Mecklenburg-Vorpommern, Landtagswahl

Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern: AfD wird stärkste Kraft – Schwesig hofft auf Rot-Rot-Grün

Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 01:14 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Die AfD wird erstmals stärkste Kraft in Mecklenburg-Vorpommern, doch Ministerpräsidentin Manuela Schwesig kann mit der SPD auf eine Fortsetzung ihrer Regierung hoffen. Möglich wird dies durch eine knappe Aufholjagd und neue Koalitionsoptionen ohne CDU und AfD.

  • Die amtierende Ministerpräsidentin Schwesig gibt ihre Stimme ab.   - Bild: Jens BĂĽttner/dpa
    Die amtierende Ministerpräsidentin Schwesig gibt ihre Stimme ab. - Bild: Jens Büttner/dpa
  • Der AfD-Kandidat fĂĽr das Ministerpräsidentenamt Leif-Erik Holm bei der Stimmabgabe.  - Bild: Jens BĂĽttner/dpa
    Der AfD-Kandidat für das Ministerpräsidentenamt Leif-Erik Holm bei der Stimmabgabe. - Bild: Jens Büttner/dpa
  • Schwesig präsentierte sich im Wahlkampf als Frau gegen Blau.  - Bild: Jens BĂĽttner/dpa
    Schwesig präsentierte sich im Wahlkampf als Frau gegen Blau. - Bild: Jens Büttner/dpa
  • Schwesigs SPD hat Platz knapp verpasst.  - Bild: Bernd WĂĽstneck/dpa
    Schwesigs SPD hat Platz knapp verpasst. - Bild: Bernd WĂĽstneck/dpa
Die amtierende Ministerpräsidentin Schwesig gibt ihre Stimme ab.   - Bild: Jens Büttner/dpa Der AfD-Kandidat für das Ministerpräsidentenamt Leif-Erik Holm bei der Stimmabgabe.  - Bild: Jens Büttner/dpa Schwesig präsentierte sich im Wahlkampf als Frau gegen Blau.  - Bild: Jens Büttner/dpa Schwesigs SPD hat Platz knapp verpasst.  - Bild: Bernd Wüstneck/dpa

Bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern ist die AfD stärkste Kraft geworden, doch Ministerpräsidentin Manuela Schwesig kann mit ihrer SPD weiterhin auf eine Regierungsbildung hoffen.

AfD vor SPD, CDU verpasst den Landtag

Nach der Auszählung aller Wahlbezirke kommt die AfD auf 38,2 Prozent der Stimmen und liegt damit vor der SPD, die 35,5 Prozent erreicht. In den neuen Landtag ziehen außerdem die Linke mit 6,5 Prozent und die Grünen mit 5,7 Prozent ein. Die CDU scheitert mit 4,9 Prozent an der Fünf-Prozent-Hürde, ebenso das Bündnis Sahra Wagenknecht, das auf 4,8 Prozent kommt. Für die CDU bedeutet das erstmalige Ausscheiden aus einem Landesparlament ein politisches Desaster.

Schwesig holt im Wahlkampf deutlich auf

Dass die SPD trotz des bundesweit schwachen Bildes der Ampelkoalition überhaupt eine Fortsetzung der Regierung anstreben kann, wird vor allem Schwesigs persönlicher Kampagne zugeschrieben. Noch vor einem Jahr lag die SPD in Umfragen bei rund 19 Prozent, während die AfD doppelt so stark war. Im Sommer rangierte die SPD klar hinter der AfD. Mit einer Strategie, die sie als „Frau gegen Blau“ inszenierte, machte Schwesig die Wahl zu einer Richtungsentscheidung und holte im Verlauf des Wahlkampfs stetig auf.

Ministerpräsidentin als „Kümmerin“ im Land unterwegs

Neben ihren Aufgaben als Regierungschefin tourte Schwesig durch das ganze Bundesland und präsentierte sich bei zahlreichen Terminen als politische Kümmerin. Sie setzte auf persönliche Gespräche, suchte den direkten Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern und nahm deren Anliegen auf. Laut dem Rostocker Politikwissenschaftler Jan Müller ging die Aufholjagd der SPD zulasten von Linken und CDU, die sich im Lagerwahlkampf zerrieben fühlten.

Abgrenzung von der Bundesregierung und Wirtschaftssignale

Im Wahlkampf gelang es Schwesig, sich bei strittigen Themen wie Rentenreform und steigenden Spritpreisen von der in Mecklenburg-Vorpommern unpopulären Bundesregierung zu distanzieren. Sie stellte sich als Garantin für Stabilität und Demokratie dar. Gleichzeitig konnte sie mehrere milliardenschwere Verträge mit Unternehmen präsentieren, darunter den Aufbau eines großen Rechenzentrums nahe Rostock durch die Schwarz-Gruppe sowie einen Großauftrag für Konverterplatten für eine Werft in Rostock.

AfD-Erfolg mit Sicherheits- und Sozialthemen

Die AfD verbucht im Nordosten statistisch einen weiteren Erfolg nach ihrem Sieg in Sachsen-Anhalt: Gegenüber der Landtagswahl vor fünf Jahren steigert sie sich von 16,7 Prozent auf nun 38,2 Prozent und mehr als verdoppelt damit ihr Ergebnis. Im Wahlkampf punktete sie vor allem mit der Thematisierung von Migrationsängsten, innerer Sicherheit und sozialen Fragen. Anders als in Sachsen-Anhalt gelingt ihr jedoch nicht der Sprung an die Regierungsspitze.

Doppelspitze und Rolle von Leif-Erik Holm

Als mögliche Belastung für die Partei gilt das Konstrukt der Doppelspitze mit Leif-Erik Holm und Enrico Schult. Holm trat als AfD-Kandidat für das Ministerpräsidentenamt auf, während Schult Spitzenkandidat auf der Landesliste war. Beobachter sehen darin den Eindruck einer Absicherung Holms, der im Falle eines Scheiterns weiter als Bundestagsabgeordneter in Berlin tätig bleibt, statt die Rolle des Oppositionsführers im Landtag zu übernehmen.

Sperrminorität und begrenzte Machtoptionen der AfD

Politikwissenschaftler Müller betont, die AfD werde voraussichtlich nicht die Regierung in Schwerin anführen, habe aber deutlich an Einfluss gewonnen. Sie verfügt nun über eine Sperrminorität im Landtag und kann damit etwa bei der Wahl von Verfassungsrichtern unliebsame Kandidaten blockieren. Der Partei fehlen jedoch Koalitionspartner, sodass sie trotz ihres Rekordergebnisses vorerst auf die Rolle einer starken Opposition beschränkt bleibt.

Rot-Rot-GrĂĽn als wahrscheinlichste Option

Im Wahlkampf hatte die AfD immer wieder der CDU Avancen gemacht, doch die Christdemokraten lehnten eine Zusammenarbeit sowohl mit der AfD als auch mit der Linken grundsätzlich ab. Ausgerechnet das Scheitern der CDU erleichtert nun die Regierungsbildung: Für eine reine rot-rote Koalition reicht es nicht, doch Schwesig hat die Option, das bisherige Bündnis mit der Linken um die Grünen zu einer Rot-Rot-Grün-Koalition zu erweitern. Die SPD hofft, mit dieser Konstellation die Führung im Schweriner Schloss zu sichern.

Starker Rechtsruck und fragile Mitte

Die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern markiert einen deutlichen Rechtsruck: Die AfD erreicht erstmals mehr als doppelt so viele Stimmen wie bei der letzten Wahl und wird stärkste Kraft, während die CDU aus dem Landtag fällt. Zugleich zeigt der knappe Abstand zur SPD, dass das Mitte-links-Lager politisch keineswegs zusammengebrochen ist, sondern mit einer stark personalisierten Kampagne um Manuela Schwesig mobilisieren konnte. Für die bundespolitische Debatte über die Stabilität der demokratischen Mitte ist dieses Ergebnis von hoher Bedeutung.

Koalitionsoptionen und Sperrminorität der AfD

Die Ausgangslage für die Regierungsbildung ist komplex: Rechnerisch stehen nur Konstellationen ohne CDU und ohne AfD zur Verfügung. Möglich ist eine Erweiterung der bisherigen rot-roten Koalition zu Rot-Rot-Grün, die Schwesig im Wahlkampf bereits als Schutzwall gegen eine AfD-Regierung angekündigt hat. Zugleich erhält die AfD mit ihrem Ergebnis eine Sperrminorität im Landtag, wodurch sie bei bestimmten Entscheidungen – etwa bei der Wahl von Verfassungsrichtern – erheblichen Einfluss ausüben kann. Demokratische Parteien müssen ihre Mehrheiten künftig sorgfältig organisieren, um zentrale Institutionen handlungsfähig zu halten.

Signalwirkung fĂĽr Ostdeutschland und Bundespolitik

Im ostdeutschen Kontext steht Mecklenburg-Vorpommern nach dem AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt für eine neue Normalität: Rechtspopulistische Parteien können stärkste Kraft werden, ohne automatisch die Regierung zu stellen. Bemerkenswert ist zugleich, dass eine sozialdemokratische Amtsinhaberin entgegen dem Bundestrend verloren geglaubtes Terrain zurückgewinnt, indem sie sich klar von der Bundesregierung absetzt und regionale Wirtschaftsprojekte betont. Für andere Länder dürfte die Wahl als Beispiel dienen, wie stark sich regionale Faktoren, Persönlichkeitsprofile und Koalitionstaktik auf die Abwehr oder Begrenzung rechtspopulistischer Macht auswirken.

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