Breaking zwischen Olympia-Premiere und Szene-Zoff
06.05.2024 - 10:58:57 | dpa.de
Die Geschichte von Jilou ist bereits jetzt ein kleines Sport-MÀrchen. Aufgewachsen in armen VerhÀltnissen, die Eltern bezogen Sozialhilfe, entdeckte sie mit zwölf Jahren ihre Liebe zum Breaking. Der Tanz verÀnderte ihr Leben, entfachte einen beeindruckenden Ehrgeiz.
Jilou schlĂ€gt sich eine Zeit lang halbtags mit Jobs in Hotels und BiomĂ€rkten durch, um danach zu trainieren. Sie steigt in die Weltspitze auf, es kommen groĂe Sponsoren, sie kann von ihrer Leidenschaft leben. In diesem Sommer soll der nĂ€chste Meilenstein erreicht werden: die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Paris.
Die 31-JĂ€hrige, die mit vollem Namen Sanja Jilwan Rasul heiĂt, ist bei der olympischen Premiere des Breaking die groĂe deutsche Hoffnung. Zweimal war Jilou bereits WM-Dritte, ihr Niveau ist hierzulande unerreicht. Zehn PlĂ€tze sind fĂŒr Olympia noch zu vergeben, die Entscheidung fĂ€llt bei den finalen Qualifikationen in Shanghai (16. bis 19. Mai) und Budapest (20. bis 23. Juni). «Ich habe einen extremen Wettkampfgedanken und Olympia ist eine richtige Challenge. Ich gehöre zu denen, die es schaffen können», sagt Jilou.
Premiere und (vorlÀufiger) Abschied
Neben der Berlinerin ist fĂŒr Deutschland Pauline Nettesheim als zweites B-Girl - so heiĂen die TĂ€nzerinnen - dabei. Die EM-Sechste sieht ihre Chancen auf Paris bei «vielleicht 50 Prozent», ein Teil von ihr ist bei den Sommerspielen aber auf jeden Fall dabei. Nettesheim gehörte zu den Sportlerinnen und Sportlern, die in das Design der Olympia-Kleidung einbezogen wurden. Dass die Hosen nun einen ReiĂverschluss haben, um Handy und SchlĂŒssel sicher zu verstauen, geht auf deren Ideen zurĂŒck. «Das klingt nicht nach einem groĂen Ding, aber uns war das wichtig», sagt die Pharmakologie-Doktorantin.
Breaking hat seinen Ursprung in New York, entstand dort Anfang der 70er Jahre als Teil der Hip-Hop-Kultur. Ein gutes Jahrzehnt spĂ€ter erreichte das PhĂ€nomen eine breite PopularitĂ€t, die Medien wurden darauf aufmerksam und prĂ€gten den Begriff Breakdance. Auf dem Place de la Concorde, eingebettet zwischen Triumphbogen und Louvre, wird Breaking erstmals im Zeichen der fĂŒnf Ringe veranstaltet - und womöglich zum letzten Mal.
Bei den Spielen 2028 in Los Angeles ist Breaking nicht dabei, die Veranstalter entschieden sich lieber fĂŒr die in den USA enorm populĂ€ren Sportarten Lacrosse und Flag Football. «Es ist schade, dass die Entscheidung getroffen wurde, bevor wir in Paris zeigen können, was wir drauf haben», sagt Pauline. Sie hat ihre Doktorantinnenstelle reduziert, um professionell zu trainieren. Fest steht, dass es spĂ€testens nach Olympia zurĂŒck in die Forschung geht.
«Drei Etagen höher»
Jilou kann dagegen vom Breaking leben. Sie hat eine etwas andere Sichtweise auf die Entscheidung. «FĂŒr mich ist das eine kleine Erleichterung», sagt sie. «WĂ€re die Entscheidung danach gefallen, hĂ€tte ich vielleicht das GefĂŒhl gehabt, etwas falsch gemacht zu haben. So wurde uns offiziell die Chance genommen.»
Allein die Aufnahme ins olympische Programm hat bereits viel verĂ€ndert. «Breaking wird in der Gesellschaft nun mehr als Sport anerkannt», sagt Pauline. Es wurden Strukturen geschaffen, neue Plattformen, es wird mehr berichtet. «Wir sind jetzt drei Etagen höher», sagt Felix «Rossi» RoĂberg. Er ist Landestrainer in Sachsen und ĂŒberzeugt, dass «die geschaffenen Strukturen einen langfristigen Wert haben».
Olympia verÀndert den Tanz
Allerdings spaltet dies auch die Szene, Ă€hnlich wie es einst beim Snowboard der Fall war und zuletzt vor der Olympia-Premiere von Skateboarding in Tokio. Breaking ist nun Teil des Weltverbandes, wurde in einen BĂŒrokratieapparat integriert. «Das verĂ€ndert den Tanz, weil es fĂŒr Olympia ein transparentes Jurysystem braucht», erklĂ€rt Holger «Killian» Köhler, einer der Trainer von Jilou. Einige der weltbesten TĂ€nzerinnen und TĂ€nzer, die durch einen sehr extravaganten Stil auffallen, wĂŒrden es deshalb nie zu Olympia schaffen. Aber: «Es sind nun Sponsoren da, die es vorher nicht gab, das muss man ganz klar sagen.»
Dass Breaking in ein Verbandssystem gepresst wurde, kommt in der Szene nicht gut an. Dabei ist nicht das Internationale Olympische Komitee das Problem. «Olympia will uns so, wie wir sind», meint Jilou. «Das Problem sind VerbĂ€nde, die ihre VorzĂŒge daraus ziehen wollen.» Sie sieht in den Spielen eine groĂe Chance und ist sich sicher, «dass die Einschaltquoten richtig gut» sein werden. Und vielleicht ĂŒberzeugt das auch die Organisatoren der Spiele von Los Angeles doch noch.
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