In Gaza suchst du dir nicht aus, humanitÀre Hilfe zu leisten - du musst es tun! / Interview mit Reem Alreqeb, Interims-Leiterin der SOS-Kinderdörfer in Gaza
16.08.2024 - 04:30:00Frau Alreqeb, was war der Grund fĂŒr Ihre Entscheidung, fĂŒr eine Hilfsorganisation zu arbeiten?
Wir haben in PalĂ€stina, insbesondere in Gaza, bereits mehrere Kriege hinter uns, so dass die Menschen hier seit langem auf humanitĂ€re Hilfe angewiesen sind. Als mitfĂŒhlender Mensch hast du stĂ€ndig das GefĂŒhl, helfen zu mĂŒssen. Ich bin mit einem Vater aufgewachsen, der seine Zeit nach der Arbeit nutzte, um sich ehrenamtlich in einer kommunalen Organisation zu engagieren, die bedĂŒrftige Familien unterstĂŒtzte. Ich glaube, dass du dir in Gaza nicht aussuchst, ob du humanitĂ€re Hilfe leistest. Du musst es einfach tun.
Können Sie Ihren typischen Arbeitstag beschreiben?
Vor dem Krieg wachte ich immer voller Vorfreude auf die Arbeit auf. Ich traf mich mit Menschen, schaute, wie ich ihnen helfen kann, erstellte Berichte, aktualisierte PlĂ€ne... Heute wache ich wegen der Hitze in dem Zelt, in dem ich derzeit lebe, viel zu frĂŒh auf und gehe in das BĂŒro im Wohnwagenlager. Dort beginne ich mit der Arbeit. Wir sind mit endlosen Hindernissen und Notsituationen konfrontiert, auf die wir trotz der UmstĂ€nde mit aller Kraft reagieren mĂŒssen. Ich verfolge die Kriegsnachrichten und Sicherheits-Updates, ĂŒberprĂŒfe die Situation in unseren Lagern in Khan Younis und Deir Al Balah, in die unser SOS-Kinderdorf aufgrund der Gefahrensituation umziehen musste. Falls die Internetverbindung stabil ist, versende ich E-Mails.
Was sind die gröĂten Herausforderungen?
Die Versorgung unserer Kinder mit allem, was sie brauchen. Das war vor allem in den ersten Tagen extrem schwierig, wo wir noch kein flieĂendes Wasser und keine Toiletten hatten. Ich frage mich auch, was passieren wĂŒrde, wenn wir erneut umziehen mĂŒssten: Wohin sollen wir gehen?
Welcher Moment aus Ihrer Arbeit ist Ihnen in besonderer Erinnerung?
Es tut mir leid, dass ich keine schöne Geschichte zu erzĂ€hlen habe, aber der einschneidendste Moment seit dem 7. Oktober war der, als es darum ging, ob wir das SOS-Kinderdorf in Rafah aufgrund der Sicherheitsrisiken verlassen mĂŒssen. Es lag in meiner Hand, die Entscheidung zu treffen, eine sehr, sehr schwere Entscheidung. Als der Entschluss gefallen war und wir unsere Sachen packten, kamen die Kinder zu mir. Eines bat mich, sein Fahrrad mitnehmen zu dĂŒrfen, ein anderes das Kuscheltier, ohne das es nicht schlafen kann. Wir versuchten, alles so gut es ging zu ermöglichen, aber das war nicht einfach: Wir hatten wenig Zeit und der Beschuss ging unaufhörlich weiter. Ich werde nie vergessen, wie ich schlieĂlich zusammen mit den letzten Mitarbeitern das Dorf verlieĂ. Kriegsflugzeuge griffen an, wir hatten Angst, dann hatte auch noch das Auto eine Panne. Wir warteten voller Panik darauf, dass es wieder funktionierte. Letztendlich hat alles geklappt.
Wie gelingt es Ihnen, weiterzumachen und die Hoffnung nicht zu verlieren?
Ich weiĂ, dass wir vielen Menschen in Not helfen, vor allem unbegleiteten und von ihren Eltern getrennten Kindern. Immer wieder gelingt es uns auch, Kinder wieder mit ihren Eltern oder Verwandten zusammenzufĂŒhren. Diese kleinen Momente motivieren uns und geben uns neue Kraft.
Was kann weltweit getan werden, um die humanitĂ€ren BemĂŒhungen in Gaza zu unterstĂŒtzen?
Ich habe oft das GefĂŒhl, dass die Menschen auĂerhalb Gazas nicht verstehen, in welcher Situation wir uns befinden. Wir brauchen mehr AufklĂ€rungskampagnen, damit die Welt mit eigenen Augen sieht, was hier vor sich geht. Der Krieg muss aufhören und die humanitĂ€ren Nöte der Menschen in Gaza mĂŒssen dringend angegangen werden.
Lesen Sie auch die Pressemitteilung der SOS-Kinderdörfer zum Welttag der humanitÀren Hilfe: "Welttag der humanitÀren Hilfe: Zwei von drei weltweit getöteten Helfern 2024 in PalÀstina ums Leben gekommen"
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Boris Breyer
Pressesprecher SOS-Kinderdörfer weltweit
Tel.: 0160 - 984 723 45
E-Mail: boris.breyer@sos-kd.org
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