Gesellschaft, Architektur

Kunst als soziale Infrastruktur: Wie Jana Dettmer mit The Square Project aus FlÀchen Orte macht und Verbundenheit stiftet

22.12.2025 - 15:28:34

Köln - Wer sich durch die Architektur unserer Gegenwart bewegt, kennt diese Zonen: ÜbergĂ€nge, Foyers, Flure, Empfangsbereiche. Orte, die man passiert, ohne sie wirklich zu betreten. Sie sind funktional, oft neutral, manchmal ĂŒberladen - und fast immer austauschbar. Gerade dort, wo viele Menschen tĂ€glich zusammenkommen, bleibt selten etwas hĂ€ngen, das Identifikation oder Ruhe ermöglicht. Die Kölner KĂŒnstlerin Jana Dettmer setzt mit ihrem Herzprojekt "The Square Project" genau an diesem Punkt an: Sie will RĂ€ume nicht dekorieren, sondern ihnen eine spĂŒrbare, wiedererkennbare Haltung geben - als kĂŒnstlerischen Beitrag zu einem Alltag, der zunehmend von Reiz, Tempo und AnonymitĂ€t geprĂ€gt ist.

Dettmers Ansatz ist dabei so klar wie konsequent: Farbe wird zur Sprache, Geometrie zur Grammatik. Das Quadrat ist nicht Motiv, sondern System. Aus einzelnen Elementen entsteht ein Raster, aus einem Raster eine AtmosphĂ€re - und aus einer FlĂ€che ein Ort, der etwas auslöst: Innehalten, Orientieren, Wiedererkennen. FĂŒr Dettmer ist das keine Stilfrage, sondern eine gesellschaftliche.

Wenn Kunst mehr ist als "schön": Der Ort als soziale Aufgabe

In der Kulturberichterstattung wird Kunst hĂ€ufig ĂŒber Inhalte, Formensprache und kunsthistorische BezĂŒge verhandelt. Bei "The Square Project" drĂ€ngt sich zusĂ€tzlich eine andere Frage auf: Was kann Kunst im öffentlichen und halböffentlichen Raum leisten - jenseits von ReprĂ€sentation und Prestige?

Dettmer beantwortet das mit einem Begriff, der zunĂ€chst aus dem StĂ€dtebau zu stammen scheint: Infrastruktur. Nur meint sie damit nicht Leitungen und Wege, sondern das, was RĂ€ume im Alltag zusammenhĂ€lt: Orientierung, Wiedererkennung, das GefĂŒhl, nicht verloren zu sein, sondern gemeint zu sein. "Mit meiner Kunst möchte ich Menschen inspirieren, in Bewegung zu bleiben und ihre Ideen weiter zu verfolgen", sagt Dettmer. Dieser Satz wirkt wie ein persönliches Credo - und er erklĂ€rt, warum ihre Installationen nicht auf Effekt zielen, sondern auf Haltung.

Denn in einer Umgebung, die stĂ€ndig Aufmerksamkeit fordert, wird Klarheit zur Entlastung. In einem Alltag, der viele Menschen in Übergangszonen verbannt - zwischen Terminen, ZustĂ€ndigkeiten, Aufgaben - wird ein Ort, der eine erkennbare IdentitĂ€t hat, schnell mehr als Kulisse. Dettmers Installationen verstehen sich als Einladung zur bewussten Wahrnehmung: nicht laut, nicht belehrend, aber prĂ€sent. Sie stiften Bezugspunkte, die man wiederfindet. Und Wiederfinden ist, im Kleinen, bereits ein soziales Angebot.

Hier schließt sich auch die gesellschaftliche Relevanz an, die ĂŒber Kunstinteresse hinausreicht: RĂ€ume prĂ€gen Verhalten. Sie beeinflussen, ob Menschen sich sammeln oder hetzen, ob sie sich orientieren oder ĂŒberfordert sind, ob sie in Beziehung treten oder aneinander vorbeigleiten. Dettmers "The Square Project" will solche ZustĂ€nde nicht verwalten, sondern verĂ€ndern - durch eine Sprache, die jeder versteht, ohne dass man "Kunst verstehen" muss: Farbe.

Das Quadrat als Einladung: Ordnung, die nicht einengt

Die zentrale Figur in Dettmers Projekt ist das Quadrat. In ihren Texten beschreibt sie es als Symbol fĂŒr Grenze und deren Überwindung: zwei horizontale und zwei vertikale Linien, die ordnen - und gleichzeitig öffnen. Diese Symbolik ist kein nachtrĂ€gliches Etikett, sondern trĂ€gt den konzeptionellen Kern: Das Quadrat erlaubt Strenge, ohne starr zu werden. Es ermöglicht Systeme, ohne in Ornamentik zu kippen. Es ist ein Format, das sich verbinden lĂ€sst - modular, seriell, variabel.

In der Konsequenz wird der Raum nicht "voller", sondern klarer. Die Installation entsteht aus der Anordnung der Quadrate zueinander: aus AbstĂ€nden, Rhythmen, Reihungen, aus dem Wechselspiel von FarbflĂ€chen. Dettmer arbeitet mit intensiven Tönen und einer strengen Ordnung - und erzeugt damit nicht KĂ€lte, sondern eine einzigartige, konzentrierte WĂ€rme. Das Projekt versteht Raum und Kunst als Einheit: GrĂ¶ĂŸe, Anzahl, Anordnung und Farbkomposition werden auf den Charakter des Ortes abgestimmt. So entstehen keine austauschbaren Lösungen, sondern Setzungen, die die Eigenart eines Ortes aufgreifen und verdichten.

Das Entscheidende ist: Die Ordnung dient nicht der Disziplinierung, sondern der ZugĂ€nglichkeit. Dettmers Raster sind so etwas wie visuelle GelĂ€nder. Sie helfen dem Blick - und damit dem Menschen - sich zu verorten. In einer Zeit, in der Gestaltung hĂ€ufig entweder nach Aufmerksamkeit schreit oder in NeutralitĂ€t verschwindet, wirkt diese Form von Klarheit fast ĂŒberraschend. Sie nimmt den Ort ernst, statt ihn zu ĂŒbertönen.

Damit rĂŒckt "The Square Project" in eine Tradition, die in der Kunstgeschichte immer wieder aufleuchtet: die Idee, dass Reduktion nicht Verzicht ist, sondern Verdichtung. Dass Geometrie nicht distanziert, sondern strukturiert. Und dass Farbe nicht Dekor, sondern Energie sein kann - ein Medium, das unmittelbar wirkt.

Verbundenheit als Wirkung: Warum Bezugspunkte gesellschaftlich zÀhlen

Das Wort "Verbundenheit" klingt zunĂ€chst weich, beinahe privat. Im Kontext von Raumgestaltung ist es jedoch ein hartes Kriterium: Verbundenheit entscheidet darĂŒber, ob Orte angenommen werden oder als Nicht-Orte bleiben. Dettmers Projekt ist genau dort verortet - in der Transformation von FlĂ€chen, die man lediglich nutzt, hin zu Orten, zu denen man sich verhĂ€lt.

Diese Wirkung entsteht nicht durch ErzĂ€hlung, sondern durch Erfahrung. Das Raster ist wiedererkennbar. Es ist nicht beliebig. Es bildet, im besten Sinn, eine Adresse im Raum. Und wo Adressen entstehen, entsteht Öffentlichkeit: ein gemeinsamer Referenzpunkt, ĂŒber den man sprechen kann, an dem man sich orientiert, an dem man sich "trifft", auch wenn man sich nicht verabredet. Das klingt unspektakulĂ€r - ist aber im Alltag oft der Unterschied zwischen Vereinzelung und Miteinander.

Dettmers Kunst will dabei nicht sozialpĂ€dagogisch sein. Sie arbeitet nicht mit Botschaften, die man "lesen" muss, sondern mit einer AtmosphĂ€re, die man spĂŒrt. Sie lĂ€dt ein, statt zu erklĂ€ren. Und gerade diese ZurĂŒckhaltung kann in RĂ€umen, die tĂ€glich von vielen genutzt werden, eine StĂ€rke sein: Die Installation wird Teil der Umgebung, ohne sie zu dominieren. Sie ist prĂ€sent genug, um Bezug zu stiften - und offen genug, um unterschiedlich gelesen zu werden.

Auch deshalb lĂ€sst sich "The Square Project" als "soziale Infrastruktur" verstehen: nicht als Programm, sondern als Rahmen. Ein Rahmen, der Menschen nicht inhaltlich lenkt, aber ihnen ermöglicht, sich im Raum zu orientieren, zu sammeln, zu erkennen. Die gesellschaftliche Dimension liegt im Zusammenspiel aus Klarheit und Offenheit: Wer sich zurechtfindet, bleibt eher gelassen. Wer Bezugspunkte hat, fĂŒhlt sich eher zugehörig. Und wer sich zugehörig fĂŒhlt, verhĂ€lt sich anders - respektvoller, aufmerksamer, weniger gehetzt.

Jana Dettmer: Farbe als Haltung

Jana Dettmer lebt und arbeitet in Köln und in SĂŒdfrankreich. Sie beschĂ€ftigt sich seit Jahren intensiv mit der Ă€sthetischen, psychologischen und philosophischen Bedeutung von Farbe. Ihre Arbeiten wurden in mehreren StĂ€dten im In- und Ausland gezeigt; zudem sind Werke in nationalen und internationalen Sammlungen vertreten. 2022 erschien ihre Monografie "Neue Farbmalerei | New Colour Painting. Das unendliche Spiel der Farben" (ArtForum Editions), die ihren Weg der Verdichtung und Klarheit dokumentiert.

"The Square Project" bĂŒndelt diese Entwicklung in einer Form, die zugleich kĂŒnstlerisch prĂ€zise und gesellschaftlich anschlussfĂ€hig ist: ein Projekt, das nicht fordert, dass man Kunstexpertise mitbringt - sondern das zeigt, dass Kunst dort am stĂ€rksten wirkt, wo sie unser tĂ€gliches Leben berĂŒhrt. Nicht als lauter Kommentar, sondern als spĂŒrbare VerĂ€nderung des Raums.

Und vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieses Projekts: Es nimmt das "Dazwischen" ernst - jene Orte, die wir sonst ĂŒbersehen. In ihnen entscheidet sich, wie wir uns bewegen, wie wir uns begegnen, wie wir uns fĂŒhlen. Wenn Kunst dort Bezug schafft, entsteht mehr als ein schönes Bild. Es entsteht ein Ort.

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