Teures, Scheitern

Teures Scheitern an Europas Grenzen: ARD-Sendung Reschke Fernsehen deckt Probleme bei EU-Grenzschutzagentur Frontex auf

23.05.2024 - 06:00:00

Hamburg - Recherchen der ARD-Sendung "Reschke Fernsehen" zeigen, dass es in der europĂ€ischen Grenzschutzagentur Frontex erhebliche Probleme beim Aufbau der ersten bewaffneten Einheit in der Geschichte der EuropĂ€ischen Union gibt: dem so genannte Standing Corps. Zudem ereigneten sich nach Erkenntnissen der Redaktion Anfang dieses Jahres in Anwesenheit von Frontex-Personal mindestens zwei mutmaßliche Pushback-VorfĂ€lle in der ÄgĂ€is, bei denen Migranten offenbar zurĂŒck in tĂŒrkische GewĂ€sser geschickt wurden. Bei seinem Antritt Anfang 2023 hatte der neue Frontex Chef Hans Leijtens noch betont, dass es unter seiner Leitung keine Beteiligung von Frontex-Personal an Pushbacks geben werde. Frontex bestĂ€tigte auf Nachfrage gegenĂŒber "Reschke Fernsehen", dass beide VorfĂ€lle und die mögliche Verwicklung von Frontex intern geprĂŒft werden.

In der aktuellen Folge der ARD-Sendung "Reschke Fernsehen" steht Frontex im Mittelpunkt; die mit Abstand teuersten EU-Agentur. Es geht um exklusive Einblicke in die Strukturen der europÀischen Grenzschutzagentur und um aktuelle VorfÀlle an der griechischen Grenze.

Kritik an Elite-Einheit

Die Aufgabe von Frontex besteht darin, die europĂ€ischen Mitgliedsstaaten beim Grenzschutz zu unterstĂŒtzen, irregulĂ€re Migration verhindern zu helfen und gleichzeitig auf die Einhaltung der Menschenrechte an den Grenzen zu achten. Als Reaktion auf stark steigende Migration nach Europa entstand zudem das Standing Corps. Innerhalb von Frontex ist das die erste eigene europĂ€ische Grenzschutzeinheit mit Waffengewalt und das Prestigeprojekt der EU-Kommission im Kampf gegen irregulĂ€re Migration und grenzĂŒberschreitende KriminalitĂ€t. Bis 2027 sollen schrittweise insgesamt 10.000 Mitarbeiter zur VerfĂŒgung stehen.

Wie die Recherchen von "Reschke Fernsehen" jetzt zeigen, lassen die Zahlen von EU-Kommission und Frontex das neue Standing Corps bislang grĂ¶ĂŸer erscheinen als es im Einsatz tatsĂ€chlich ist. So sollen den Planungen zufolge Ende 2023 bereits rund 7500 der kĂŒnftig 10.000 Personen bereitstehen. TatsĂ€chlich waren aber zu keinem Zeitpunkt so viele Personen fĂŒr Frontex im Einsatz, sondern nur rund 4.200 Personen. Zum anderen haben gleich mehrere Mitgliedstaaten intern deutliche Kritik am Standing Corps geĂŒbt, wie aus einem internen Protokoll hervor geht.

Interne Untersuchungen zu möglichen Pushback-FÀllen

"Reschke Fernsehen" hat zudem VorfĂ€lle an der griechischen Grenze analysiert, an denen Frontex-Mitarbeiter mutmaßlich beteiligt waren. Zusammen mit der Berliner Rechercheagentur Forensis hat die Redaktion zwei möglichen Pushback-FĂ€lle in der ÄgĂ€is rekonstruiert. Pushbacks, also ZurĂŒckschiebungen, gelten als illegal, wenn Personen zurĂŒck ĂŒber die EU-Außengrenze gedrĂ€ngt und daran gehindert werden, einen Asylantrag zu stellen. Solche Aktionen widersprechen dem Auftrag von Frontex, die Grenzen unter Einhaltung der Grundrechte zu sichern. Im Interview mit "Reschke Fernsehen" rĂ€umt Frontex-Direktor Hans Leijtens ein, dass die beiden FĂ€lle untersucht wĂŒrden und eine mögliche Verantwortung von Frontex-Personal geprĂŒft werde. Die Verwicklung in illegale Pushbacks einzelner Mitgliedsstaaten unter Beteiligung von Frontex hatte die EU-Grenzschutzbehörde in den letzten Jahren in die tiefste Krise seit der GrĂŒndung 2004 gestĂŒrzt. Der langjĂ€hrige Direktor Fabrice Leggeri musste 2022 aufgeben. Sein Nachfolger Hans Leijtens trat mit dem Versprechen an, solche Pushbacks nicht mehr zu dulden.

Der Grenzschutzagentur mit Sitz in Warschau steht durch die aktuellen VorfĂ€lle erneut in der Kritik - und Direktor Hans Leijtens muss sich etwas mehr als ein Jahr nach Amtsantritt bereits die Frage stellen, ob der von ihm angekĂŒndigte Neustart tatsĂ€chlich gelingt.

Angesichts der neuen VorwĂŒrfe sagt Leijtens gegenĂŒber "Reschke Fernsehen": "Wir sind eine moderne Agentur und wir halten europĂ€ische Werte hoch". Frontex-Personal dĂŒrfe nicht zuschauen, wenn direkt vor ihren Augen illegale Pushbacks durchgefĂŒhrt wĂŒrden. "Ich möchte, dass sie wirklich etwas unternehmen" sagte Leijtens mit Blick auf sein Personal. Der Frontex-Chef fordert sein Personal also auf, einzuschreiten und heikle VorfĂ€lle auf jeden Fall zu melden - das ist ein neuer Ton aus der Warschauer Behörde.

Mehr dazu bei "Reschke Fernsehen", Veröffentlichung: Donnerstag, 23.05.2024, 23:35 Uhr im Ersten und bereits ab 18 Uhr in der ARD-Mediathek.

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