Hape Kerkeling wird 60 - und blickt auf sein Leben zurĂŒck
09.12.2024 - 04:30:37Was macht Hape Kerkeling an seinem heutigen 60. Geburtstag? Er wird sich wohl mit seinem Mann Dirk Henning vor den Fernseher setzen. «Wir gucken uns auf jeden Fall diesen Wahnsinns-Thementag an, sowas kriegt man vermutlich nur einmal im Leben», erzĂ€hlt der Komiker und Entertainer der Deutschen Presse-Agentur in Köln. Die ARD feiert seinen runden Geburtstag am Abend gleich mit mehreren Sendungen, unter anderem lĂ€uft um 20.15 Uhr die neue Dokumentation «Hape Kerkeling - Total normal».Â
Seine Laufbahn begann er «recht unvorbereitet»
Kerkeling ist schon lĂ€nger prominent als Deutschland wiedervereint ist. Als gerade einmal 19 Jahre altes «BĂŒrschel» erhielt er 1983 die erste Ausgabe eines neu gegrĂŒndeten Kabarett-Preises aus Bayern, des Passauer Scharfrichterbeils. Von da an ging alles ganz schnell: «Ich bin damals recht unvorbereitet in diese ziemlich groĂe Karriere hineingerutscht», reflektiert er im dpa-Interview.Â
Mit 20 moderierte er bereits eine eigene Show in der ARD («KĂ€nguru»), fast ohne jede BĂŒhnenerfahrung. «Ich war vorher aufgetreten im Zusammenhang mit SchulauffĂŒhrungen oder hatte mal kleinere Auftritte bei Talentwettbewerben mit 50 Zuschauern absolviert. Und dann plötzlich die ShowbĂŒhne der ARD. Im RĂŒckblick muss ich sagen: Dass das gutgegangen ist, ist erstaunlich.»
Als es mal nicht so gut lief, schulte er auf Heilpraktiker um
ZunĂ€chst lief es auch nicht so glatt, denn zwei Jahre spĂ€ter flog er beim WDR wieder raus. Danach waren erst mal SchĂŒtzenfeste angesagt. «Eigentlich habe ich erst da das Handwerk von der Pike auf gelernt.» Der endgĂŒltige Durchbruch kam 1989 mit der vielfach ausgezeichneten Comedyserie «Total Normal», die er zusammen mit seinem Schulfreund Achim Hagemann bestritt.Â
Der Erfolg ist ihm danach immer treu geblieben, vielleicht abgesehen von einer kurzen Durststrecke Ende der 90er Jahre, als er sich beruflich neu orientierte und eine Ausbildung zum Heilpraktiker begann. «Ich habe mich an dieser Schule sehr wohlgefĂŒhlt», erzĂ€hlt er. «Es ist im Nachhinein Ă€rgerlich, dass ich den Abschluss nicht gemacht habe.» Vieles habe er seitdem vergessen â aber, so sagt er mit einem Blick zu seinem Mann, in Gesundheitsfragen wisse er seitdem zu Hause alles besser.
Sein gröĂter Kult-Moment war die Sache mit Beatrix. In einer spektakulĂ€ren Aktion gelang es ihm 1991, kurz vor einem Staatsbesuch der niederlĂ€ndischen Königin im KostĂŒm mit leuchtend blauem HĂŒtchen am Schloss Bellevue vorzufahren. TatsĂ€chlich wurde die falsche Beatrix auf das GelĂ€nde gelassen, um «lecker Mittag zu essen».Â
GĂŒnther Jauch erwĂ€hnt in der Doku, der Streich hĂ€tte ohne weiteres ernste Konsequenzen haben können, wenn die SicherheitskrĂ€fte weniger entspannt reagiert hĂ€tten. Kerkeling sagt dazu im dpa-Interview: «Das zeigt ja auch die GröĂe der damaligen Bundesrepublik, dass man das eben nicht so eng gesehen hat. Heute wĂ€re das vermutlich anders.»
Beim Fernsehen riet man ihm zu einer Scheinbeziehung
Ăbrigens erkannte er selbst unmittelbar im Anschluss keineswegs, dass er mit dieser Szene TV-Geschichte geschrieben hatte: «Nein, ich fand das nicht besonders komisch», erinnert er sich. «Ich hatte das ja erlebt in der ersten Person und dachte: "Lecker Mittagessen" - ja, und jetzt? Mir ist erst durch den Blick der Zuschauer auf das StĂŒck klar geworden, was uns da eigentlich gelungen ist.»
Obwohl Kerkeling schon als kleiner Junge zum Fernsehen wollte â ausgelöst durch eine Weihnachtsansprache von BundesprĂ€sident Gustav Heinemann â waren ihm die Schattenseiten des Mediums sehr bald bewusst.Â
In seinem neuen Buch «Gebt mir etwas Zeit» schildert er weit verbreitetes Mobbing hinter den Kulissen. Er selbst bekam vom WDR die Empfehlung, eine heterosexuelle Scheinbeziehung einzugehen, um seine HomosexualitĂ€t zu verdecken. Sein Zwangsouting erfolgte 1991 durch den schwulen Filmemacher Rosa von Praunheim â dieser rechtfertigt sein Vorgehen in der Doku, scharfe Kritik kommt unter anderem von GĂŒnther Jauch.Â
Horst SchlÀmmer ist wie der Weihnachtsmann
Zu seinen klassischen TV-Szenen gehört der Gastauftritt von Horst SchlĂ€mmer bei «Wer wird MillionĂ€r?». Hier schaffte es der Mann mit dem beigefarbenen Trenchcoat, Jauch vom Moderatorenstuhl zu verdrĂ€ngen und selbst die Regie zu ĂŒbernehmen.Â
Derzeit bereitet Kerkeling einen neuen Kinofilm mit seiner bekanntesten Figur in der Hauptrolle vor â SchlĂ€mmer im Woke-Zeitalter. Warum wird der Schmieren-Reporter trotz seiner nur allzu offensichtlichen UnzulĂ€nglichkeiten so sehr geliebt?Â
«Ich glaube, es ist die Stimme», sagt Kerkeling der dpa. «Dieses Sonore, Weihnachtsmannartige. Er hat mit dem Weihnachtsmann das selbstbewusste Auftreten gemein, aber auch das leicht Angetrunken-Sein, die roten Wangen und die Nase.»Â
Schon frĂŒh stand fĂŒr Kerkeling fest, dass er sich mit spĂ€testens 50 Jahren weitgehend vom Bildschirm zurĂŒckziehen wollte. Eine eigene Sendung macht er seitdem nicht mehr. «Es geht mir vor allem darum, mich kĂŒnstlerisch so frei wie möglich ausdrĂŒcken zu können, und da ist natĂŒrlich die beste Möglichkeit das Schreiben.»Â
Mit «Ich bin dann mal weg» ĂŒber seine Wanderung nach Santiago de Compostela veröffentlichte er 2006 das erfolgreichste Sachbuch der Nachkriegszeit. Geplant war das ursprĂŒnglich nicht - die Pilgerreise war vielmehr seine Antwort auf eine persönliche Krise nach einer Operation und einem Hörsturz.Â
Seine beste Freundin, die SĂ€ngerin Isabel Varell, sagt dazu in der Doku: «Typisch fĂŒr Hape ist, eben nicht sitzenzubleiben und im Sofa zu versinken, wissend, dass er eine Mutter hatte, die an starken Depressionen gelitten hat und das Leben nicht mehr aushalten konnte. Das wird ihm nicht passieren, weil er dann auf die Reise gehen wird. Immer wieder in seinem Leben wird er das tun.»
«Mit aller Macht» gegen die Anti-Demokraten von rechtsÂ
Seit «Ich bin dann mal weg» haben sich alle seine BĂŒcher sofort an die Spitze der Bestsellerlisten gesetzt, zuletzt wieder die BeschĂ€ftigung mit seiner Familie und seinen Ahnen, «Gebt mir etwas Zeit».Â
Die BĂŒcher dĂŒrften auch deshalb so viele Menschen ansprechen, weil Kerkeling nie nur Komiker gewesen ist. Er hat immer auch in AbgrĂŒnde geschaut und beherrscht die leisen Töne ebenso wie den Klamauk. Mit dem Ălterwerden scheint er - anders also manch anderer Prominenter - keine Probleme zu haben, dazu kommen politisches Bewusstsein und die Bereitschaft, Zivilcourage zu zeigen.Â
So hielt er im vergangenen Jahr in der DĂŒsseldorfer Synagoge eine Laudatio auf die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die mit einem Preis fĂŒr ihr Engagement gegen Antisemitismus geehrt wurde - zahlreiche Anfeindungen gegen ihn waren die Folge.
«Ich bin kein Historiker, kein Politologe, kein Soziologe, kein Wirtschaftswissenschaftler», sagt er im dpa-Interview. «Aber wenn ich mir die Sache einfach mal als BĂŒrger so anschaue, dann muss ich doch erkennen, dass es KrĂ€fte in diesem Land gibt, die die Demokratie beseitigen wollen, und diese KrĂ€fte werden unterstĂŒtzt von einigen sehr mĂ€chtigen LĂ€ndern, die ebenfalls alles dafĂŒr tun wĂŒrden, um unsere Demokratie abzurĂ€umen. Wenn man das erkennt, dann muss die Konsequenz daraus doch sein, dass wir uns mit aller Macht dagegen stemmen mĂŒssen. Ich kann nur jeden dazu auffordern, seine Stimme zu erheben.»







