Protest ohne Ende: VerhÀrtete Fronten zwischen Fans und DFL
04.02.2024 - 11:29:27Mit einem nicht enden wollenden Regen an TennisbĂ€llen protestierten die Fans von Hertha BSC zur besten Sendezeit gegen die Investoren-PlĂ€ne der Deutschen FuĂball Liga. Selbst ein Spielabbruch scheint in dem verfahrenen Streit inzwischen möglich.
Die DFL verteidigt ihre Ăberlegungen als Chance auf Entwicklung und mehr WettbewerbsfĂ€higkeit - und kommt damit bei Teilen der organisierten Fans ĂŒberhaupt nicht an.
Was ist in Berlin beim Zweitliga-Topspiel passiert?
Schon in der ersten Halbzeit flogen TennisbĂ€lle aus dem Hamburger Block auf das Feld. Ab der 53. Minute ging es dann aus der Hertha-Kurve los. Das Spiel war mehr als 30 Minuten unterbrochen und stand kurz vor dem Abbruch. Trainer Pal Dardai und TorhĂŒter Marius Gersbeck versuchten, auf die Fans einzuwirken. Erst nachdem Schiedsrichter Daniel Schlager die Spieler vom Feld geschickt hatte, ebbten die WĂŒrfe ab.Â
«Kein Schiedsrichter und kein Vereinsverantwortlicher will, dass deswegen ein Spiel abgebrochen wird. Letztendlich mĂŒssen wir irgendwann das Spiel fortsetzen», sagte Schlager bei Sport1. «Wenn das dann nicht möglich ist, muss man am Ende auch zur letzten Konsequenz greifen - das wĂ€re der Spielabbruch gewesen. Theoretisch möglich gewesen war es heute definitiv.»Â
Auch beim Spiel Freiburg gegen Stuttgart gab es am Samstag eine rund zehnminĂŒtige Unterbrechung, weil Fans GegenstĂ€nde auf den Rasen warfen. In Köln flogen goldene Schoko-Taler auf den Platz.Â
Bei Hannover 96, wo Mehrheitsgesellschafter Martin Kind wegen seiner UnterstĂŒtzung des Investoren-Einstiegs umstritten ist, warfen AnhĂ€nger am Sonntag ab der 14. Spielminute achtmal TennisbĂ€lle auf das Spielfeld. Die Bundesligaspiele in Wolfsburg und Leipzig waren danach in der ersten Halbzeit jeweils kurz wegen Fan-Aktionen unterbrochen.
Warum wird immer wieder protestiert?
Die aktiven Fanszenen scheinen das GefĂŒhl zu haben, dass die DFL die Proteste aussitzen will und es keine Reaktion gibt. «Diese Abstimmung mit der Zustimmung, dass ein Investor in die Liga einsteigen kann, ist total falsch. Und wir mĂŒssen irgendwie versuchen, uns dagegen zu wehren», erklĂ€rte ein Vertreter der Hertha-Fanszene der Berliner Mannschaft am Samstagabend nach dem Spiel. Auch ein Spielabbruch wĂ€re in Kauf genommen worden, hieĂ es.
Was plant die DFL?
FĂŒr eine prozentuale Beteiligung an den TV-Erlösen soll ein Finanzinvestor eine Milliarde Euro zahlen. Die DFL will einen GroĂteil der Einnahmen in die Weiterentwicklung des GeschĂ€ftsmodells stecken, vor allem die Auslandsvermarktung stĂ€rken und Piraterie verhindern. Laut Aufsichtsratschef Hans-Joachim Watzke soll der Investor noch in dieser Saison prĂ€sentiert werden. Die DFL hatte die Zahl der Bewerber von anfangs fĂŒnf in einer einstimmigen PrĂ€sidiums-Entscheidung auf die beiden Unternehmen Blackstone und CVC reduziert.
Was kritisieren die Fans?
In den aktiven Fanszenen herrscht eine generelle Skepsis gegenĂŒber Investoren im FuĂball, weil darin eine GefĂ€hrdung der Traditionen und eine weiter fortschreitende Kommerzialisierung des Sports gesehen wird. Bei der Hertha etwa hat man nach dem Investment von Lars Windhorst so gut wie alle Schattenseiten solcher Modelle erlebt.Â
Dazu wird der Prozess kritisiert. Bei der finalen Abstimmung der 36 Proficlubs fĂŒr den milliardenschweren Deal im Dezember war die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit nur knapp zustande gekommen. FĂŒr Fragen sorgte das Abstimmungsverhalten von Martin Kind fĂŒr Hannover 96, der vom Stammverein angewiesen war, dagegen zu sein. Das Fan-BĂŒndnis «Unsere Kurve» fordert eine Wiederholung der Abstimmung.
Was droht der Hertha - was möglicherweise den Fans?
Der klamme Zweitligist fĂŒrchtet finanzielle Konsequenzen. «Das wird eine empfindliche Strafe nach sich ziehen», sagte GeschĂ€ftsfĂŒhrer Thomas Herrich. FĂŒr die Proteste zeigte er VerstĂ€ndnis - mit EinschrĂ€nkungen. «Ich habe totales VerstĂ€ndnis fĂŒr die Kritik. Es ist völlig legitim, Aktionen zu machen und Kritik zu Ă€uĂern. Die Art und Weise ist das andere. Das ging mir deutlich zu lange», sagte der 59-JĂ€hrige.
Der DFB teilte am Sonntag mit, dass der Kontrollausschuss in der neuen Woche die VorgĂ€nge rund um die Spielunterbrechung untersuchen werde. Aus der Recht- und Verfahrensordnung geht hervor, dass die GeldbuĂe in der Regel maĂgeblich von der Menge der geworfenen GegenstĂ€nde und der LĂ€nge der Spielunterbrechung abhĂ€ngt.
Die Fans könnten nach EinschĂ€tzung von Sportrechtler Paul Lambertz fĂŒr die Kosten aufkommen mĂŒssen. «Das ist ein Schadenersatzanspruch und den kann man bei den Fans durchsetzen», sagte er der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag. «Nicht bei allen Fans, sondern nur bei denen, die diese Störung herbeigerufen haben. Da muss man dann auch schauen, ob man die identifiziert kriegt.» Dies könne etwa der Fall sein, wenn der Deutsche FuĂball-Bund eine Geldstrafe gegen einen Verein oder ein Spiel ohne Zuschauer verhĂ€nge.
«Das sind dann schnell Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende von Euro, die da als Schadenersatz im Raum stehen können», sagte Lambertz. «Das sind auch keine Forderungen, denen man sich im Wege einer Privatinsolvenz entziehen kann.»Â
Ist eine AnnÀherung möglich?
Die Fronten sind verhĂ€rtet. Herrich kĂŒndigte bei Hertha einen Dialog mit den Fans an, allerdings haben die Berliner ohnehin gegen den Einstieg eines Investoren gestimmt. Spannender wird sein, ob die DFL oder andere Clubs noch einmal auf die Fans zugehen. Watzke hatte zuletzt gesagt: «Der Diskurs mit kritischen Fans macht uns alle stĂ€rker». Ohne die aktive und bunte Fangemeinschaft sei das Stadionerlebnis deutlich Ă€rmer. «Gegenseitiger Respekt in den Diskussionen ist dabei unabdingbar und dabei ehrlicherweise manchmal noch ausbaufĂ€hig», sagte er.


