Vampire: Warum Dracula seit 1897 die Leinwand beherrscht
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 07:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSVampire zwischen Horror und Verführung
- Bram Stokers Roman „Dracula“ erschien am 26. Mai 1897.
- Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu“ kam 1922 als erster großer deutscher Vampirfilm heraus.
- Ende Oktober startet „Die Blutgräfin“ mit Isabelle Huppert, Ende November folgt „The Reluctant Vampire“.
Der Vampir bleibt ein Serien- und Filmstar
Vampire erleben in der deutschen Film- und Serienlandschaft derzeit einen Boom: In „Love Sucks“, „Oderbruch“ und „City of Blood“ treten sie als Verführer, Widerstandskämpfer oder machtbewusste Geschäftsmänner auf. Ende Oktober erscheint der Kinofilm „Die Blutgräfin“ mit Isabelle Huppert, Ende November startet die britisch-deutsche Coming-of-Age-Comedyserie „The Reluctant Vampire“.
Die Figur des Blutsaugers ist dabei nicht neu, sondern geht in ihrer modernen Form auf Bram Stokers Roman „Dracula“ zurück, der am 26. Mai 1897 veröffentlicht wurde.
Stoker prägt das Vampirbild
Inspiriert wurde Graf Dracula vom historischen Herrscher Vlad III., der 1431 geboren wurde und als „der Pfähler“ bekannt war. Der Film- und Kulturwissenschaftler Marcus Stiglegger beschreibt Eigenschaften wie Reißzähne, Blutdurst, den Sarg, die Abneigung gegen Knoblauch und das fehlende Spiegelbild als bis heute typische Elemente.
Stokers Roman habe damit ein Set an Merkmalen geschaffen, das Filmemacher immer wieder neu kombinieren könnten. Der Vampir eigne sich als Bild und Metapher für unterschiedliche gesellschaftliche und persönliche Konflikte.
Vom Grafen Orlok zum eleganten Dracula
Friedrich Wilhelm Murnau machte 1922 mit „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ einen der ersten großen deutschen Vampirfilme. Sein Graf Orlok wirkt mit langen Fingern, abstehenden Ohren und spitzen Zähnen wie ein bedrohliches, rattenhaftes Wesen.
Ganz anders erscheint Bela Lugosi als Dracula in Tod Brownings Film von 1931: elegant, dandyhaft und verführerisch. An diesem Gegensatz zeigt sich laut Stiglegger, wie weit die Figur zwischen monströsem Schrecken und erotischer Anziehungskraft ausgedehnt werden kann.
Macht, Melancholie und ewige Jugend
Vampire können souveräne, zeitlose Wesen sein, aber auch Figuren, die unter ihrer Unsterblichkeit leiden. „Only Lovers Left Alive“ verbindet das Motiv mit einem melancholischen Liebesfilm, während Produktionen wie „Near Dark“, „Underworld“ und „Blade“ stärker die gewaltsame Überlegenheit der Vampire betonen.
In „City of Blood“ treffen beide Seiten aufeinander: Die Vampire töten Menschen und streben nach politischer Macht, hadern zugleich aber mit ihrem langen Leben und der Existenz in der Nacht.
Ein Motiv fĂĽr jede Genregeschichte
Ob Western, Thriller, Gangsterfilm, romantisches Drama oder Teenie-Serie: Der Vampir lässt sich in viele Erzählformen übertragen. Weil er die Zeiten überdauert, kann an ihm auch Geschichte und Vergangenheit neu verhandelt werden.
Besonders erfolgreich ist die Verbindung von Gefahr und Attraktivität. In „Twilight“ fühlt sich Bella zu Edward hingezogen, obwohl er als Raubtier eine potenzielle Bedrohung bleibt und seinen Blutdurst kontrollieren muss.
Schönheit als zeitgemäße Projektionsfläche
Stiglegger sieht einen Zusammenhang zwischen dem aktuellen Interesse an Vampiren und der starken Beschäftigung mit Körper, Fitness, Influencer-Kultur und Jugend. Viele moderne Vampire seien nicht nur unsterblich, sondern auch außergewöhnlich schön.
In „Love Sucks“ verliebt sich eine junge Frau in einen attraktiven Vampir. Die ewige Jugend und Schönheit bleibt damit ein zentrales Versprechen der Figur – neben ihrer Fähigkeit, Ängste, Machtfantasien und das Bedürfnis nach Grenzüberschreitung sichtbar zu machen.
Vampirgeschichten verbinden seit Bram Stokers Roman „Dracula“ von 1897 mehrere Motive, die sich immer wieder an neue Publika anpassen lassen: Gefahr, Begehren, Macht, Alter und der Wunsch nach ewiger Jugend. Die Figur ist deshalb weniger an eine einzelne Handlung gebunden als an ein wandelbares kulturelles Modell.
Die Entwicklung vom monströsen Grafen Orlok über den eleganten Dracula bis zum romantischen Teenager-Vampir zeigt, wie stark sich die Gewichtung dieser Motive verändert hat. Ältere Verfilmungen betonten häufig Bedrohung und das Überschreiten gesellschaftlicher Grenzen. Spätere Produktionen rückten stärker die Perspektive des Vampirs, seine Einsamkeit oder den Konflikt zwischen Begehren und Selbstkontrolle in den Mittelpunkt.
Warum die Figur anschlussfähig bleibt
Aktuelle Produktionen können den Vampir mit politischen Konflikten, Coming-of-Age-Themen, Liebesgeschichten oder schwarzem Humor verbinden. Seine Unsterblichkeit schafft dabei eine erzählerische Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, während Blut, Nacht und Verführung für körperliche und soziale Ängste stehen.
Für Zuschauer liegt der Reiz gerade in dieser Doppelrolle: Der Vampir ist zugleich gefährliches Raubtier und attraktive Projektionsfläche. Der gegenwärtige Boom lässt sich damit als Fortsetzung einer langen Mediengeschichte verstehen, in der sich gesellschaftliche Vorstellungen von Schönheit, Selbstbestimmung und Anderssein in einer bekannten Figur spiegeln.
