannt?
Fest steht noch nichts. Doch die Ermittler gehen vor allem dem Verdacht nach, dass eine psychische Erkrankung des Mannes die Ursache gewesen sein könnte. Der Mann war vor dem Angriff laut Herrmann mindestens dreimal wegen Gewalttaten auffĂ€llig geworden. Jedes Mal sei er zur psychiatrischen Behandlung eingewiesen, spĂ€ter aber wieder entlassen worden. Bei einer Durchsuchung seiner Unterkunft hĂ€tten Ermittler zudem Medikamente zur Behandlung psychischer Krankheiten gefunden. Hinweise auf ein islamistisches Motiv fanden die Ermittler laut Herrmann dagegen nicht.Â
Was bedeutet die Tat fĂŒr den Wahlkampf?Â
Es ist gut möglich, dass so eine schreckliche Tat einen Monat vor der Bundestagswahl auch politische Fragen aufwirft und vor allem den Parteien hilft, die im Wahlkampf eine Reduzierung der Migration und mehr Abschiebungen versprechen. Zumal viele WĂ€hler noch unter dem Eindruck der Todesfahrt von Magdeburg stehen, wo ein Mann aus Saudi-Arabien mit einem Auto auf einem Weihnachtsmarkt sechs Menschen getötet und knapp 300 Menschen verletzt hatte.Â
Dass Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) noch am Abend die Chefs des Verfassungsschutzes, des Bundeskriminalamts und der Bundespolizei ins Kanzleramt beorderte, ist in jedem Fall ungewöhnlich.Â
Die nĂ€chste Bundesregierung wird - unabhĂ€ngig von der sich neu bildenden Koalition - sicher Probleme angehen mĂŒssen, die seit Jahren ungelöst sind: Weshalb scheitern Dublin-Ăberstellungen auch in Staaten, die sich bei der Ăbernahme kooperativ zeigen? Wie kann sichergestellt werden, dass der Datenaustausch und die behördlichen MaĂnahmen funktionieren, wenn es um Menschen geht, die mit Drohungen und Gewalttaten auffallen, aber nicht als Extremisten beobachtet werden? Ist die föderale Arbeitsteilung zwischen dem Bamf, den Behörden der LĂ€nder und den AuslĂ€nderbehörden vor Ort noch zeitgemĂ€Ă, wenn es um die Bearbeitung von schwierigen oder eiligen FĂ€llen geht?





