Gewalt, PflegekrÀfte

Gewalt gegen PflegekrĂ€fte und Ärzte nimmt zu

04.03.2024 - 07:35:46

An deutschen KrankenhĂ€usern steigt die Zahl von Gewalttaten. Ein Ärzteverband fordert mehr Maßnahmen. Wie schĂŒtzt man das Personal besser?

Er sei wĂ€hrend der Arbeit schon geschubst, beleidigt, angespuckt und in jeglicher Form bedroht worden, erzĂ€hlt Tobias. FĂŒr ihn sei das «Alltag». Tobias ist Physician Assistant an einer Berliner Klinik. Der gelernte Kranken- und Notfallpfleger arbeitete jahrelang in der Notaufnahme eines großen Berliner Krankenhauses. Er und seine Kolleginnen und Kollegen hĂ€tten hĂ€ufig körperliche Gewalt von Patienten oder ihren Angehörigen erfahren, sagt er.

Eine Abfrage bei den LandeskriminalÀmtern zeigt: Die Zahl von Gewalttaten in deutschen KrankenhÀusern steigt. Bundesweit ist die Zahl sogenannter Rohheitsdelikte in medizinischen Einrichtungen seit 2019 um etwa 18 Prozent auf mehr als 6190 Taten im Jahr 2022 gestiegen. Unter Rohheitsdelikte fallen Straftaten wie Raub oder Körperverletzung und Straftaten gegen die persönliche Freiheit. Im Jahr 2019 waren es noch etwa 5245 Delikte im Umfeld einer medizinischen Einrichtung. Die Zahlen gehen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik der LandeskriminalÀmter hervor.

Die LĂ€nder Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sind bei den Daten nicht inbegriffen, da sie Tatorte erst seit 2020 gesondert in ihrer Statistik erfassen. In Berlin liegen bereits Zahlen fĂŒr 2023 vor: Dort wurden im vergangenen Jahr 802 Rohheitsdelikte in KrankenhĂ€usern polizeilich erfasst. Das bedeutet eine Zunahme von etwa 50 Prozent im Vergleich zu 2019. Auch in Niedersachsen geht man von einer Steigerung der Zahl der FĂ€lle im vergangenen Jahr aus.

Die Daten lassen allerdings nicht erkennen, von wem die Gewalt verĂŒbt wurde. So kann sowohl das Opfer als auch der TatverdĂ€chtige aus dem Bereich des Ă€rztlichen oder pflegerischen Personals stammen.

Peter Bobbert vom Ärzteverband Marburger Bund zeigt sich angesichts der steigenden Zahlen besorgt: «Leider sind es keine EinzelfĂ€lle und leider ist es auch keine gefĂŒhlte Wahrnehmung, denn die Zahlen zeigen einen deutlichen Anstieg von Gewalterfahrungen des pflegerischen und Ă€rztlichen Personals in KrankenhĂ€usern.» Er vermute, dass es ein großes Dunkelfeld gebe und viele FĂ€lle verbaler Gewalt und Bedrohungen gar nicht erst erfasst wĂŒrden.

Woher kommt die Gewalt?

Gerade in Rettungsstellen der KrankenhĂ€user sei die Zahl der Gewalterfahrungen hoch, sagt Bobbert. Oft spiele Alkohol eine Rolle bei gewalttĂ€tigen Patienten. Auch das Gewaltpotenzial von Familienangehörigen oder Bekannten der Patienten habe in erheblichem Umfang zugenommen. Auslöser fĂŒr Gewaltsituationen könnten beispielsweise als zu lang empfundene Wartezeiten sein.

«Davor dĂŒrfen wir unsere Augen nicht verschließen und mĂŒssen unsere Mitarbeitenden darauf vorbereiten und sie entsprechend schulen», fordert Bobbert. Auch die Sicherheitsmaßnahmen in KrankenhĂ€usern und Gesundheitseinrichtungen mĂŒssten erhöht werden: «Es ist unabdingbar, gerade auch in bestimmten HĂ€usern und Einrichtungen dauerhaft Sicherheitspersonal vorzuhalten, um die Mitarbeitenden besser zu schĂŒtzen», so Bobbert.

Auch Physician Assistant Tobias fordert mehr Sicherheit fĂŒr das Krankenhauspersonal. «Man fĂŒhlt sich hĂ€ufig alleingelassen mit den Problemen», sagt er. Es gebe nicht genug Wachschutz und es gehöre in vielen Notaufnahmen nicht zum Standard, dass TĂŒren zu DienstrĂ€umen verschlossen sind. «Das sind ganz einfache Möglichkeiten, um Kollegen zu schĂŒtzen», sagt er.

Schulungen fĂŒr Ärzte und PflegekrĂ€fte gefordert

Peter Bobbert vom Marburger Bund erklĂ€rt, es gehe auch darum, PflegekrĂ€fte und Ärzte so zu schulen, dass Gewaltsituationen bereits im Entstehen erkannt werden, damit sie möglichst unter Kontrolle blieben und das Personal keinen Schaden nehme. «Genau die richtigen Verhaltensweisen in einer solchen oft nicht vorhersehbaren Situation schnell anzuwenden, muss noch mehr bei den Mitarbeitenden verankert werden.»

Auch Tobias nahm als Pfleger an einem Deeskalationstraining teil. Das funktioniere dahingehend, dass man schon zu Beginn einer eskalierenden Situation erste Triggerpunkte erkennen und so frĂŒh reagieren könne. «Man lernt Coping-Strategien, um Angehörige ein bisschen herunterzufahren», sagt er. Es sei aber nicht immer einfach, sich darauf zu besinnen, wenn man selbst stark unter Stress stehe.

«Ich habe oft gezweifelt», sagt der erfahrene Pfleger. Schließlich habe er deshalb studiert und sei Physician Assistant geworden. Unter den derzeit gegebenen Voraussetzungen wĂŒrde er niemandem raten, in die Pflege zu gehen. «Warum sollte ich mich einer Gefahr aussetzen, der ich nicht ausgesetzt werden muss, fĂŒr ein Gehalt, das verschwindend ist?»

@ dpa.de