Belgiens Abend, Knie

Belgiens Abend: Erst auf die Knie, dann Liebesgruß

13.06.2021 - 05:46:25

Das souverĂ€ne 3:0 von Mitfavorit Belgien gerĂ€t an einem denkwĂŒrdigen Fußball-Tag fast zur Nebensache. TorjĂ€ger Lukaku vergießt erst TrĂ€nen und lĂ€sst anschließend Tore sprechen.

Mit viel mehr Symbolik hÀtte man diesen Abend in St. Petersburg aus der Sicht von Romelu Lukaku nicht mehr aufladen können. Erst weinte Belgiens RekordtorjÀger um seinen kollabierten Teamkollegen Christian Eriksen aus DÀnemark.

Dann kniete er gemeinsam mit seinen Teamkollegen vor dem Anpfiff als Zeichen gegen Rassismus, anschließend grĂŒĂŸte er nach einem Tor Eriksen mit den Worten «I love you, Chris» und zum Abschluss erzielte er beim ungefĂ€hrdeten 3:0 (2:0)-Auftakt bei der Fußball-EM gegen Co-Gastgeber Russland noch ein weiteres Tor.

«Ich habe vor dem Spiel viele TrĂ€nen fĂŒr Christian Eriksen vergossen. Es war schwer fĂŒr mich, mich zu konzentrieren», sagte Belgiens Matchwinner (10./88. Minute), der im Verein bei Inter Mailand gemeinsam mit dem 29 Jahre alten DĂ€nen spielt. Eriksen war bei der Partie gegen Finnland kurz vor der Halbzeit kollabiert, noch auf dem Rasen wurden Maßnahmen zur Reanimation eingeleitet. Erst spĂ€ter folgte die Entwarnung: Der dĂ€nische Verband schrieb, Eriksen sei «wach», sein Zustand stabil. Das Spiel wurde nach einer lĂ€ngeren Unterbrechung fortgesetzt, DĂ€nemark verlor 0:1.

«Ich werde ihm auf jeden Fall eine Nachricht schicken, aber er muss nicht sofort antworten. Ich hoffe, es geht ihm gut, fĂŒr seine zwei Kinder, die ihn brauchen», sagte Lukaku, der gleich seinen ersten Treffer nutzte, um den ganz persönlichen Liebesgruß ins weltweite TV-Signal zu schicken. «Ich widme ihm diese Leistung», fĂŒgte der 28-JĂ€hrige an. Das ĂŒbrige belgische Tor erzielte der eingewechselte Dortmunder Thomas Meunier (34.).

Nationaltrainer Roberto MartĂ­nez schilderte, wie sehr sein Team vom tragischen Ereignis in Kopenhagen mitgenommen war. «Es herrschte tiefe Trauer. Wir haben es live gesehen - wir wollten fĂŒnf Minuten spĂ€ter unser Teammeeting beginnen. Das Letzte, worĂŒber wir reden wollten, war Fußball. Es war ein Schock, es gab TrĂ€nen», schilderte der Spanier. Zu einer möglicherweise kurzfristigen Absage erklĂ€rte MartĂ­nez, so etwas liege nicht in seiner Macht. «Ich bin nur der Trainer von Belgien. Wir mĂŒssen immer auf die Anweisungen warten.»

Die Anweisung lautete diesmal, dass vor 26 264 Zuschauern in der Arena gespielt werden soll. Pfiffe der Fans, extrem laute Musik aus den riesigen Boxen und die ĂŒblichen Zeremonien: In St. Petersburg hĂ€tte man nicht unbedingt merken können, was wenige Momente zuvor im anderen Spiel der Gruppe B passiert war.

Neben der psychischen Belastung fĂŒr sein Team, in dem viele Eriksen persönlich kennen, nimmt MartĂ­nez auch ein weiteres Personalproblem mit. Außenverteidiger Timothy Castagne zog sich nach einem Kopfzusammenstoß eine doppelte Augenhöhlenfraktur zu und ist fĂŒr den Rest des Turniers außer Gefecht. Sein Vertreter Meunier zeigte gegen Russland aber große Klasse, traf kurz nach seiner Einwechslung zum 2:0 und legte spĂ€ter auch noch das 3:0 von Sturmstar Lukaku auf. Zum EM-Auftakt waren Kevin De Bruyne (Gesichtsoperation) und Axel Witsel (RĂŒckkehr nach Achillessehnenriss) nicht mitgereist.

@ dpa.de