âDie Vice-Story â Gosse. Gonzo. GröĂenwahn.â
10.12.2024 - 08:30:00Vice war nicht nur ein Medienunternehmen, es verkörperte einen Lifestyle â und bediente ihn zugleich. Das Deutschland-BĂŒro eröffnete 2005 in Berlin, wo sich junge Menschen im Dunstkreis des inoffiziellen Mottos âArm, aber sexyâ ausprobierten, kurz bevor Smartphones und Social Media aufkamen. Vice traf genau dieses LebensgefĂŒhl, versprach etwas Krasses, Ungefiltertes, Aufregendes. Es versorgte die Generation Praktikum vom Nachwende-Berlin aus mit Storys ĂŒber Sex, Drogen und allerlei Abseitigem â erst als Gratis-Printheft, spĂ€ter als global agierender Video-Publisher und News-Netzwerk. 2024, exakt 30 Jahre nach der GrĂŒndung des ersten Vice-BĂŒros in Montreal, meldete Vice weltweit Insolvenz an. Die sich wandelnde Medienlandschaft, interne Machtstrukturen und individuelle Hybris hatten dem ĂŒberlaut zelebrierten Hedonismus den Stecker gezogen.
Kristian Costa-Zahn, ProgrammgeschĂ€ftsfĂŒhrer und Head of Content bei ARD Kultur: âMit der âVice-Storyâ erzĂ€hlen wir eine spannende Rise and Fall-Geschichte. Vice hat den Journalismus nachhaltig verĂ€ndert und war gleichzeitig eine der fĂŒhrenden globalen Brands fĂŒr Millenials. Sidestories fĂŒhren uns von Berlin nach Schwedt, von New York ĂŒber London, Belize und die Ukraine bis nach Nordkorea. Gespickt ist diese rastlose Jagd nach den besten Geschichten und Geld mit jeder Menge Partys und Drogen.â
Mit GrenzĂŒberschreitungen zu journalistischen Coups
Was 1994 als Hirngespinst dreier Arbeitsloser in Montreal begann, wuchs binnen kĂŒrzester Zeit zu einem globalen und milliardenschweren Medienimperium heran. Auf dem Weg dorthin hatte Vice die HĂŒrde vom Print- zum Onlinejournalismus â anders als weite Teile der arrivierten Presse â mit Chuzpe gemeistert. Um Normen und Gepflogenheiten scherte man sich dabei nicht immer. Aus Prinzip ĂŒberschritt man vor allem in den Anfangstagen die Grenzen des guten Geschmacks und schrieb â durchaus politisch unkorrekt, zynisch und von purem Hedonismus getrieben â ĂŒber Partys, Sex, Drogen, Gewalt und alltĂ€gliche AbsurditĂ€ten.
So schuf Vice eine eigene Ăsthetik, vernachlĂ€ssigte dabei aber journalistische Standards. Die Trennlinie zwischen Journalismus und Werbung wurde unverhohlen aufgeweicht, indem man begann, maĂgeschneiderte Geschichten rund um die Marken zahlungskrĂ€ftiger Werbekunden zu stricken. Auch mit Diktaturen und Gewaltherrschaft zeigte man wenig BerĂŒhrungsĂ€ngste und berichtete unbekĂŒmmert aus Nordkorea, lieferte bereitwillig Innenansichten vom âIslamischen Staatâ (IS) und ging mit einem unter Mordverdacht stehendem Software-Pionier auf die Flucht durch Mittelamerika. Dieser ungeschönte, sogenannte âGonzo-Journalismusâ verschob die Grenzen des alt-tradierten Journalismus weg von der objektiven Berichterstattung. Reporterinnen und Reporter wurden mitunter selbst Teil des Geschehens.
Das kam gut an, und das Unternehmen entwickelte sich zu einer weltweit bekannten Jugend- und Lifestylemarke und zu einem globalen Medien- und Marketingkonzern, der 35 BĂŒros weltweit unterhielt. SchĂ€tzungen taxierten den Wert zeitweise auf ĂŒber vier Milliarden US-Dollar, was u. a. auch Investmentprofis wie Rupert Murdoch oder den Disney-Konzern auf Vice aufmerksam werden lieĂ.
Vice als Karrieresprungbrett
Geld gab es dennoch kaum bei Vice. Wozu auch? Vice lockte mit der Aussicht auf einzigartige Erlebnisse und Ruhm im Bekanntenkreis. In der Doku Ă€uĂern sich ehemalige Macherinnen und Macher aus den USA, GroĂbritannien und Deutschland ĂŒber das schillernde Popkultur-PhĂ€nomen. Von ihren Lehrjahren bei Vice Deutschland berichten u. a. Thilo Mischke (heute Pro 7), Martina Kix (Spiegel) und Manuel Möglich (ex-ZDFneo).
Weitere Protagonisten sind Vice-Korrespondent Simon Ostrovsky, der 2014 in der Ukraine in Gefangenschaft russischer Separatisten geriet, und Vice-Fotoreporter Robert King, der erst mit dem TatverdĂ€chtigen John McAfee auf die Flucht ging und dann versehentlich zu dessen Verhaftung beitrug. Peaches, die in Berlin lebende kanadische Musikerin und Szenefigur, Ă€uĂert sich zu den legendĂ€ren Vice-Partys und Konzerten, die sie kuratierte.
Vice-MitgrĂŒnder heute bekennender Rechtsextremer
Eine Reizfigur mit ungewöhnlichem Werdegang, die in der Doku zu Wort kommt, ist Gavin McInnes. Der in England geborene Kanadier bezeichnet sich selbst als Provokateur und probte diese Rolle als Jugendlicher in Punkbands und ab 1994 als Co-GrĂŒnder des Vice Magazines. Was nicht alle wissen: McInnes grĂŒndete nach seiner Zeit bei Vice die Proud Boys, eine ultrarechte Vereinigung, die 2021 am Sturm auf das Kapitol in Washington beteiligt war.
âDie Vice-Story â Gosse. Gonzo. GröĂenwahn.â (3 x 30 Minuten) ist eine Produktion von Beetz Brothers im Auftrag von ARD Kultur, SWR, NDR, HR und RBB. Regie fĂŒhrte Peta Jenkin mit Christopher Kaufmann. Das Buch stammt von Peta Jenkin und Nadine Neumann. Verantwortlich bei ARD Kultur sind Kai Winn (Redaktion) und Kristian Costa-Zahn (Head of Content) in Zusammenarbeit mit Beate Karch, Susanne Schmaltz, Joanna Gawronska (alle SWR), Christine Gerberding (NDR), David Gern, Mariska Lief (beide HR) und Christine Thalmann (RBB). Alle drei Teile sind ab 11. Dezember 2024 exklusiv in der ARD Mediathek und auf ardkultur.de zu sehen.
Hinweise fĂŒr Journalistinnen und Journalisten
Die dreiteilige Doku steht vorab zur Rezension im ARD-VorfĂŒhrraum.
Weitere honorarfreie Fotos finden Sie bei ardfoto.de.
Pressekontakt:
ARD Kultur, Kommunikation, Birgit Friedrich
E-Mail: [email protected], Telefon: 0172/3 58 12 82
Christian Esser, Barbarella Entertainment,
E-Mail: [email protected], Telefon: 0221/9 51 59 00
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