SondengÀnger, JÀger

SondengÀnger: Die JÀger der verlorenen SchÀtze

15.04.2024 - 09:04:36

Als RaubgrĂ€ber gefĂŒrchtet, als Helfer der ArchĂ€ologie geschĂ€tzt - wĂ€hrend der Corona-Pandemie hat sich die Zahl der Schatzsucher mit Metalldetektor deutlich erhöht. Das Hobby hat seine TĂŒcken.

«Piiiep, piiiep» - «Das knallt doch ganz gut rein», sagt Carsten Konze. Der 47-jĂ€hrige Kölner ist noch keine zwei Minuten auf dem Acker, da hat er schon sein erstes gutes Signal. Der Metalldetektor meldet es mit einem krĂ€ftigen Piepen. Schatzsucher wie Konze nennen sich auch Sondler oder SondengĂ€nger. Konze ist in der Szene eine BerĂŒhmtheit.

Er ist einer der ganz wenigen von geschÀtzten 30.000 Schatzsuchern in Deutschland, die ihr Hobby zum Beruf machen konnten. Auf Youtube hat sein Kanal «German Treasure Hunter» fast 160.000 Abonnenten, auf Tiktok hat er 213.000 Follower. Dort haben sieben Millionen sein erfolgreichstes Video gesehen.

In einer Glasvitrine sind seine besten Funde aufgereiht: eine Pfeilspitze aus der Bronzezeit, 3500 Jahre alt, eine keltische MĂŒnze 290 v. Chr., Sesterzen und Denare aus der Römerzeit, eine römische Speerspitze. Doch ein Fund fehlt: eine kunstvoll verzierte Fibel aus der Römerzeit aus massivem Gold. Mit solchen SchmuckstĂŒcken schlossen reiche Römer ihre UmhĂ€nge.

Weil die Fibel einen besonderen wissenschaftlichen Wert hat, kam sie ins sogenannte Schatzregal. Konze hat fĂŒr seinen spektakulĂ€ren Fund 5000 Euro EntschĂ€digung vom Staat bekommen. «Damit bin ich sehr zufrieden», sagt er. «Ich melde alles, was Ă€lter ist als Mittelalter. Einmal im Jahr bringe ich diese Sachen zu einer ArchĂ€ologin des Landschaftsverbands Rheinland. 99 Prozent der StĂŒcke bekomme ich zurĂŒck.»

Mit dem, was wissenschaftlich wertvoll ist, sei das so eine Sache: Eine einzelne Musketenkugel sei nicht relevant, aber Hunderte Musketenkugeln deuten auf ein historisches Schlachtfeld.

Die ZugangshĂŒrden fĂŒr SondengĂ€nger wie ihn sind von Bundesland zu Bundesland verschieden. FĂŒr die Suche braucht der SchatzjĂ€ger aber nicht nur eine behördliche Nachforschungsgenehmigung, sondern auch grĂŒnes Licht von den EigentĂŒmern der FlĂ€chen, auf denen er suchen will. BodendenkmĂ€ler sind tabu, auch in WĂ€ldern darf in der Regel nicht gegraben werden. So bleiben die Äcker, zigmal umgepflĂŒgt, das natĂŒrliche Terrain der Schatzsucher.

ArchĂ€ologen fĂŒrchten die RaubgrĂ€ber

«Die illegale ArchĂ€ologie ist ein großes Problem», sagt ArchĂ€ologin Marion BrĂŒggler, die in Xanten (NRW) die Außenstelle des Amtes fĂŒr Bodendenkmalpflege des Landschaftsverbands Rheinland leitet. «Es gibt eine große Zahl von SondengĂ€ngern, die sich nicht an die Spielregeln halten.» Im Rheinland wird ein Sondler, der eine Genehmigung beantragt, bei einem ErstgesprĂ€ch mit diesen Regeln vertraut gemacht.

Weil die Suche - allein und draußen - wĂ€hrend der Corona-Pandemie noch beliebter wurde, sei die Zahl der SondengĂ€nger stark gestiegen. «Wir haben ein Problem, wenn wissenschaftlich relevante Funde nicht gemeldet werden», sagt BrĂŒggler. Vor einiger Zeit hĂ€tten RaubgrĂ€ber bei Goch am Niederrhein ein frĂ€nkisches GrĂ€berfeld aus dem 6. bis 8. Jahrhundert geplĂŒndert. «Wir haben von diesem Fundplatz erfahren, als das Gebiet schon fĂŒr den Kiesabbau genutzt wurde. Das GrĂ€berfeld ist fĂŒr die Nachwelt verloren.»

Vertrauensvolle SondengĂ€nger erhalten dagegen auch schon mal einen gezielten Suchauftrag der AmtsarchĂ€ologen, denn die können die vielen weißen Flecken und VerdachtsfĂ€lle auf ihren Karten nicht alle selbst erkunden, sagt BrĂŒggler.

In LÀndern wie den Niederlanden sei man schon einen Schritt weiter und deutlich digitaler, berichtet Konze: Funde können noch vor Ort fotografiert und samt Standort ohne Papierkram rasch per App gemeldet werden.

Hobby-Sondler stießen auf unbekanntes Schlachtfeld

Mehrfach wurden Sensationsfunde wie die Himmelsscheibe von Nebra oder der Barbarenschatz von RĂŒlzheim nicht den Behörden gemeldet. Wie wertvoll die Hobbysucher aber auch sein können, zeigte sich am Randes des Harzes im sĂŒdlichen Niedersachsen. Dort stießen Hobby-Sondler vor etwa 15 Jahren auf ein Schlachtfeld eines römischen Feldzuges, auf den es in der Geschichtsschreibung keine Hinweise gab - 200 Jahre nach der verlorenen Varusschlacht, als man lĂ€ngst keine Römer mehr in Germanien vermutete. Eine grĂ¶ĂŸere Gruppe Hobby-SondengĂ€nger wurde in die Erkundung des Gebietes eingebunden und förderte mehr als 1500 Artefakte zutage.

Wem es nicht um AltertĂŒmer und Geschichte geht, sondern um möglichst viel Geld, der sucht am besten unter einer Achterbahn oder unter einer Strandbar. Eine dritte Variante sind private SuchauftrĂ€ge: der verlorene Hochzeitsring, oder das vergrabene und nicht mehr wiedergefundene Familiensilber.

Dass Konze auf dem Acker so schnell fĂŒndig wird, verdankt er seiner Vorbereitung: Auf dem Display seines Handys hat er nicht nur seinen GPS-Standort auf einer aktuellen Karte parat - er kann auch historische Karten darĂŒber legen. «Hier war im 19. Jahrhundert ein Handelsweg, der nach Köln fĂŒhrte», sagt er und steckt einen Bereich ab, der frĂŒher eine Wegkreuzung war und heute ein unscheinbares StĂŒck Kartoffelacker ist.

Konzes erster Fund passt zur alten Handelsstraße: eine Verzierung eines alten Pferdegeschirrs oder einer Kutsche. Dann geht es Schlag auf Schlag: ein Bronzering, eine mittelalterliche Buchschließe und eine MĂŒnze aus der Kaiserzeit tauchen aus wenigen Zentimetern Tiefe auf.

Nicht alles ist Gold, was piept

Daneben gerĂ€t aber auch eine Alu-Dosen-Abziehlasche nach der anderen unter den Detektor: «85 Prozent aller Funde sind MĂŒll», sagt Konze. Nach dem fĂŒnften Dosenverschluss hat er einen Verdacht: «Ich glaube, der Bauer hat hier beim SĂ€en, Ernten und PflĂŒgen regelmĂ€ĂŸig seinen Durst gelöscht.»

Der Metalldetektor piepst nicht nur, er zeigt auch einen Leitwert an: Leitwerte bis 10 sind Eisen und in aller Regel Schrott. Sehr hohe Leitwerte von 80 oder 90 deuten dagegen auf Gold hin.

Neben der goldenen römischen Fibel zĂ€hlt ein MĂŒnzschatz mit mehreren 100 MĂŒnzen zu Konzes besten Funden. Das Video von ihm, das bei Youtube am meisten geschaut wurde, zeigt ihn aber mit einer Reihe von PanzerfĂ€usten und Minen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Vor solchen Kriegsrelikten hat Konze den grĂ¶ĂŸten Respekt. «Die sollte man am besten gar nicht anfassen und sofort die Polizei anrufen. Die rufen dann den KampfmittelrĂ€umdienst.» Trotz aller Erfolge hat Profi-Schatzsucher Konze noch einen großen Wunsch: «Eine echte Schatzkiste möchte ich noch finden. Die hatte ich noch nicht.»

@ dpa.de