Panne, Soldaten

Panne: Soldaten errichten Stellung auf GrabhĂŒgel

15.08.2025 - 14:02:43

An einem mehrere Tausend Jahre alten GrabhĂŒgel in Schleswig-Holstein finden sich Spuren einer illegalen Grabung. ArchĂ€ologen machen sich auf die Spur. Und finden etwas völlig Unerwartetes.

Vorsichtig arbeitet sich Grabungshelfer Christian Bartels mit seiner Schaufel in dem lehmigen Boden eines Waldes bei Ahrensbök in Schleswig-Holstein voran. Erst kommen auf dem mehrere Tausend Jahre alten GrabhĂŒgel Fetzen aus Leinen zum Vorschein, dann ein ganzer, befĂŒllter Sandsack mit Bundeswehr-Nummer. Schnell zweifelt Grabungsleiter Christoph Unglaub vom ArchĂ€ologischen Landesamt an der Ursprungsthese, dass hier RaubgrĂ€ber am Werk waren.

Immer mehr SandsĂ€cke buddelt das Team aus, dann dicke Äste, die wie die Befestigung einer Seitenwand aussehen. Als hinzugerufene Soldaten sich das Ergebnis der Grabung ansehen, ist rasch klar: Das MilitĂ€r hat bei einer Übung versehentlich direkt auf dem GrabhĂŒgel eine Stellung errichtet und das Denkmal aus der Jungsteinzeit damit zum Teil zerstört.

Die ArchĂ€ologen waren zunĂ€chst von einer Raubgrabung ausgegangen. ArchĂ€ologe Unglaub zeigt sich erleichtert: «Bei RaubgrĂ€bern hĂ€tte ich das dumpfe GefĂŒhl gehabt, dass die weitermachen.»

Denkmal beschÀdigt

Die Bundeswehr rĂ€umt den Vorfall ein. «Die Bundeswehr nutzt derartige SandsĂ€cke zum Bau von Gefechtsstellungen im GelĂ€nde zum Schutz der Truppe», sagt FregattenkapitĂ€n Frank Martin, Sprecher der Bundeswehr in Schleswig-Holstein, der Deutschen Presse-Agentur. «Im konkreten Fall befand sich eine ĂŒbende Truppe im Juni dieses Jahres im Raum Ahrensbök in der einsatzvorbereitenden Ausbildung, die auch den Bau von Gefechtsstellungen beinhaltete.»

Martin geht davon aus, dass die Soldaten auf dem GrabhĂŒgel aufgrund der Anhöhe im GelĂ€nde eine Stellung gebaut hatten. Davon zeugen senkrecht in den Boden getriebene Pflöcke und dicke Äste als Befestigung an den Seiten. Und eben reichlich SandsĂ€cke.

Steinzeitgrab

Rund 19.000 Grabdenkmale sind laut ArchĂ€ologischem Landesamt allein in Schleswig-Holstein bekannt. Ein Teil von ihnen ist durch Landwirtschaft im Laufe der Zeit zerstört worden, auf anderen stehen mittlerweile BĂ€ume wie in diesem Fall. «Denkmale im Wald sind oft besser erhalten», sagt Unglaub. Durch die illegale Grabung lernen die ArchĂ€ologen aber auch etwas ĂŒber den HĂŒgel bei Ahrensbök.

«Wir haben auf jeden Fall, zumindest bis jetzt, einen archĂ€ologischen Fund. Wir haben ein Feuerstein-Fragment, das auch Spuren von Feuereinwirkung aufweist», sagt Unglaub. «Das heißt, wir haben hier einen Hinweis darauf, dass wir uns in der Jungsteinzeit befinden, wo das nĂ€mlich in den GrabhĂŒgeln regelhaft eingestreut wurde.» Er geht angesichts des krakelierten (rissigen) Feuersteins davon aus, dass der GrabhĂŒgel 4.000 bis 5.000 Jahre alt ist.

Der GrabhĂŒgel hat einen Durchmesser von rund 18 Metern und eine Höhe von 1,5 Metern. Wer dort seine letzte RuhestĂ€tte fand, ist unbekannt. «Hier wird jemand bestattet sein, der in der damaligen Zeit zumindest die Ehre bekommen hat, so einen großen GrabhĂŒgel zu kriegen», sagt der ArchĂ€ologe. Dass es Soldaten und keine RaubgrĂ€ber gewesen seien, mache es fĂŒr ihn ein bisschen besser. Aber: «Das Denkmal ist teilzerstört.»

Ehrenamtliche SondengÀnger

Bemerkt hat das illegale Vorgehen Grabungsarbeiter Bartels, der als ehrenamtlicher SondengĂ€nger Vertrauensmann der ArchĂ€ologen ist. Im Bereich Ahrensbök kontrolliert er regelmĂ€ĂŸig mehr als 40 Denkmale. Bei einem Besuch im Winter habe er davon noch nichts bemerkt, im Juli seien ihm zunĂ€chst dort sonst nicht liegende Steine aufgefallen, sagt Bartels. Bemerkt habe er auch das mit Ästen abgedeckte und wieder zugeschĂŒttete Grabungsloch.

Bartels ist einer von rund 500 aktiven Metallsuchern mit Erlaubnis des Landesamts. Die HobbyarchĂ€ologen dĂŒrfen zwar Funde aus den vom Pflug bewegten Erdschichten auf Äckern bergen. Zeichnet sich dagegen ab, dass ein Objekt noch in seinem ursprĂŒnglichen Zusammenhang eingebettet sein kann, sollen sie die Finger davon lassen.

Übungen im Wald

Revierleiter Götz-Alexander Mentz betreut rund 1.600 Hektar Wald in Schleswig-Holstein. Die sogenannte Kuhkoppel gehört dazu, wie das WaldstĂŒck bei Ahrensbök genannt wird. «Ich habe 43 GrabhĂŒgel im Revier», sagt er. In der jĂŒngeren Vergangenheit sind ihm immer wieder Soldaten im Wald aufgefallen. Die Bundeswehr komme hĂ€ufiger, «wenn nicht sogar wöchentlich».

Die Soldaten ĂŒbten in den WĂ€ldern, nicht nur in seiner Region, bestimmte Lagen, sagt Mentz. In seinem Revier seien oftmals AufklĂ€rer unterwegs. «Die sollen sich einbuddeln und dann im Endeffekt nachher Informationen erlangen.»

Die Bundeswehr will die Truppe nun sensibilisieren. «FĂŒr die Soldatinnen und Soldaten war dieser GrabhĂŒgel aus unterschiedlichen GrĂŒnden leider nicht als historischer GrabhĂŒgel erkennbar», sagt Sprecher Martin. Die Bundeswehr bedauere diesen Umstand sehr und lege viel Wert auf den Erhalt, die Pflege und den Schutz von derartigen historischen Orten. «Vor diesem Hintergrund werden wir unsere inneren AblĂ€ufe und Vorbereitungen fĂŒr einsatzvorbereitende Übungen noch einmal nachhaltig betrachten, um kĂŒnftig konkret den Schutz von historischen GrabhĂŒgeln zu gewĂ€hrleisten.»

Wenige Hundert Meter entfernt von der Grabungsstelle befindet sich ein weiter vorgeschichtlicher GrabhĂŒgel. Auch dort wurde ein Loch bemerkt, allerdings kleiner als die Hinterlassenschaft der Soldaten. Das Team um Unglaub erwĂ€gt, sich dieses Denkmal auch anzusehen.

@ dpa.de