Kind, Hand

Als Kind mit der falschen Hand schreiben lernen kann zu gravierenden Problemen fĂŒhren

21.05.2024 - 09:00:08

Karlsbad - Schreiben lernen ist ein komplexer Vorgang, mit der Hand schreiben fördert die kognitive Entwicklung. Klappen diese Prozesse nicht gut, fĂŒhrt das bei betroffenen Kindern oftmals zu Problemen. "Ein möglicher Grund, dass Malen und Schreiben nicht gut gelingen, kann das Benutzen der "falschen" sogenannten nicht-dominanten Hand sein", bestĂ€tigt Prof. Dr. Elke Kraus und fĂ€hrt fort: "Es ist mittlerweile bekannt, dass es bei Kindern, die mit der nicht-dominanten Hand schreiben, zu deutlichen Schwierigkeiten kommen kann". Die Ergotherapeutin, die dem DVE (Deutscher Verband Ergotherapie e.V.) angehört, hat das Assessment "HĂ€ndigkeitsprofil" entwickelt - ein wissenschaftlich fundiertes Tool, mit dem sich unter anderem ermitteln lĂ€sst, welches die dominante Hand bei einem Kind mit wechselndem Handgebrauch ist und mit welcher Hand es am besten schreiben lernt. Zeigen Kinder keine eindeutige Links- oder RechtshĂ€ndigkeit, ist es im Sinne einer optimalen Entwicklung des Kindes ratsam, die Situation gegebenenfalls mit KinderĂ€rtz:innen zu besprechen und durch spezialisierte Ergotherapeut:innen abklĂ€ren und behandeln zu lassen.

Die HĂ€ndigkeit ist ein PhĂ€nomen, das noch nicht in GĂ€nze verstanden und erforscht ist. Bekannt ist, dass jeder Mensch von Natur aus entweder Links- oder RechtshĂ€nder ist; dabei gibt es unterschiedlich starke AusprĂ€gungen. Bei starker AusprĂ€gung ist meist schon frĂŒh, ab etwa zwei Jahren, zu sehen, ob ein Kind die linke oder die rechte Hand bevorzugt. FĂŒr die anderen gilt: bis zum vierten Lebensjahr ist oft keine PrĂ€ferenz zu erkennen, sprich sie nutzen abwechselnd die eine oder die andere Hand, statt immer dieselbe Hand fĂŒr bestimmte TĂ€tigkeiten zu bevorzugen. So weit die Ausgangslage. Problematisch wird es, wenn im Vorschulalter nicht klar ist, ob ein Kind zu links oder rechts tendiert, denn die dominante Hand ist die, mit der ein Kind am besten schreiben lernt.

Auswirkungen des "falschen" Handgebrauchs: sogenannte Umschulung vermeiden

In vielen Kulturen, so auch der deutschen, wird die rechte Hand als die "richtige" Hand angesehen, entsprechend ist der Alltag vorwiegend auf RechtshĂ€nder ausgelegt. "Im ungĂŒnstigsten Fall ahmen LinkshĂ€nderkinder dieses Verhalten von Eltern, Geschwisterkindern oder dem Umfeld nach", weiß Prof. Kraus aus der ergotherapeutischen Praxis: "Man könnte sagen: diese Kinder schulen sich selbst um". Ebenso gut kann das soziale Umfeld eine Umschulung anregen, wenn Kinder mitbekommen, dass es fĂŒr andere komisch oder unbeholfen aussieht, wenn sie ihre linke Hand zum Malen oder Schreiben einsetzen. Selbst heute gibt es gelegentlich noch die Meinung, dass es besser sei, mit der rechten Hand zu schreiben. So kann es vorkommen, dass ein Kind innerhalb der Familie, von Erzieher:innen oder PĂ€dagog:innen wiederholt angeleitet oder aufgefordert wird, mit rechts zu agieren. Vor allem linkshĂ€ndige Kinder, die eine leicht ausgeprĂ€gte HĂ€ndigkeit haben und sowieso schon viel mit der rechten Hand machen, werden oft umgeschult und lernen das Schreiben mit rechts. Diese Kinder haben als Konsequenz hĂ€ufig mit Komplikationen wie Lern- oder Konzentrationsschwierigkeiten, Kopfschmerzen, Übelkeit, BettnĂ€ssen oder grob- und vor allem feinmotorischen Problemen beim Schreiben zu kĂ€mpfen. Auch kann es zu emotionalen Problemen kommen wie erhöhter Aggression, einer niedrigen Frustrationstoleranz oder auch dem GefĂŒhl, nicht richtig denken zu können. Dasselbe trifft auf rechtshĂ€ndige Kinder zu, die mit links schreiben (sollen). Ein Missempfinden bleibt meist ein Leben lang bestehen. "Von einer gezielten Umschulung ist unbedingt abzuraten", so die Expertin.

Bei wechselndem Handgebraucheines Kindes: HÀndigkeit vor der Einschulung klÀren lassen

Zeigt ein Kind nach dem vierten Lebensjahr ein Wechselverhalten beim Malen und Schreiben, empfiehlt es sich, dass Eltern dies baldmöglichst abklĂ€ren lassen und im ersten Schritt ihre:n KinderĂ€rzt:in aufsuchen. Abwarten ist in solchen FĂ€llen aus mehreren GrĂŒnden nicht zielfĂŒhrend: Die HĂ€ndigkeit sollte unbedingt mit genĂŒgend Vorlauf vor dem Eintritt in die Schule geklĂ€rt sein. Außerdem könnte eine unklare HĂ€ndigkeit ein Zeichen fĂŒr eine Entwicklungsverzögerung sein; diese sollte behandelt werden. DarĂŒber hinaus kann das beobachtete Wechselverhalten auf eine leicht ausgeprĂ€gte LinkshĂ€ndigkeit oder motorische Probleme der dominanten Hand hinweisen. Eine von der Ergotherapeutin Prof. Kraus erstellte Checkliste hilft KinderĂ€rzt:innen, Erzieher:innen, Lehrer:innen und nicht-spezialisierten Therapeut:innen, das Wechselverhalten des Kindes strukturiert zu beobachten und ermöglicht eine bessere EinschĂ€tzung, ob Handlungsbedarf besteht. Ist dies der Fall, sind Kinder:Ă€rztinnen die richtige Anlaufstelle, um bei unklarer HĂ€ndigkeit eine Verordnung fĂŒr eine ergotherapeutische AbklĂ€rung und Intervention zu erhalten.

Mit Hilfe ergotherapeutischer Verfahren: den Ursachen auf den Grund gehen

Wie klĂ€ren hĂ€ndigkeitsgeschulte Ergotherapeut:innen die HĂ€ndigkeit ab? ZunĂ€chst findet ein AnamnesegesprĂ€ch statt, ergĂ€nzt durch einen ausfĂŒhrlichen Elternfragebogen. Danach geht es mit standardisierten und wissenschaftlich fundierten Testverfahren wie beispielsweise dem HĂ€ndigkeitsprofil weiter. Mit diesem Assessment wird unter anderem ermittelt, welche Hand wie viel öfter eingesetzt wird und welche Hand um wie viel besser ist im Vergleich zur anderen. "ZusĂ€tzlich ist es ganz wichtig, das Kind am Ende der Testung selbst zu befragen, welche Hand sich besser anfĂŒhlt, denn Außenstehende können nicht einschĂ€tzen, was das Kind eventuell gut, merkwĂŒrdig und unangenehm findet", so Kraus. Ergotherapeut:innen, die das HĂ€ndigkeitsprofil verwenden, werten dieses aus, analysieren und interpretieren die Ergebnisse, die sie dann im Detail mit dem Kind und den Eltern besprechen.

Das HĂ€ndigkeitsprofil: fundierte Entscheidung ĂŒber Links- oder RechtshĂ€ndigkeit treffen

Meist ist nach dem Testen mit dem HĂ€ndigkeitsprofil klar, ob das Kind die linke oder die rechte Hand zum Schreiben und Malen bevorzugt. Um dies zu automatisieren damit sich Kinder beim Schreiben auf Aspekte wie Rechtschreibung, Inhalt und Grammatik konzentrieren können, schulen und trainieren Ergotherapeut:innen die grafomotorischen und feinmotorischen FĂ€higkeiten des Kindes konsequent mit der festgelegten Schreibhand. Bei anderen TĂ€tigkeiten wie etwa mit der Schere schneiden, Besteck benutzen oder HĂ€mmern und Werkeln, kann das Kind selbst entscheiden, welche Hand es am liebsten einsetzt, je nachdem welche sich besser anfĂŒhlt. Mit dieser jeweils festgelegten Hand werden dann die damit verbundenen TĂ€tigkeiten geĂŒbt, damit auch hier Automatisieren und die Entwicklung von Fertigkeiten erfolgen können.

Auch im Schnellverfahren: Ergotherapeut:innen geben Kind und Eltern Sicherheit

LĂ€sst sich die HĂ€ndigkeit zunĂ€chst nicht klar feststellen, ĂŒben Ergotherapeut:innen mit den Kindern bimanuelle - also mit beiden HĂ€nden - und Überkreuzungsbewegungen. Dies kann jedoch nur stattfinden, wenn es ausreichend Zeit bis zu Einschulung gibt. FĂŒr den Fall, dass die Einschulung kurz bevorsteht, empfiehlt Prof. Kraus ein von ihr humorvoll "HĂ€rtetest" genanntes Schnellverfahren. Die Kinder schreiben, malen, malen aus und machen unterschiedliche TĂ€tigkeiten vielfach und ĂŒber eine lĂ€ngere Zeitspanne mit jeder Hand. Gemeinsam mit der Ergotherapeut:in beurteilt das Kind im Anschluss die einzelnen Sequenzen, sagt, mit welcher Hand es schöner malen konnte oder was sich besser angefĂŒhlt hat. Alle diese Aussagen und Überlegungen fließen in die Entscheidung ein, mit welcher Hand das Kind schreiben lernt. Ein ausfĂŒhrlicher Test zur HĂ€ndigkeit durch spezialisierte Ergotherapeut:innen verleiht dem Kind und sicher auch seinen Eltern die nötige Sicherheit fĂŒr einen guten Start in das Schulleben.

Mit ergotherapeutischer UnterstĂŒtzung bis ins Erwachsenenalter möglich: RĂŒckschulung von rechts nach links

Die Folgen einer Umschulung - in aller Regel passiert dies bei einer angeborenen LinkshĂ€ndigkeit auf Schreiben mit rechts - können, mĂŒssen aber nicht belastend sein. "Wer allerdings die bereits beschriebenen Schwierigkeiten hat und einen entsprechenden Leidensdruck verspĂŒrt, sollte ĂŒber eine RĂŒckschulung nachdenken; dabei ist es unwesentlich, wie alt jemand ist", rĂ€t die Ergotherapeutin Prof. Kraus. Bei Kindern kann dies optimalerweise in den Sommerferien stattfinden; Erwachsene haben eigene Vorstellungen und Möglichkeiten. Wesentlich ist in einem solchen Fall, dass auch das Umfeld mitspielt und sich einbinden lĂ€sst. Sind das Kind und seine Eltern motiviert, eine RĂŒckschulung zu beginnen, ist auch die Kooperationsbereitschaft von Erzieher:innen oder Lehrer:innen gefordert. "Ohne die UnterstĂŒtzung und auch RĂŒcksichtnahme der beteiligten Lehrer:innen ist der Erfolg einer RĂŒckschulung nicht gesichert. Eine entsprechende ergotherapeutische Beratung und Informationsaustausch sind maßgeblich", hĂ€lt Prof. Kraus fest. "Es ist kein leichtes Unterfangen, lohnt sich aber in den meisten FĂ€llen", so das Fazit der Expertin.

Informationsmaterial zu den vielfÀltigen Themen der Ergotherapie gibt es bei den Ergotherapeut:innen vor Ort; Ergotherapeut:innen in WohnortnÀhe auf der Homepage des Verbandes unter https://dve.info/service/therapeutensuche.

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Angelika Reinecke, Deutscher Verband Ergotherapie e.V. (DVE),
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